Es war Sonntag, als mein Grossvater mich um 1600 h im Spital besuchte. Er kam mit dem Auto, nicht mit dem geliebten Pferd. Er wirkte zum ersten Mal für mich, sehr alt und gebrechlich, als er auf meinem Bett sass, und mit mir, dem 10-jährigen Buben sprach, wie mit einem erwachsenen Menschen. Er erklärte mir, wie meine Mutter meinen Vater umgebracht hatte. Sehr subtil, es floss kein Blut, es gab nur eine einzige winzige Spur, erkennbar nur für die Menschen, die meinen Vater und vor allem seine Gewohnheiten sehr gut gekannt haben, und die deshalb von der Polizei nicht entdeckt worden waren. Deshalb ging dieselbe von einem tragischen Unfall aus. Zum Unglück für die Rechtsprechung, zum Glück für meine Mutter. Aber wer weiss denn in einem solchen Moment schon, für wen was wirklich Glück, und für wen es ein Unglück gewesen war
Für meinen Grossvater war klar, dass er mit mir nur auf der Ebene der lückenlosen Wahrheit sprechen wollte, und das sagte er mir auch. Während er mit mir sprach, wurde er immer wieder von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt. Ich kannte meinen Grossvater so nicht, hatte ihn noch nie weinen sehen. Als er mich in seine Arme genommen hatte und mich fest drückte, war ich sogar glücklich, denn ich spürte, dass er der Mensch war, auf den ich mich absolut verlassen konnte. Es war die erste Umarmung mit dieser Innigkeit, und ich weiss noch, wie wenn es gestern gewesen wäre, wie gut mein Grossvater gerochen hat. Es klingt verrückt, ich weiss, aber ich nahm den Duft eines starken Mannes wahr, der zwar gebrochen, aber noch längst nicht Handlungsunfähig war. Er hielt mich ganz fest, so als wollte er mich nie mehr loslassen, und ich genoss diese Umarmung, dieses festgehalten werden, es gab mir in dem Moment eine unendliche Sicherheit. Hätte ich da schon gewusst, welche Prüfungen er mir auferlegen würde, ich glaube, ich hätte gefroren.
Ganz langsam, wie im Zeitlupentempo wandelte sich seine Trauer und es kam wieder der Patriarch zum Vorschein. Jener Mensch, der für alles und jedes eine praktikable Lösung hatte. Er hatte trotz Beweisen nicht im Sinn, meine Mutter vor den Richter zu ziehen. Die Polizei hat es ihm leicht gemacht als sie spontan von einem Unfall aus ging. Er war Fabrikant, Politiker und ein sehr angesehener Mann in unserer Stadt. Er wollte und konnte sich die Verurteilung seiner Schwiegertochter vor der Gesellschaft nicht leisten, aber es war für ihn klar, dass sie noch vor der Beerdigung meines Vaters aus der Villa ausziehen musste. Mich wollte er bei sich behalten und mich gross ziehen. Das waren seine Pläne, und auch er selber wusste damals noch nicht, dass alles ganz anders kommen würde.
Vor dem Spitalaustritt befanden die Ärzte, dass es besser wäre, mich noch einen Monat zur Kur nach Unterägeri zu schicken. Grossvater holte mich im Spital ab, und auf meinen Wunsch nahmen wir Herrn Dulz mit, jener Mensch der mich mit seinen Kenntnissen über Pferde immer wieder begeistert hat. Damals gab es den Begriff „Pferdeflüsterer“ noch nicht, ich nannte ihn einfach einen Zauberer. Was dieser Mann mit seiner Liebe für diese Wesen aus ihnen heraus brachte, habe ich nie mehr in meinem Leben gesehen. So fuhren wir drei nach Unterägeri in das Kinderheim „Maierisli“, wo uns Schwester Christine in Empfang nahm, und uns aufs Beste Verköstigte.
Ich weiss es nicht mehr, ob ich mich da wirklich erholt habe, denn in den ersten drei Tagen mochte ich ans Essen nicht einmal denken, sosehr plagte mich das Heimweh. Erst als am 4. Tag ein blondes Mädchen in meinem Alter, an deren Vorname ich mich nicht mehr erinnere, ins Heim eintrat, besserte sich mein Zustand. Sie war die Tochter eines Professors aus Zürich und sollte dort den frühen Tod ihrer Mutter verarbeiten. Mit dem Mädchen hatte ich es gut, wir verstanden uns auf Anhieb und trösteten uns gegenseitig. Wir machten lange Spaziergänge am Ägerisee. Jedes Mal wenn ich heute mit dem Motorrad am Ägerisee vorbei fahre, erinnere ich mich daran. Ihr Vater besuchte sie zweimal in der Woche. Er war ein grosser, stämmiger Mann mit einer sehr tiefen und schönen Stimme. Ich vergesse nie mehr, als er in der leeren Kirche von Unterägeri einmal den „Ranz des Vaches“ sang. (Ein Hirtenlied aus dem Kanton Fribourg, welches Abbé Bovet unter dem Titel „Le vieux Chalet“ weltberühmt gemacht hat) Als er fertig war, kam der Pfarrer durch den Hauptgang auf uns zu. Herr Frei war erschrocken, und bat um Entschuldigung, er habe auf keinen Fall die Kirche entweihen wollen, aber die Versuchung, dieses Lied einmal in einer Kirche zu singen, sei zu gross gewesen. „Was haben Sie für eine göttliche Stimme“, meinte der Pfarrer. „Sie haben mit ihrem Gesang die Kirche geehrt, nicht entweiht.“ Und so „musste“ Herr Frei noch ein paar Lieder singen, und der Pfarrer bedankte sich sehr herzlich, und lud uns zu einer Vesper ins Pfarrhaus ein. „Kinder, was habt ihr für ein Glück, einen solchen Vater zu haben“, wandte er sich an uns. Mir schossen die Tränen in die Augen, als ich ihm gestand, dass Herr Frei nicht mein Vater sei. Ich weiss es nicht mehr, wie oft ich später in dieser Kirche gesessen habe, und mit meinen inneren Ohren dem „Ranz des Vaches“ von Herrn Frei gelauscht habe. Leider habe ich weder ihn, noch seine blonde Tochter je wieder gesehen.
