Kleiner Zwischeneinwurf (der Rest folgt morgen):

Eine Parodie ist Goethes Gedicht sicher nicht. Aber da es hier nicht um Lyrik geht, möge der folgende Link zu einer Seite mit einer detaillierten Analyse genügen, die einen Eindruck von der Vielschichtigkeit des Werkes vermittelt:

https://norberto42.wordpress.com/2012/0 ... s-analyse/

Gute Nacht! :)
Verdandi





Liebe Verdandi,
das sollten wir nicht mehr machen, uns belehren. Wenn ich das Gedicht als Parodie empfinde, dann ist es für mich halt so. Liest es ein Mystiker, dann schwelgt er in ergötzenden Höhen, liest es ein Neurobiologe, dann sieht es anders aus. Na und? Ich will Dir ein Beispiel nennen, Goethes berühmtestes Gedicht, es gilt sogar als berühmtestes der Welt.

Über allen Gipfeln ist Ruh' Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Über allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Man hat es dreißig amerikanischen Studenten vorgelegt, die es nicht kannten, damit auch nicht die Zeit, in der es entstanden ist. Wie war ihre Interpretation?

Es wäre die Endzeitstimmung nach einem umfassenden Atomschlag.

Und das passt tatsächlich auch. Deshalb, lass den Geschmäckern ihren Lauf.

Gruß und leben wir Toleranz, lassen wir uns anregen

Felix

Zeitgeist: Van Gogh hat kein einziges Bild verkauft (sein Bruder hat eines aus Wohltätigkeit genommen) In unserer Zeit wurde eines von ihm das teuerste Bild der Welt, Sonnenblumen, für 70 Millionen Dollar. Ich weiß, dieser Rekord für ein Bild ist gebrochen, wir liegen jetzt bei 400 Millionen, ein fraglicher Leonardo da Vinci.

Entschuldige bitte, lieber Felix, aber amerikanische Studenten, die nichts von Goethe wissen, erscheinen mir selbst wie eine Parodie auf die USA.

Ich kann die Produkte vergangener Kulturepochen nur im Zusammenhang mit der Zeit betrachten und verstehen, in der sie entstanden sind, wenn ich dazu Stellung nehmen soll, und nicht bloß als geschichtslosen Steinbruch für unsere Gegenwart. - Das solltest Du aber bitte nicht als "Belehrung" missverstehen, eine solche war jedenfalls nicht von mir beabsichtigt.

Liebe Grüße,
Verdandi


von 41acul » 21.10.2018, 5:56 aus "Fühlen, Denken, Handeln" Gesundheit

Verdandi hat uns einen Videobeitrag zur Meditation eingestellt:

https://www.arte.tv/de/videos/069099-00 ... editation/

Es ist eine wunderbare Werbung für unser "Drittes Medikament". Es gibt nur wenige Aussagen, mit denen ich nicht einverstanden bin. Wir wollen nicht gleich Gutes bemeckern. Aber das erkennt man gleich, wir sind mit unserer Arbeit hochaktuell, an der Front argumentieren wir sozusagen mit. Und diese Front ist in der Tat extrem vielfältig und macher Ausgang noch unbestimmt. Das liegt auch an der buddhistischen Tradition von 2500 Jahren Meditationspraxis, die viele Millionen von Menschen durchführten.


Danke für diese Hilfe Verdandi, selbst unser Wachhund Amygdalo - heißt natürlich Amygdala = Mandelkern - hat etwas zu sagen, Wow!

Felix

Für diesen Videobeitrag verzeihe ich Dir alles:-).


