Ingeborg Bachmann initiiert unsere Betrachtung zu Frage nach dem Zeitlosen

" Der erste Baum der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht,
die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so
unmäßiger Fleck, dass er aussieht, als wäre er eine Fackel,
die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbstwind
und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen. Wer möchte drum
zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts eines
Baumes, wer mich hindern, ihn mit den Augen zu halten und zu
glauben, dass er mir immer leuchten wird, wie in dieser Stunde,
und das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt ?"

...........sie glaubt, dass das Gesetz der Welt nicht auf diesem ersten Baum liegt und macht uns auf eine Zeitlosigkeit in allem Vergänglichen aufmerksam,
und ist zutiefst überzeugt : Es gibt etwas Ewiges in uns, das schon hier beginnt.

( Quelle Bachmann )

Die Welt anhalten …

Die Emphase eines solchen Augenblicks-Erlebens überstrahlt und überströmt alle Kategorien des Denkens. Die damit verbundene Illusion der Ewigkeit schafft erst die erinnerbaren sinnlichen Wahrnehmungen als bedeutende und in ihrer Summe später als das gesamte Gefühlsleben prägend erkannten persönlichen Erfahrungen.

Nun kann man sich dem Erleben ausliefern oder es mit den Mitteln des Künstlers oder Dichters bewusst erfassen und auf der mittelbaren Ebene fortführen und intensivieren, bis dass wir das daraus entstehende Produkt betrachten oder lesen können.

In diesem Zusammenhang fällt mir als ein extremes Beispiel natürlich Marcel Proust ein, auf seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“. Er treibt es auf die Spitze, in dem er sich von seinem Krankenlager aus auf eine lange Pirsch der Erinnerung zurück begibt in alle vergangenen Lebensphasen, um der empathischen Substanz der Ereignisse darin noch einmal gewahr zu werden, wie sie hier Ingeborg Bachmann beschreibt, um ihnen Ewigkeit und damit nachträglich unvergessliche Bedeutung zu verleihen.

Dank dieser Dichter und Künstler können wir partizipieren an einer wundersamen fremden Welt und dadurch auch unsere Erlebniswelt allein durch eine solche Rezeption mittelbar bereichern – und uns vielleicht sogar dadurch in die Lage versetzen, aufmerksamer für das unmittelbare eigene Erleben zu werden.

Viele Menschen verfügen über solche Potenziale, ohne das Erlebte intellektuell zu durchdringen und zu dokumentieren. Wenn ein solcher „Moment der Ewigkeit“, in dem die Welt anzuhalten scheint – so, wie ein Duft oder Anblick aus der Kindheit diesen in ihnen hervorrufen, sie ergreifen und durchfahren kann, wie die Madeleines bei Proust oder der brennende Baum bei Bachmann –, mag es auch ihnen so ergehen wie dem Erzähler und der Dichterin, die dann allerdings von den Anforderungen der Kunst zur Perfektionierung dieses Augenblicks verleitet wurden – um uns auf einer erhöhten Ebene daran teilhaben zu lassen. Aber eigentlich zählt nur dieser „Moment der Ewigkeit“ an sich – und den kann jeder erleben, der sich dafür öffnet und bereit hält.


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(Apropos „Brennen“…)



Wasser und Feuer

So warf ich dich denn in den Turm und sprach ein Wort zu den Eiben,
draus sprang eine Flamme, die maß dir ein Kleid an, dein Brautkleid:

Hell ist die Nacht,
hell ist die Nacht, die uns Herzen erfand
hell ist die Nacht!

Sie leuchtet weit übers Meer,
sie weckt die Monde im Sund und hebt sie auf gischtende Tische,
sie wäscht sie mir rein von der Zeit:
Totes Silber, leb auf, sei Schüssel und Napf wie die Muschel!

Der Tisch wogt stundauf und stundab,
der Wind füllt die Becher,
das Meer wälzt die Speise heran:
das schweifende Aug, das gewitternde Ohr,
den Fisch und die Schlange –

Der Tisch wogt nachtaus und nachtein,
und über mir fluten die Fahnen der Völker,
und neben mir rudern die Menschen die Särge an Land,
und unter mir himmelts und sternts wie daheim um Johanni!

Und ich blick hinüber zu dir,
Feuerumsonnte:
Denk an die Zeit, da die Nacht mit uns auf den Berg stieg,
denk an die Zeit,
denk, daß ich war, was ich bin:
ein Meister der Kerker und Türme,
ein Hauch in den Eiben, ein Zecher im Meer,
ein Wort, zu dem du herabbrennst.

Paul Celan

(Beigefügt seinem Brief an Ingeborg Bachmann vom 30.10.1951)


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Ich habe einen ungeheuren Respekt vor Paul Celan; insbesonderte als Nach-Auschwitz-Dichter ehre ich ihn und möchte dieses Gedicht nicht für meine eigenen Zwecke hernehmen und „deuten“. Ich greife mir daher nur eine Strophe heraus, ohne weitere Bedeutungs-Verknüpfungen, die einfach nur für sich stehend, mich an eine eigene Lebens-Vorstellung erinnert:


Der Tisch wogt stundauf und stundab,
der Wind füllt die Becher,
das Meer wälzt die Speise heran:
das schweifende Aug, das gewitternde Ohr,
den Fisch und die Schlange –


Es hat etwas scheinbares Passives. Es ist für mich das Ausgeliefertsein an das Leben. Ein Leben, das allein aber nährt. Und wieder nimmt. Oder Gefahr bringt. (Manchmal das Gute im Schlechten und umgekehrt.) Es existiert nichts außerhalb!




