Ein paar Gedanken dazu.

Bevor man überhaupt jemandem etwas gibt, sollte man zu sich ehrlich sein und folgendes vorweg klären. Gebe ich für mich, weil es mir die Peinlichkeit erspart, vorbeizugehen und nichts zu geben? Vielleicht auch noch Auflagen oder Verwendungszweck vorgebe?

Also wenn ein Mensch fix und fertig auf der Straße ist, dies weil er vielleicht Voll-Alkoholiker ist, wieso soll er dann kein Geld für Alk bekommen? Das ist für ihn Freude für seine vermutlich nicht mehr lange Wegstrecke.

Wer diesen ganzen Entscheidungen aus dem Weg gehen will, warum auch immer, der überlege sich, was man z.B. jährlich geben kann oder mag. Diese Summe gibt man bekannten Menschen in Not oder einer Organisation seines Vertrauens.

Jedem ist sicher klar, alle Not kann niemand beseitigen und die die es könnten gehören eher der Fraktion der Ausbeuter an.

Auf der Straße ist es ad hock ganz schwierig zu erkennen, ob eine Geld-Gabe wirkliche Not lindert oder organisiert im Tank von Luxuslimousinen landet. Letzteres vergrößert meist woanders die Not noch.
Geenie66 hat geschrieben: Lieber Patriarch ( nomen est omen ?),

Ich möchte mal kurz aus meiner Sicht erläutern wie es sich anfühlt betteln zu müssen. Ich hatte vor 11 Jahren einen Unfall, dann war der Mann weg und mit ihm unser Erspartes, wir wurden in ein Abrissgebäude verpflanzt ( mit den Kindern) und Hartz IV reichte nicht mal für die Medikamente die nicht von der KK übernommen wurden. Wir mussten damals betteln um zu überleben.
Heute arbeite ich Vollzeit, habe mich rausgekämpft und gehe an keinem Bettler vorbei. Und es ist mir dabei gleich welcher Grund dahinter steckt. Das man es tun muss ist schon erniedrigend genug.

Ganz liebe Grüße Geena



Liebe Geena,

Vielen Dank für Deinen bewegenden und sehr persönlichen Beitrag!

Ich denke, dass Du eher zu der Minderheit gehörst, die es dauerhaft geschafft hat, sich nach so einem Schicksalsschlag wieder in die „normale“ Gesellschaft zurück zu kämpfen. Da brauche ich wohl nicht zu betonen, dass Du und Deine Kinder meinen absoluten Respekt haben.

Es wäre der blanke Unsinn, wenn ich behaupten würde, ich wüsste, wie man sich als Bedürftiger (ich persönlich versuche den Begriff „Bettler“ zu vermeiden) fühlt.

Das kann wahrscheinlich nur jemand, der das schon einmal selbst mitgemacht hat. Ich kann es mir eben z.B. nicht vorstellen, wie es ist, nicht zu wissen, ob und wie man morgen etwas zu essen bekommt, wo man sich bei diesen Temperaturen tagsüber aufhalten soll oder die Nacht einigermaßen ungestört verbringen kann.
Ganz schlimm stelle ich es mir vor, mental einigermaßen „auf Kurs“ zu bleiben.

Das ist auch einer der Hauptgründe, weshalb ich mittlerweile gar kein Problem mehr habe, auch den Bedürftigen, die meine kleine Spende sehr zeitnah in Alkohol umsetzen, zu helfen. Wie käme ich dazu oder was gäbe mir das Recht, meine kleine Spende mit Bedingungen zu verknüpfen, wie sie verwendet werden soll….

Ich finde es auch ganz toll, dass Du jetzt nicht achtlos an denjenigen vorbeigehst, die nicht die Kraft oder die Möglichkeit hatten, sich so wie Du in das „normale Leben“ zurück zu kämpfen.

Liebe Grüße,
Patriarch
Jetzt in der Vorweihnachtszeit hat sich die Anzahl der um Almosen bittenden Menschen um ein erhebliches Maß gesteigert.
In der Haupteinkaufsstraße von Dortmund z. B. sitzt alle paar Meter ein/e Bedürftige/r mit einem beschriebenen Plakat, welches den Lebensabriss schildert.

Zusätzlich werde ich vermehrt von Menschen angesprochen, die zugegebenermaßen zwar nicht aufdringlich aber eindringlich mit etlichen "Horror- und Krankengeschichten aufwarten.