Danke, lieber Felix! :D

Ich komme jetzt mal auf Deinen Beitrag vom 19.10. zurück, konkret zum folgenden Abschnitt:

>>Die Meditation ist das Richten der Aufmerksamkeit auf innere mentale Prozesse (Introspektion). Das hat die östliche Welt mit ihrer Seins-Kultur seit vielen Tausend Jahren schon gemacht. Das muss kein Vorteil sein, den Herausgekommen ist bei dieser En-Personen-Perspektive auch nur eine religiöse Richtschnur. Ich darf das jetzt aus eigener Erfahrung einmal sagen, die Menschen sind dort nicht besser geworden, garantiert nicht! Sie sind aber weniger aufgeregt und zippelig. Diese Introspektion ist die westliche Welt nicht gewohnt, sie ist von der Außenwelt gefesselt und hat den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit dorthin gerichtet. Doch wenn ich frage: „Fühlen, Denken, Handeln“. Dann bin auch ich innen und wie stelle ich es dann mit meinen Gedanken an?<<

... Denn dazu ist mir folgendes wieder eingefallen:

Auch im Westen kannte man die Introspektion, man nannte sie nur nicht Meditation, sondern Kontemplation, und diese war sicher auch nicht allzu sehr verbreitet, außer in den Klöstern, nehme ich mal an. Hierzu gibt es allerdings eine wunderbare Beschreibung von Schopenhauer, vielleicht gefällt sie Dir ja?

>>Wenn man, durch die Kraft des Geistes gehoben, die gewöhnliche Betrachtungsart der Dinge fahren lässt, ... nicht mehr das Wo, das Wann, das Warum und das Wozu an den Dingen betrachtet; sondern einzig und allein das Was; auch nicht das abstrakte Denken, die Begriffe der Vernunft, das Bewusstsein einnehmen lässt; sondern statt alles diesen, die ganze Macht seines Geistes der Anschauung hingibt, sich ganz in diese versenkt, und das ganze Bewusstsein ausfüllen lässt durch die ruhige Kontemplation des gerade gegenwärtigen natürlichen Gegenstandes, sei es eine Landschaft, ein Baum, ein Fels, ein Gebäude oder was auch immer; indem man, nach einer sinnvollen Deutschen Redensart, sich gänzlich in diesen Gegenstand verliert, d. h., eben sein Individuum, seinen Willen vergisst und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; so dass es ist, als ob der Gegenstand allein da wäre, ohne Jemanden, der ihn wahrnimmt, und man also nicht mehr den Anschauenden von der Anschauung trennen kann, sondern beide Eines geworden sind, indem das ganze Bewusstsein von einem einzigen anschaulichen Bilde gänzlich gefüllt und eingenommen ist; wenn also ... das Subjekt aus aller Relation zum Willen getreten ist, dann ist, was also erkannt wird, nicht mehr das einzelne Ding als solches; sondern es ist die Idee, die ewige Form... : und eben dadurch ist zugleich der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr Individuum; denn das Individuum hat sich eben in solche Anschauung verloren: sondern er ist reines, willenloses , schmerzloses Subjekt der Erkenntnis.<<

Arthur Schopenhauer (1788-1860),
"Die Welt als Wille und Vorstellung", Band I.



Liebe Grüße,
Verdandi



Verdandi, da hast Du meinen Lieblingsphilosophen erwischt. Nicht weil er ein besonders umgänglicher Kerl war. Er hat aber sehr viel vorweggenommen, was die Neurobiologen jetzt als "neu" nachreichen. Und darüber kann man nur staunen und begeistert sein. Auch Goethe war das, wir hatten es je gerade von ihm. Er lud ihn nach Weimar ein. Er war halt ein Querkopf gewesen, der fortdauernde Respekt von Goethe war ihm trotzdem
sicher.
"Die Welt als Wille und Vorstellung"

Was für ein Titel für sein umfangreiches Hauptwerk mit 28 Jahren. Er nimmt sogar die "Ich-Illusion" vorweg: Der Mensch kann wollen, was er will. Er kann aber nicht tun, was er will. Und sogar die Erfassung der Welt, der Realität, als innere, konstruierte, eigene Wirklichkeit. Eine individuelle Vorstellung.
Doch jetzt muss ich tatsächlich fragen, wer oder was hat ihn denn so angeregt?
Unser "Drittes Medikament", die Meditation! Wir sind zwar aktuell im Zeitgeist, doch auch wieder so "alt". Dein Beitrag beschreibt so schön sein Ringen mit Achtsamkeit.

Arthur Schopenhauer über den Buddhismus

Wollte ich die Resultate meiner Philosophie
zum Maßstabe der Wahrheit nehmen,
so müßte ich dem Buddhaismus dem Vorzug
vor den anderen [Religionen] zugestehn.
Wenn man den Buddhaismus
aus seinen Quellen studiert,
da wird Einem hell im Kopf.

