von Renate17 » 01.09.2011, 14:12
Ich hätte die Trauerrede für meinen Vater gehalten, wenn der Mitarbeiter des Bestattungsinstitutes nicht davon abgeraten hätte. Und da meine Mutter noch lebte, also mehr die "Veranstalterin" war, hatte sie "das sagen", abgesehen von dem Umkehrschluss des Punktes "Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch". Letztlich habe ich aus genau diesem Grunde auch nicht mehr dagegen argumentiert, dass u.a. Freddys "Junge komm bald wieder" gespielt wurde *schauder* ich hätte die Internationale passender gefunden. Sei' s drum, es war Mutterns Veranstaltung und aus Respekt ihr und ihrem Verlust gegenüber habe ich mich zurückgehalten.
Die Tauerrede für meine Mutter habe ich gehalten. Es waren nicht viele Trauergäste anwesend, von denen nur zwei meine Mutter nicht näher kannten. So dass fast alle Anwesenden wussten, dass wir ein äußerst schlechtes Verhältnis zueinander hatten. Als ich hinter das Pult trat, sah ich beinahe wie Einige entsetzt nach Luft schnappten/den Atem anhielten. Nachdem ich -tränenlos- zu Ende war kamen sie alle, ausnahmslos, und sagten mir ich hätte das sehr sehr gut gemacht, und wie es sie erleichtert hätte, als sie im Laufe meiner Rede merkten, das ich diesen Anlass nicht missbrauchen würde Rache zu nehmen.
Ich hatte nichts beschönigt, mich nicht in den grausigen Details ergangen, die Tatsache dass sie auch eine Geschichte hatte und innerhalb der Gegebenheiten ihr Bestes versucht und gegeben hatte, nicht unberücksichtigt gelassen, und sie in Frieden ziehen lassen.
Das alles konnte ich ehrlich und aufrichtig sagen und tun, weil ich das Glück hatte -im Wissen ihres Sterbens- ihre letzte Nacht mit ihr zu verbringen. Nein, es gab keine tränenreiche Verzeihungs- und Verabschiedungsszene. Niemand weiß wirklich wieviel Sterbende noch mitnehmen. Dass sie meine Anwesenheit an ihrem Bett wahrgenommen hat, dessen bin ich sicher. Ob mein Gefühl dass sie hin und wieder meine Hand, die die ihre hielt, etwas fester gedrückt hat, mag meine Einbildung oder mein Wunschdenken sein. Es ist letztlich auch egal. Mir war wichtig, ihr zu zeigen, dass ich sie, wie auch immer unsere Geschichte gewesen ist, in Frieden ziehen lassen konnte.
Viele Dinge der Vergangenheit kann ich ihr nicht verzeihen. Todesängste, die ich als Kind ausgestanden habe, werden durch die inzwischen verflossenen 50 Jahre nicht weniger oder bedeutungslos. Ich konnte im Laufe meines Erwachsenlebens im Nachhinein, vieles erklären, intellektuell verstehen, sogar entschuldigen ... ... ... wirklich verzeihen konnte ich sie nicht.
Und dennoch war es mir wichtig, dass sie wissen/spüren sollte, dass sie nicht geht und nur einen hasserfüllten und verängstigten Scherbenhaufen zurücklässt. Ich bin froh und sehr dankbar (u.a. auch dem Klinkipersonal), dass es möglich war, dies noch zu tun.
Albgruß
Renate