Mich machen die Erzählungen traurig und wütend zugleich.
Tauschen möchte ich mit keinem einzigen der Bettler, egal ob ihre Geschichten wahr sind oder nicht.
Aber jedem helfen, jedem ein Geldstück zuzustecken, ist mir auch nicht möglich.
Man könnte als Christ das Gebot der „Nächstenfürsorge durch Gnade und Barmherzigkeit“ auch in der Weise befolgen, dass man sich vornimmt, jeden Tag wenigstens eine gute Tat für seine Mitmenschen zu vollbringen, die der Hilfe benötigen (und nicht für sich selber oder für das liebe, tote Jesulein, welches als Verkünder dieses „Gebotes der Güte“ gilt), wenn es Einem zuviel erscheint, ein Zehntel seines Einkommens für Bedürftige zu spenden, wie es sich für einen guten Moslem gehört.

Wer allerdings noch nie in der Klemme steckte und kurzfristig um Hilfe bitten (betteln oder beten) musste, weil es keine Abfalltonne am Supermarkt gab, aus der er sich hätte ernähren können, oder sich noch nie im Dienstleistungssektor für einen Appel und ein Ei ausbeuten hat lassen müssen, weil er keinen besser bezahlten Job gefunden hat, und auch nicht auf Kosten der Allgemeinheit leben wollte, kann sich natürlich auch nicht vorstellen, wie das ist, und auch nicht, wer der Hilfe bedarf und wer nicht.

Daher ist es gut, sich in der Welt umzusehen, wie es in Ländern zugeht, wo noch mehr Armut herrscht, als hier, um einen Blick dafür zu bekommen, wie menschliches Leiden aussieht. wie es vor 2500 Jahren auch der Prinz Gautama Siddharta tat, um die Ursache und Beseitigung des Leidens herauszufinden, und damit das Rad der buddhistischen Lehre in Bewegung zu setzen.

So kann man auch im fortgeschrittenen Alter noch lernen, systematisch und nicht nur nach Lust und Laune Denjenigen zu helfen, die Einem am nächsten stehen, und zwar nicht nur, weil man sie besonders mag, sondern weil sie Diejenigen sind, die in in nächster Nähe leben, denn Wohlstand ist nicht nur eigenes Verdienst, sondern auch das Resultat von unverdientem Glück durch die Förderung von Wohltätern.

Armut beruht dementsprechend auch nicht immer auf eigenem Versäumnis, sondern auf unverschuldetem Unglück durch das Versäumnis Anderer, die ihre Pflicht zur Nächstenfürsorge nicht ernst nehmen, sondern lieber rücksichtslose Eigenvorsorge betreiben, um nicht selber in die Lage zu kommen, von der Hilfe Anderer abhängig zu sein.
Filofaxi schrieb:
Man könnte als Christ ....................................


Man könnte soviel und noch viel mehr.
Ich unterstelle,
dass unzählige Menschen, egal ob gläubig oder nicht,
sich tagtäglich sich für andere Menschen einbringen, helfen und engagieren.

Mir selbst sind etliche Menschen bekannt, die in Hospitzen, Altenheimen, Krankenhäusern, Behinderten- und Kindereinrichtungen Dienst tun.
Großteils ehrenamtlich kümmern sie sich um Schwächere und Benachteiligte.

Direkt in meiner Nachbarschaft finden regelmäßig Veranstaltungen statt, deren Erlöse Kindern zugute kommen, die von ihren Eltern nur unzureichend versorgt werden.
Hier kann sich jeder, der mag, beteiligen, sei es durch Spenden aller Art oder per Mithilfe.
Ebenfalls wohnen in direkter Nachschaft Menschen, die allein leben und sich einsam fühlen. Da gibt es ausreichend Gelegenheit, durch Besuche, Telefonate und Handreichungen ein Lächeln hervorzuzaubern.
Gerne bin ich dabei, aber solches groß herauszukehren, ist nicht mein Ding und auch nicht das Ding anderer HelferInnen.
Hallo Filofaxi,

Natürlich ist mir bewusst, dass ich mit meinen sehr moderaten Spenden an Bedürftige nicht im Geringsten etwas an den Ursachen des zu Grunde liegenden Problems für die Bedürftigkeit ändern kann.

Das ist allerdings weder meine Absicht noch sehe ich mich hier in irgendeiner – auch nicht moralischen – Verantwortung.