Kontemplation (Besinnlichkeit) ist ja eigentlich nichts anderes als unsere Introspektion, die Besinnung nach innen. Der Blick nach innen auf unsere mentalen Prozesse, auf unsere Geistesarbeit. In der aktuellen wissenschaftlichen Literatur nennt man deshalb diese Arbeit kontemplative, empirische Wissenschaft. Die Ein-Person-Perspektive im Gegensatz zu der Dritten-Person-Perspektive der Neurobiologie mit ihren Apparaten.

Danke für Schopenhauer, ein Teufelskerl und Nietsche hat abgeschaut.

Felix

Lieber Felix,
ich freue mich über Deine Freude - und bedanke mich für die gute Antwort! :D

Ich lasse diese mal so stehen, ohne zunächst weitere eigene Gedanken hinzuzufügen, da ich im Moment mit anderen Themen beschäftigt bin. Ich werde aber später gern noch einmal darauf zurückkommen.

Liebe Grüße,
Verdandi




PS

Hier ist noch einmal der vollständige und nun auch kopierfähige Link zum arte-Beitrag über Meditation (die von 50plus automatisch abgekürzten lassen sich nicht ohne Fehler kopieren, man muss also vor dem Einsetzen den Button "Link einfügen" betätigen):

https://www.arte.tv/de/videos/069099-000-A/die-heilsame-kraft-der-meditation/



von acul aus "Fühlen, Denken, Handeln" bei Gesundheit vom 03.11.18

Der Herrscher der Welt, Schutzprogramm mit Verstand: Mensch mit Bewusstsein

Das bewährte Schutzprogramm Emotionen wurde in der Evolution erwachsen. Das Erfassen seiner Körperreaktionen im neu entwickelten Bewusstsein - erfühlt, was ist los = Gefühle -, ermächtigte den Verstand zur Feinsteuerung. Denn nur im Bewusstsein sind Überlegungen mit Verstand möglich. Das Schutzprogramm konnte sich mit Denken, Überlegungen anpassen. Jetzt wurde gelernt, dass man nicht jedem (Papier-)Tiger, Adlerattrappe, davonzulaufen hatte. Die Instinktreaktion musste nicht mehr automatisch ablaufen. Ein Küken im Nest weiß nicht, was Adler sind. Es reagiert aber sofort mit Entsetzen und versteckt den Kopf, wenn Objekte mit weitgespannten Flügeln es mit einer gewissen Geschwindigkeit überfliegen. Die Amygdala hat ganze Arbeit geleistet. Doch alles ohne Vernunft und Überlegung. Trotzdem "wusste" das Küken mit angeborenem A-priori-Wissen, das kann gefährlich sein, kann!

Anpassungsfähigkeit, das war das gnadenlose Erfolgsprogramm des Homo sapiens. Die Welt gehört ihm bis in jeden Erdenwinkel. 1950 gab es zwei Milliarden Menschen, jetzt sind es 7,6 Milliarden. Aber Achtung, in jedem Einzelnen läuft treu und brav das Erstprogramm der Emotionen als Basisreaktion weiter. Sozusagen das Podest – Untergrund - der Bühne für den Arbeitsspeicher des Bewusstseins mit seinem „phänomenalen Selbstmodell“, oder einfacher gesagt, seinem „Ich“. Und ohne Bühne keine Vorstellung im Bewusstsein.

