An einem wunderschönen Frühlingsmorgen um 0705 h, so sagte man mir, hätte ich das Licht dieser Welt erblickt. Weder erinnere ich mich an diesen „Lichtblick“, noch nahm ich war, dass es ein wunderschöner Morgen gewesen ist. Mit knapp sechs Jahren begriff ich aber, dass es der Familie, der ich zum Geschenk gemacht worden bin, offensichtlich sehr gut ging. Mein Vater, ein erfolgreicher Maschinen-Ingenieur, mein Großvater ein ebensolcher Fabrikant, der sich auf die Fabrikation von Präzisionszahnrädern und ähnlichem spezialisiert hatte. Ein Patriarch, wie er im Buche steht. Liebevoll, gütig und in steter Verantwortung für seine Familie und seine Mitarbeiter. 10 Jahre bevor im Jahre 1947 in der Schweiz die AHV (Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung) eingerichtet worden ist, gründete er bereits ein Sozialwerk in seiner Fabrik, welches in der ganzen Schweiz seines gleichen suchte.
Die besten Voraussetzungen für ein glückliches und unbeschwertes Leben in einer gutbürgerlichen Familie waren also für mich gegeben. Doch es sollte anders kommen….
Mein Vater passte nicht ganz zu meinem Großvater, wenngleich er ihm sosehr ähnlich sah, dass, hätte man einige Jahre weggedacht, man hätte meinen können, es seien Brüder. Aber mein Vater hatte nicht jene Güte, jenes liebevolle besorgt sein, was ich an meinem Großvater so liebte. Mein Vater war ein Rechner, ein Macher, ein Mensch, der seine Macht auch ausübte. Und trotzdem hatte ich gerade zu ihm einen besonders guten Faden und ich liebte ihn mit jeder Faser meines kindlichen Seins. Denn er nahm sich, im Gegensatz zu meiner Mutter, für mich und meine Sorgen immer Zeit, hörte zu, diskutierte, und machte auch Schulaufgaben mit mir. Kam hinzu, dass er über einen erfrischenden Humor verfügte. Ich war auf eine spezielle Art stolz auf meinen Vater. Was er anpackte, ist ihm gelungen, alles schien bei ihm machbar zu sein. Während mein Großvater bei einem Projekt noch lange am Planen und Rechnen war, hatte mein Vater oft schon einen Prototyp. Ich hatte also zwei sehr verschiedene dominante Männer um mich, und beide waren mir ins Herz gewachsen. Jeder auf seine Art.
Meine Großmutter, eine Frau, die ihre „erziehende Bildung“ in den besten französischen Internaten „genossen“ hatte. Für sie war Contenance in jeder erdenklichen Lebenslage essentiell. Deshalb wirkte sie auf mich stets unterkühlt, ich wurde nie richtig „warm“ um sie herum. Manchmal fragte ich mich, weshalb diese beiden Menschen den Weg zueinander überhaupt gefunden haben. Eine kleine Episode soll zeigen, was ich damit meine:
Mein Großvater erhielt als Oberst im Jahre 1950 den Auftrag, nach Wien zu reisen, um dort im Rahmen einer humanitären Idee, die Teilrückführung deutscher Soldaten aus der russischen Gefangenschaft zu überwachen. Dort lernte er einen „Rittmeister“ (Hauptmann der Kavallerie) kennen, der sich mit Pferden so gut auskannte, dass später selbst unser Tierarzt oft seinen Rat suchte. So behandelte ihn auch mein Großvater stets mit Achtung und zollte ihm Respekt. Er lud ihn auch ein, an den monatlichen Gesprächsrunden, die mein Großvater mit Menschen führte, die auf irgendeinem Gebiet etwas zu sagen hatten. Deshalb machte meine Großmutter ihrem Mann einmal den Vorwurf: „Ich kann es ja verstehen, dass Lehrer, Notare, Ärzte und andere an deinen Gesprächsrunden teilnehmen, aber dass sogar unser deutscher Stallknecht da noch mitreden muss, verstehe ich nicht.“ Mein Großvater erwiderte ihr mit einer Schärfe, die an eine Rasierklinge erinnerte: „Ich möchte dich bitten, zur Kenntnis zu nehmen, dass Herr Dulz ein ehemaliger deutscher Offizier ist, der sein Leben an der Ostfront für sein Land riskiert hat. Des Weiteren bitte ich dich, ihn nicht als unseren Stallknecht zu bezeichnen, denn er bekleidet den Rang eines Stallmeisters und genießt in dieser Stellung mein lückenloses Vertrauen. Hast du mich verstanden, Rösi?“ Dieses „Rösi“ war das, was meine Großmutter mehr scheute als ihren eigenen Tod, denn sie hieß mit vollem Taufnamen „Annalena Rosalia“, und darauf war sie stolz, sehr stolz sogar.