Obwohl ich einige Zusammenhänge, die auch im weiteren Bezugsfeld zur Bedürftigkeit führen können, zu kennen glaube, spielt das Wissen um diese Zusammenhänge in dem Fall für mich keine herausragende Rolle. Ich weiß sehr gut, dass oft das Zusammentreffen ungünstiger Umstände Menschen „aus der Bahn werfen“ kann – ganz ohne eigenes „Verschulden“.

Auch weitergehende, eher gesellschaftspolitisch oder philosophisch geprägte Gedanken zu den Ursachen einer zunehmenden Bedürftigkeit helfen mir in dem Fall nicht wirklich weiter.

Da geht es mir viel eher um den ganz konkreten Menschen, der da vor mir steht. Diesem Menschen, der wahrscheinlich hungriger ist als ich und der mehr friert als ich und vielleicht nicht so genau weiß, wo er die Nacht verbringen soll – genau diesem Menschen versuche ich zu helfen.
Dass diese Hilfe nur sehr kurzfristig ist und, wenn überhaupt, kaum etwas bewirken kann sowie an der Gesamtsituation an sich nichts ändert, ist mir völlig klar.

Möglicherweise könnten Spenden an Organisationen, die sich der Ursachenbekämpfung für Bedürftigkeit widmen, langfristig effizienter und nachhaltiger sein.

Ich selbst habe mich allerdings eher für eine „Hands on Mentality“ entschieden – ich lebe im Jetzt und Hier und da erscheint mir eine pragmatische Herangehensweise einfach angebrachter.
Ich habe folgendes erlebt: letzten Winter spazierte ich gemeinsam mit meiner Tochter in einer deutschen Stadt. Es ist zu erwähnen dass wir uns nicht an bettelnden Leute gewöhnt sind da in der CH betteln verboten ist. Am Strassenrand sitzend mit tief gesenktem Kopf eine ältere Bettlerin . Wir liefen vorbei. Ich zu meiner Tochter : ich weiss manchmal einfach nicht recht geb ich wieder mal einen Batzen oder nicht.Manchmal gebe ich manchmal nicht - es ist schwer zu entscheiden ob man wieder mal was geben soll. Sie :“Mutti die Frau zitterte und weinte leise vor sich hin. Wahrscheinlich friert sie so auf dem Boden sitzend“. Also kehrten wir um und legten einen Batzen in die Schachtel. Beim weitergehen frug meine Tochter : „ meinst du sie geht damit etwas warmes essen ?“ ich : „ kaum sie hat zwar Hunger wird aber nichts kaufen – ich denke sie zittert und weint nicht nur weil ihr kalt ist und sie Hunger hat sondern auch weil sie ihr Soll das sie erbetteln muss noch nicht erreicht hatte und nun noch Angst hat was auf sie zukommt.“ Tochter : „ glaubst Du sie muss das Geld abgeben?“ ich: „ ja“ . Beim nächsten Laden ging ich rein. Meine Tochter : „was willst kaufen ?“ ich: „ such ein weiches Brötchen und ein warmes Getränk aus für die Frau.“ wir stellten dies dann vor sie hin- mit zitternden Händen griff sie nach dem wärmenden Becher und das Brötchen nahm sie mit einer Geste entgegen als wäre es ein kostbarer Schatz. Ganz ganz langsam kauend sagte sie leise ganz leise immer wieder : danke , danke.
Das sind genau die Erlebnisse mit „Gänsehautfeeling“, die man wahrscheinlich nie vergisst und die den künftigen Umgang mit Bedürftigen mitprägen können.

Ich vermute jetzt einfach mal, dass diese Geschichte Deiner Tochter viel mehr gegeben hat als ein „trockener“ Vortrag über Bedürftigkeit und gegenseitige Unterstützung.

Wenn ich es recht betrachte, sind auch viele meiner Verhaltens-/Denkweisen ganz wesentlich durch solche „Aha“-Erlebnisse geprägt worden.

Danke für Deinen Beitrag – er passt auch so richtig in die jetzige Vor-Weihnachtszeit und regt vielleicht manchen Leser an, sein Spendenverhalten zu überdenken.

