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Beitragvon Mintsch » 06.09.2011, 8:08

Die Idee ist, gemeinsam ein Buch zu lesen und zu besprechen. Es ist noch nicht entschieden welches Buch es sein wird. Möglich wäre "Amerika" von Franz Kafka. (Ich floh etwas überstürzt aus dem Forum Religion und Glauben.)
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Mintsch
 

Beitragvon Mintsch » 06.09.2011, 10:24

Hallo Clea,

ich hoffe, Du findest hierher.

Was wir auch lesen werden, ich denke, dass wir den Tagebucheintrag von Franz Kafka vom 24. Jan 1922 etwas genauer ansehen sollten. Ich wiederhole hier einiges für diejenigen, die ev. neu dazustossen werden.


„...Merkwürdig, dass aus Komödie bei genügender Systematik Wirklichkeit werden kann. Mein geistiger Niedergang begann mit kindischem, allerdings kindisch-bewusstem Spiel. Ich liess zum Beispiel Gesichtsmuskeln künstlich zusammenzucken, ich ging mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen über den Graben. Kindlich-widerliches, aber erfolgreiches Spiel. Wenn es möglich ist, auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen, sollte alles herbeizwingbar sein. Ich kann, so sehr mich die Entwicklung zu widerlegen scheint und so sehr es überhaupt meinem Wesen widerspricht, so zu denken, auf keine Weise zugeben, dass die ersten Anfänge meines Unglücks innerlich notwendig waren, sie mögen Notwendigkeit gehabt haben, aber nicht innerliche, sie kamen angeflogen wie Fliegen und wären so leicht wie sie zu vertreiben gewesen."

Immer wieder bemerke ich bei Buchbesprechungen, dass als „Dichtung“ begriffen wird, was nicht in die Vorstellung oder Erfahrung des Betreffenden passt. Dem begegnet man meist mitSchwärmereien! Aber der Tagebucheintrag ist, vom Reich`schen, bioenergetischen oder biosynthetischen Standpukt her eindeutig zu verstehen.
So spricht Kafka von „Wirklichkeit werden kann“, „von erfolgreichem Spiel“ und „Wenn es möglich ist, auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen, sollte alles herbeizwingbar sein.“

Wie kann das noch allegorisch aufgefasst werden - vor allem wenn man folgenden Text von Wilhelm Reich mit in Betracht zieht:

„Der verkrampfte Muskelkomplex enthüllt erst dann seine Funktion, wenn die Aufrollungsarbeit ihn in 'logischer Weise' erreicht hat. Man wird vergebens versuchen, etwa eine Bauchspannung gleich im Anfang zu zersetzen. Die Auflösung der muskulären Verkrampfung folgt einem Gesetz, zu dessen Erfassung noch nicht alle Voraussetzungen vorliegen. Soweit man sich nach den bisherigen Erfahrungen ein Urteil erlauben darf, beginnt die Lösung der muskulären Panzerung gewöhnlich an den Stellen, die von der genitalen Apparatur am weitesten entfernt sind, meist am Kopf'.“


Bedenkt man das Yoga, sind da auch erst körperliche Manipulationen zu finden - im Hatayoga, welche oft an Stretch Übungen erinnern, denen dann ein soganannt geistiger Weg folgt. Der aber kann auch, oder wird es vorerst, abwärts führen. Davor wird auch gewarnt. Auch vor der möglichen Gefahr in geistiger Umnachtung zu enden.

Jedenfalls werden wir bei Kafka auch Erfahrungen der energetischen Paradiese (Peter Sloterdijk) finden.

Übrigens könnte ich mir vorstellen, wegen ihrer Kürze, als Versuch, erst die Erzählung „Forschungen eines Hundes“ zu lesen.

Gruss
Mintsch
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Mintsch
 

Beitragvon Clea82 » 17.09.2011, 19:27

Hallo Mintsch !

da bin ich wieder und freue mich auf dein thema

andererseits habe ich momentan keine ahnung wo ich anfangen soll

sehr spannend und sehr komplex und du rührst an themen , die die nächsten generationen beschäftigen werden

"lustigerweise" könnt ich fast sagen , ist es mein täglich brot ...ausserdem seitdem ich meinen buchhändlerjob an den nagel hängen musste , geh ich sozusagen anders, fast physisch an die sog
Literatur heran , unter anderen im gespräch mit studierenden , die sich mit dem akademischen duktus auseinandersetzen müssen , welches mich damals fast in den abgrund geführt hätte ...

nun , diese stelle in Kafkas Tagebuch ist wahrlich ein Fund , ich konnte mich schon vage erinnern , hatte ihr aber tatsächlich nicht die bedeutung gegeben , die ihr gebührt . Er war wohl alleine mit dieser Erfahrung und damals war das überhaupt kein thema .
anders heutzutage und trotzdem immer noch rätselhaft für den einzelnen und wie du betonst "nicht
ohne"

auf der spur dieser erfahrungen zu gehen , das ist für mich das Tor suchen , dieses berühmte tor von der legende im Prozess , das für dich speziell da ist ...

was mir wichtig wäre , wäre eben ein anderes kafkabild zu entwerfen , er ist eben nicht der poet der verzweiflung , bezw. nicht nur , in keinem fall , er sieht beide seiten der wirklichkeit und ahnt sehr oft die lösung und zerbricht an dieser krankheit , die soviele seiner generation dahin gerafft
hat in dem moment wo er eine partnerin findet , mit welcher klappt endlich was bis jetzt nicht möglich war inmitten der ganzen schrecklichen spiessigen weibern , von denen er gequält war und denen er dieses ewig an ihn pickendes bild eines verklemmten kränkelnden zu verdanken hat ... der arme !

das bringt mich fast in rage (!!) diese berge literatur zum thema und es hört nicht au,f immer wieder ,irgendwo auf der welt taucht eine oder einer auf ,der diese litanei wieder serviert und eben am wesentlichen vorbeihuscht ...

hole mir am montag eine Kafkaausgabe mit der von dir empfohlenen novelle . inzwischen lese ich gerne deine impressionen zu "Amerika "


lese und lebe wohl

Clea
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Clea82
 
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