Und dann war noch meine Mutter. Eine Frau, die sich keinen Tag wohl gefühlt hat in dieser Familie, zu der sie dank der Heirat mit meinem Vater, zugehörig war. Sie konnte sich auch nie mit meiner Existenz befreunden, wenngleich sie mich geboren hatte. Ich war ein „Betriebsunfall“, wie sie es einmal nannte, und sie wollte mit mir eigentlich am liebsten so wenig wie möglich zu tun haben. Sie entstammte aus einer zwar armen, aber aufrichtigen Familie, und es begann jenes Spiel, welches in solchen Konstellationen zu tausenden abläuft. Meine Mutter kam nicht damit zurecht, dass sie dem Bildungsstand der neuen Familie so gar nicht entsprach. Obwohl sie reichlich Gelegenheit gehabt hätte, diesen Bildungsstand zu verbessern, tat sie gar nichts, um auch nur das Kleinste zu ändern. Sie konnte nirgends richtig mitreden, weil sie einfach keine Ahnung hatte, weder von Musik, Literatur, Malerei, noch von sonst etwas. Dafür hatte sie einen ausgeprägten Hunger nach „Leben“. Und Leben war für sie gleichbedeutend mit „ausleben“ auf jeder erdenklichen Ebene. Fatalerweise begannen diese Ebenen meistens mit der Sexualität und endeten in der Regel beim Alkohol. Man kann sich vorstellen, dass diese Mischung über kurz oder lang scheitern musste. Ich erinnere mich an Szenen, in denen ich meine Mutter, die stockbetrunken vor dem Bett lag, in dasselbe hineinzerren musste, weil ich eine Mutter die am Boden lag, nicht ertragen konnte. Trotzdem empfand ich so etwas wie Liebe für sie, wahrscheinlich ist eine Mischung aus Mitleid und Liebe die bessere Beschreibung. Immer wieder versuchte ich sie davon zu überzeugen, dass das Trinken ihre Situation nur noch verschlimmere. Da mein Vater oft wochenlang im Ausland auf Kundenbesuchen weilte, bat ich meinen Großvater, dass er sich um meine Mutter kümmern soll. Immer wenn ich mit diesem Anliegen zu ihm ging, war er ein ganz anderer Mensch, ja manchmal kannte ich ihn nicht wieder. Weder gab er mir eine richtige Antwort, noch kümmerte er sich um meine Mutter. Sein Ton hatte jeweils etwas, was mich frieren ließ. „Deine Mutter ist alt genug, um selber zu wissen, was sie tut, und darüber hinaus lässt sie sich gerade von mir ohnehin nichts sagen.“ Damit hatte er leider Recht, denn meine Mutter ließ sich absolut nichts an sich heran. Sie empfand die Familie als „wohlgenährte Maden im Speck“. Diese Episoden ließen jeweils meine oben beschriebenen Gefühlsempfindungen für meine Mutter wachsen. Auf der einen Seite war sie nicht dazu bereit, der Familie auch nur einen kleinen Schritt entgegen zu gehen, und andererseits beklagte sie sich darüber, dass niemand sich um sie kümmerte. Wenigstens bemühten sich alle, außer meiner Mutter, kontroverse Dialoge(eine schönere Bezeichnung für Streit) in meiner Anwesenheit zu unterlassen. Erst Jahrzehnte später lernte ich während meines Studiums, welch verheerende Folgen dieser Zustand für meine Entwicklung hatte. Immer öfter erlebte ich die Situation, dass wenn mein Vater nach Hause kam, er sich zusehends von meiner Mutter abwandte. Eines Tages wurde ich ungewollter Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Sie eröffnete ihm, dass sie von einem anderen Mann schwanger sei. Intuitiv begriff ich, dass dies die Wurzel eines Großen Unheils war, welches auf mich zukommen sollte.
Denn wenige Tage später zitierte mich mein Großvater in sein Büro: „Walter, du bist mittlerweile bald 10 Jahre alt, und für mich schon ein kleiner Mann. Deshalb will ich in allen Dingen mit dir ehrlich sein, und heute muss ich dir leider sagen, dass uns deine Mutter in absehbarer Zeit verlassen muss. Sie bekommt ein Kind von einem anderen Mann, und ich werde dafür besorgt sein, dass dieses Kind nicht in meinem Haus geboren wird, d.h. dass sich dein Vater von deiner Mutter scheiden lassen wird.“
Von da an begann sich mein Gesundheitszustand rapid zu verschlechtern. Es kam soweit dass ich hospitalisiert werden musste, und niemand fand je heraus, woran ich litt. Mein Vater besuchte mich jeden Tag im Spital, so auch am 18. September. Er verabschiedete sich um 1600 h von mir und sagte, dass er Morgen Samstag mit dem Großvater und Herrn Dulz einen Ausritt zu mir ins Spital machen werde. Aber es kamen am Samstag kein Vater, kein Herr Dulz und kein Großvater, denn mein Vater war tot, umgebracht von meiner Mutter.
An diesem Tag wurde in meinem Herzen das Samenkorn jenes Hasses gelegt, den ich lange Jahre mit mir herumtragen sollte, bis zum Tag der Erlösung. Bis zu dem Tag, an dem „Der Sänger“ entstand.
Die Fortsetzung der Geschichte folgt, aber nicht bereits Morgen, smile.
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