Besonders gut finde ich, dass es Dir gelungen ist, das Brötchen und das heiße Getränk so anzubieten, dass es nicht als Überheblichkeit oder Beleidigung empfunden wurde.
Ich wünsche Dir eine besinnliche Vor-Weihnachtszeit!
Niemand hat sich als Kind vorgestellt, eines Tages auf der Strasse sitzen zu müssen, um zu betteln.
Welche Gründe auch immer dazu geführt haben mögen, dass sich diese Menschen nun in dieser Situation befinden, spielt für mich nur insofern eine Rolle, als dass meine Betroffenheit entweder stark, stärker, oder enorm ausfällt.
Ich gebe immer etwas Geld.
Vor Supermärkten stehen oft immer die selben Bettler. Ich spreche sie an und frage, ob sie erwas brauchen, zB.schöne Jacken, die mir zu groß geworden sind oder Schals.
Eine Frau nahm ich in ein Bad mit!
Meist stecken traurige Schicksale hinter so einem Betteldasein.....
Vor meinem Supermarkt/ Apotheke/ Wäscherei sind es immer die selben.

Die werden alle zwei Monate gegen drei andere ausgewechselt. Das sind aber auch immer die selben. Man kennt sich sozusagen. Es sind immer eine Frau und zwei Männer.

Die Organisatoren dieser fest vergebenen Plätze beachten sogar die Frauenquote.

Die müssen auch ständig irgendwelche Brötchen essen und Coffee to go trinken, obwohl sie ja hier sind, um Geld zu verdienen.

Mit Betteln in München ist mehr verdient, als in den Heimatländern im Niedriglohnsektor zu arbeiten.

Sonst täten die das ja nicht.
Könnte durchaus sein, dass künftig mehr Menschen so bedürftig sind, dass sie sich ebenfalls auf Betteltour begeben müssten. Menschen aus dem eigenen Land.
Bei uns in der Stadt steht öfter ein älterer Mann mit seinem vollgeladenen Einkaufswagen auf der Straße. Er humpelt und kann auch wohl schlecht laufen und begrüßt alle vorbeigehenden Leute. Eines Tages ging ich zum Backwerk einen Kaffee trinken.Auf einmal kam dieser Mann die Treppe hoch gesprungen, beide Stufen auf einmal nehmend, setzte sich zu einem jüngeren Mann in einer Ecke und sie zählten ihr Geld. Sein Gesicht war nicht mehr so wehleidigt, er lächelte und sah recht zufrieden aus.

Letztens vorm Aldi 2 junge Leute jeder auf einem anderen Platz. Ich habe etwas gegeben.

Ich finde es tagisch, daß die Leute aus der Situation nicht raukommen. Für sie ist das Leben auf der Straße stressig.
Also ich gebe lieber den armen, alten Leuten, die die Mülleimer nach Flaschen absuchen was, als Bettlern, die auf der Straße sitzen und dann mit einem dicken Mercedes abgeholt werden... :|
Guten Morgen, liebe 50+ler
Ich freue mich, dass dieses Thema so ausführich besprochen wird. Denn es gibt, wahrschienlich niemanden, der auf den Straßen, vor Schulen, egal wo, manches echte Leid, Kummer, Sorge, Armut nicht mit schlechtem Gewissen wahrnimmt. Wer gibt schon gern zu, arm zu sein, nach diesem Mittel greifen zu müssen ?! Ok ,lassen wir mal die „Organisierten Bettlerbanden“ außen vor. Ist nicht schon der notwendige Besuch der TAFEL genug erniedrigend?

Für mich gibt es auch niemals ein Zögern, wenn wir auf den Straßen ( westeuropaweit) einen Menschen treffen, der zugeben muss: „Ich bin arm, bitte hilf mir.“ Mein Mann und ich haben einen besonderen Aufhänger angesichts eines Bettlers auf irgendeiner Straße: Vor Jahren in London „bettelte“ unser damals 8 Jähriger Sohn: „ Mutti, bitte, wirf doch mal 5Mark da in die Mütze, damit die anderen Leute auch was reinwerfen!“ Diese „Bettelei“ unseres Kindes berührt uns immer wieder, wenn wir uns einem bettelnden Menschen nähern - Hautfarbe egal! Fast automatisch schiebt sich sein Satz auf unsere Lippen, und klar, immer noch gerührt, geben wir etliche Euros. Sehr oft sprechen wir auch mit dem einen oder anderen. Man kann kaum schildern, was wir da zu hören bekommen... Vielleicht fühlen Kinder noch mehr Hilfsbereitschaft?!
Wir bleiben dabei, werden sogar bald unsere komplette Rente spenden...

Womit dann den Lebensunterhalt (und alle Träume, auch mein Projekt Girls_in_Mali ) bestreiten...sag ich jedem EINZELNEN gern einzeln. Nur soviel: bei einem Mannheim - Besuch am 23.8. erzähle ich jedes Detail...