Ich erinnere mich gut - an damals, als ich meine ersten Bewerbungen für einen Traumjob schrieb: Das Foto war mir wichtig, sollte es doch freundlich, sympathisch und doch zielstrebig und fachkompetent wirken. Der Fotograf hatte es nicht leicht mir mir... Meine Zeugnisse waren gut, bis auf meine Schwachstelle: Mathe! Die Note, die ich seit Jahren mit mir herumschleppte, hatte sich nie in die erstrebte "2" verwandelt. Peinlich, aber nicht mehr zu ändern. Die Bewerbung hatte ich immer wieder umgeschrieben, neu formuliert, wieder verworfen und dann Freunden gezeigt, um jeden denkbaren Fehler auszuschliessen. Endlich war alles perfekt und ich habe die Unterlagen mit Herzklopfen in den Briefkasten geworfen.
Dann der Vorstellungstermin. Der Personalchef sagte mir etwas, das ich nie vergessen habe: "Es kommt nicht auf jede einzelne Zeugnisnote an. Ich lege aber größten Wert darauf, dass sich ein Bewerber Mühe mit der Bewerbung und den Unterlagen gegeben hat. Dann bin ich sicher, dass er sich auch in unserem Unternehmen Mühe geben wird. Zugegeben: Ich habe schon bessere Noten in Mathe gesehen, aber ihre Bewerbung zeigte Mühe und Sorgfalt. Sie ist perfekt. Willkommen bei uns - sie haben den Job."
Das war damals. Lange her. Damals war die Welt anders. Heute, Jahrzehnte später, sitze ich vor meinem PC und stöbere auf 50+ in den Profilen.
Da "bewerben" sich auch Menschen - um eine nette Bekanntschaft, eine tragfähige Freundschaft, sogar um den/die Partner/in für's Leben. Jeder macht dabei Werbung für sich selbst. Gut so - so lange man den Boden der Wahrheit nicht verlässt.
Manche aber machen Negativwerbung - und merken es vielleicht nicht einmal: Ein zufällig entstandenes Foto wird schnell hochgeladen und dass Bart, Brille, Basecap und Schatten das Gesicht mehr verstecken als zeigen, macht wohl nichts. Ein paar rasch hingeschriebene Halbsätze im Profil werden schon reichen und einige schreiben nur den Satz "Wenn du etwas wissen willst, dann frag mich doch." Rechtschreibfehler gibt's zuhauf - macht nichts, ist doch alles unwichtig. Oder?
Was soll ich davon halten? So wenig Mühe. So wenig Wertschätzung für den/die Leser/in. So wenig Sorgfalt sich selbst und anderen gegenüber. Wie wird ein solcher Partner erst im alltäglichen Umgang sein? Dann, wenn's nicht mehr drauf ankommt? Wenn sich Alltag und Gewohnheit einschleichen? Wer sich selbst nur so wenig Mühe wert ist, wieviel Mühe wird ihm ein Partner wert sein?
- Zugegeben: Nicht jede/r ist Meister des geschriebenen Wortes. Aber es gibt Korrekturprogramme, die die gröbsten Schnitzer ausbügeln.
- Zugegeben: Nicht jedes Gesicht ist "schön". Aber jeder Mensch hat seine Individualität und die darf man zeigen und sehen. Ein offener Blick in offene Augen kann Horizonte eröffnen.
Jedes Profil ist eine Botschaft. Und eine Bewerbung um Aufmerksamkeit.
Etwas Mühe und Sorgfalt sollte einem die Suche nach wichtigen und wertvollen Menschen im Leben doch wert sein, oder verlange ich zu viel?
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