Wir verbrachten in bestem Einvernehmen miteinander die Kur, als mir Schwester Christine an einem schönen Morgen erklärte, dass mich mein Grossvater morgen abholen würde. Ich freute mich unbändig und bat sie, sie möge den Grossvater doch bitte anrufen und ihm sagen, dass er Herrn Dulz wieder mitnehmen soll. „Das muss ich nicht, meinte sie, „er nimmt ihn sicher mit.“ Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht verschwand sie. Zwischen dem blonden Mädchen und mir hat sich wahrscheinlich für mich die erste kleine Liebesgeschichte entwickelt. Auf jeden Fall haben wir uns am selben Abend umarmt und uns unsere Liebe gestanden, und dabei geschworen, dass wir jedes Jahr am 29. November ganz fest aneinander denken würden. Es ist seither kein 29. November ins Land gegangen, an dem ich nicht an sie gedacht hätte.
Der Tag meiner Abreise war gekommen und ich freute mich unbändig, wieder „daheim“ zu sein, in die Schule gehen zu dürfen, mit Grossvater und Herrn Dulz ausreiten zu dürfen, und noch auf vieles mehr. Aber, mein Vater war nicht mehr da, meine Mutter war auch weg, und trotz aller Freude fehlten die beiden mir. Aber mein Grossvater tat alles, um mir das Leben wieder lebenswert zu machen. Kam hinzu, dass wir uns in der Adventszeit befanden, und alle Hände sich damit beschäftigten, ein schönes Weihnachtsfest auszurichten. Wir feierten sehr viel stiller als sonst, aber es hatte alles was wir taten, eine ganz spezielle Qualität. Auch wenn es sehr poetisch klingt, etwas Sakrales. So habe ich es jedenfalls empfunden. Was ich nicht wusste, es sollte für viele Jahre die letzte Weihnachtsfeier in der Villa bei meinem Grossvater gewesen sein. Was nachher kam, hatte bei weitem nichts mehr mit dem zu tun, was ich bisher gewohnt war. Aber darüber später.
Auch heute noch hat Weihnachten für mich eine spezielle Bedeutung, auch wenn ich seit Jahrzehnten Buddhist bin, richte ich jedes Jahr ein schönes Weihnachtsfest aus, an dem sich alle wohlfühlen sollen. Wir haben jeweils ein wirklich volles Haus. Zum Teil kommen Menschen schon seit vielen Jahren zu uns, jedes Jahr verabschieden sich einzelne, weil sie ihren Lebensweg erfüllt haben, andere kommen neu hinzu, wie wenn sie es verhindern wollten , dass irgendwann eine Lücke entsteht. Und dann kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche, jedes Jahr der 23. Dezember. Das ist jener Tag, an dem ich mich ganz alleine mit meiner mittlerweile über 90 jährigen Mutter und ihrer Tochter zu einem feinen Essen in einem guten Lokal treffe. Mit jener Frau also, die mir nicht nur den Vater genommen hat, sondern auch für eine lange Zeit meines Lebens, mein Frauenbild zerstört hat. Nein, lieben kann ich sie nicht, dafür war sie für zu vieles der Auslöser. Zu viele Tränen habe ich ihretwegen geweint und zu sehr hat mich der Hass gegen sie fast aufgefressen. Aber – ich hatte die Kraft, diese Belastungen zu tragen und das Leben hat mich reich beschenkt, mit einer starken Gesundheit, mit Schönheit und mit Intelligenz. Mit diesen Dingen ist es mir gelungen, das zu werden was ich heute bin.
Und so gebe ich mit dieser jährlich wiederkehrenden Geste dem Leben wieder etwas zurück, damit es weiter fliessen kann. Der Grund dafür liegt in der buddhistischen Philosophie, aber auch ein wenig an einem Gedicht von Heinz Schenk, dem ehemaligen Moderator „Zum Blauen Bock“, welches ich diesem Kapitel anfügen möchte.
Nur geliehen
Es ist alles nur geliehen,
hier auf dieser schönen Welt,
es ist alles nur geliehen,
aller Reichtum, alles Geld,
es ist alles nur geliehen,
jede Stunde voller Glück,
musst du eines Tages gehen,
lässt du alles hier zurück.
Man sieht tausend schöne Dinge
Und man wünscht sich diese und das,
nur was gut ist und was teuer
macht den Menschen sehr oft Spass.
Jeder möchte mehr besitzen,
zahlt er auch sehr viel dafür,
keinem kann es etwas nützen,
es bleibt alles einmal hier.
Jeder hat oft das Bestreben,
etwas Besseres zu sein,
schafft und rafft das ganze Leben,
doch was bringt es ihm schon ein?
Alle Güter dieser Erde,
die das Schicksal dir verehrt,
sind dir nur auf Zeit gegeben
und auf Dauer gar nichts wert.
Darum lebt doch euer Leben,
freut euch neu auf jeden Tag.
Wer weiss auch unserer Erdenkugel,
was der Morgen bringen mag?
Freut euch auch an kleinen Dingen,
nicht nur an Besitz und Geld,
es ist alles nur geliehen,
hier auf dieser schönen Welt.
Ich wünsche allen Gesundheit, Freude und Zufriedenheit.
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