Doch mit dem ersten Schritt der Meditation haben wir gelernt, als Zuschauer die Brille zu putzen, das Fernrohr scharf einzustellen. In der Achtsamkeit ist der Spiegel unverzerrt. Und nicht nur das, wir erlauben uns den zweiten Schritt, wir führen Regie. Wir bestimmen das Geschehen im begrenzten Arbeitsspeicher = Flaschenhals des Bewusstseins. Die Schauspieler = Gedanken mit ihren angehängten Emotionen werden jetzt von uns aufgerufen.
Die Geschichten, die dann erzählt werden, sind allerdings sehr unterschiedlich, etwas nach Bedarf. Die tibetischen Mönche „verkleiden“ alles mit Liebe und Empathie. Mystiker nach Meister Eckhart spüren Gott in sich. Die Anhänger des Gewahrseins haben gefühlmäßig alles von der Bühne verjagt und behaupten, sie sehen das Nichts. Dabei berichtet ihr "Ich" - ein sehr bewusstes Kerlchen, dass sie den Eindruck haben = Gefühl, keiner da, die Bühne aber doch
Es wurde ja auch versprochen: Die Rocky Horror Pictures Show.. Was für eine Vielfalt bei 7,6 Milliarden Gehirnen. Nur mal als fantastische Überlegung, jetzt tritt auch noch die "Ich-Illusion" dazu. Doch es dämmert der Eindruck, das unbewusste Schutzprogramm wollte die bewährten lebenswichtigen Kontrollen behalten. "Ich" darf zwar auch mitreden, aber niemals ohne Mama, sie ruft mit dem Bereitschaftspotential: "Junge, höre auf deine erfahrene Mutter = Schutzprogramm." Jedem Erwachsenen muss das gewaltig stinken.

Felix
WAS IST DAS ICH?

Eine philosophische Betrachtung:
Die Frage klingt einfach - hat es aber in sich: Was ist das Ich? Dahinter stecken hunderte kleinere Fragen, über die sich die Menschheit seit Jahrtausenden den Kopf zerbricht. Zum Glück gibt es da Harald Lesch, den Philosophen eures Vertrauens.

https://www.youtube.com/watch?v=P21d40y-gPo

Ihm schaue und höre ich sehr gerne zu: das gesamte Programm der kommunikativen Möglichkeiten wird hier eingesetzt, um das Thema zu umreißen.
:idea: :wink:
Liebe Luna,
da bist Du ja. Und auch noch mit Schrödingers Katze. Da kann ich nur sagen, es gibt keinen besseren Erklärer wie Harald Lech. Diese Kombination von unglaublichem Wissen und diesem pädagogische Geschick, das ist Weltklasse. Wir können uns glücklich schätzen, dass sich solch ein Geist im Fernsehen tummelt. Glaub ihm jedes Wort, denn er sagt auch ganz klar, wo Grenze ist.

So soll Wissenschaft sein, solch ein Abenteuer ist es und solche Freude hat man daran. Schaut man Lech an, dann freut man sich mit.

Danke für Schrödingers Katze als Symbol für das Zwischenreich

Felix
oh entschuldigung, das war der falsche link :oops:

hier ist der, den ich meinte:

https://www.youtube.com/watch?v=CAHnfoRx4IY

mir gefällt einfach sein Einsatz von Stimme, Modulation und Gestik, Mimik unglaublich gut. Manchmal bricht ihm z. B. vor Erstaunen die Stimme weg ...
unglaublich gut gemacht. Da sieht man was diese Faktoren nämlich zur Kommunikation beitragen.
Also von mir kriegt er eine 1+.

:wink:
Allerliebste Luna,
ich muss Dich in Gedanken drücken, was für ein Geschenk Du da gefunden hast. Seit einem Jahr bemühe ich mich mit Worten diese philosophischen Fragen in Anlehnung an die Neurobiologie zu beschreiben. Und jetzt fasst das alles mein bewunderter Lech zusammen und erzählt es genauestens mit laufendem Bild. Und wie er es beschreibt, fesselnd, mitreißend, einmalig. Selbst auf diesem Wissensgebiet ist er kompetent und ich kann jedes Wort unterschreiben.
Ein absuluter Höhepunkt in diesem Thread, es wird wohl der Höhepunkt sein.

Jetzt ist der Felix doch etwas fassungslos, geht von Freude berauscht zum Frühstück und wärmt sich den ganzen Tag am Gedanken an Luna und Lech. Denn das kann "Ich" auch, es sucht sich die Begleitung für seine Gedanken selbst.
Da fängt die große Freiheit an, nicht alles "Ich-Illusion". Oder doch?! Doch alles Heisenbergsche Unschärfe?

Großartig, Luna, die Mondfrau, es glitzert und funkelt!

Felix