Joseph Brodsky, „Hommage an Marc Aurel“, Kapitel III, aus dem Essayband „Der sterbliche Dichter“:

>>Was Vergangenheit und Zukunft gemein haben, ist unsere Vorstellungskraft, die sie heraufbeschwört. Und unsere Vorstellungskraft wurzelt in unserer eschatologischen Furcht: dem Schreckgespenst des Gedankens, dass wir ohne Vorgänger und Nachfolger sind. Je stärker diese Furcht, desto detaillierter unser Bild von Antike und Utopia.

Manchmal - eigentlich allzu oft - überlappen sie sich, so wenn die Antike über eine ideale Ordnung und ein Übermaß an Tugenden zu verfügen scheint oder wenn die Bewohner unserer Utopien in Togen gehüllt durch ihre wohl regierten Marmorstädte streifen.

Marmor ist, ganz klar, der unverwüstliche Baustoff unserer Antike wie unserer Utopie. Insgesamt durchdringt die Farbe Weiß unsere Vorstellung bis in die alleräußersten Winkel, wo ihre Version der Vergangenheit oder Zukunft eine metaphysische oder religiöse Wendung nimmt.

Das Paradies ist weiß, desgleichen das antike Griechenland und Rom. Diese Vorliebe ist nicht so sehr eine Alternative zum dunklen Quell unserer Fantasie als eine Metapher für unsere Ahnungslosigkeit oder einfach eine Spiegelung des Materials, das unsere Fantasie normalerweise für ihre Aufschwünge verwendet: Papier. Ein zerknüllter Papierball auf seinem Flug in den Papierkorb kann leicht für einen Zivilisationssplitter gehalten werden, vor allem ohne Brille.<<



Diese Worte erinnern mich an zwei, drei mir wichtig erscheinende eigene Gedanken, denen ich schon früher nachgegangen bin:

(1) Die existenzielle Furcht, dass die Menschheit an sich (ohne ihre richtigen oder irrigen Vorstellungen über Genese und Schicksal) letztlich keinen eigenen Platz in dieser Welt hat – die mir unvergleichlich schwerer zu wiegen scheint, als die jämmerliche individuelle Sorge um den eigenen Wert und die eigene Endlichkeit.

(2) Wir „lügen“ (i.S. von: machen uns etwas vor), und zwar permanent, um uns selbst zu erklären. Dabei blenden wir aus, was wir gerade nicht übersehen können oder wollen, was evtl. Annahmen und Überzeugungen in Frage stellen würde, wenn wir es zuließen. So erscheint alles einheitlich (analog zu Brodskys o.a. Text: „weiß“), wo keine Einheitlichkeit herrscht, sondern Widersprüchlichkeit (Schatten, Grauzonen...).

(3) Wir können im Grunde nur auf das zählen, was ist: auf den Moment des gegenwärtigen Erlebens und den steten Wechsel in den nächsten und nächsten und nächsten Moment. Nur wenn wir Zeit leben und nicht über Zeit nachdenken, sind wir wirklich da. In der Zeit. Trotzdem müssen wir dringend die Geschichte gegenwärtig halten, um aus ihr zu lernen und uns zugleich auf die Zukunft entwerfen, um uns als intelligente Wesen weiter entwickeln und als Spezies überleben zu können.

– Ein Widerspruch, der ein Spannungsfeld erzeugt, das uns lebendig macht und in Bewegung hält: Wir müssen stets erneut Abstand gewinnen, von dem, was uns vom Hier und Jetzt wegführt. Und wir müssen stets wieder Abstand gewinnen vom gegenwärtigen Erleben, um unsere Erfahrungen zu reflektieren, unser Wissen zu erweitern und Vorsorge für unsere Zukunft zu treffen. Wir dürfen nur nicht irgendwo hängen bleiben. Und wir sollten bereit sein und immer wieder werden, alles in Frage zu stellen – auch und insbesondere uns selbst samt unserer übernommenen aber auch ureigenen Überzeugungen.



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Joseph Brodsky (1940-1996) war ein russisch-US-amerikanischer Dichter und Nobelpreisträger für Literatur.
Foto: 1988, Quelle: Wikimedia Commons / Lizenz: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989



Wer kann da noch widerstehen: Marc Aurel, der Liebling, damals Kaiser und Herrscher der bekannten Welt. Und? Als Philosoph weltberühmt.

"Was Vergangenheit und Zukunft gemein haben, ist unsere Vorstellungskraft, die sie heraufbeschwört."
Das ist doch einmal ein Wort, so ist es.
Und alles wird gespeist aus dem episodischen Gedächtnis und A-Priori-Wissen.

"Und unsere Vorstellungskraft wurzelt in unserer eschatologischen Furcht: dem Schreckgespenst des Gedankens, dass wir ohne Vorgänger und Nachfolger sind. Je stärker diese Furcht, desto detaillierter unser Bild von Antike und Utopia."

Doch warum jetzt diese religiöse Abschweifung? Diese zwanghafte Überhöhung? Nun, die Stoiker um Marc Aurel glaubten noch an einen Ort - ähnlich Walhall der nordischen Krieger -, wo sich ihre unsterblichen Seelen nach dem Tod versammelten. Gleichzeitig lehrten die Stoiker aus der Schule von Epikur: "Nach dem Tode geben wir unsere Atome wieder an das Weltall zurück. Die Nächsten sollen dann ihre Freude haben."
Was für eine überragende moderne Einstellung! Sie ähnelt etwas der buddhistischen Lehre. Sie lässt aber seinen niederschmetternden Pessimismus - alles ist "Durst" = Überhöhung, das Leben als Mensch ist eine dauernde durstige Qual, nichts wie für immer weg ins Nirwana. Auf Nimmerwiedersehen.

Welch ein Unterschied! Das Getriebensein im Hier um nach dem Tode vor versammelter "Mannschaft" zu bestehen. Dagegen die heitere Gelassenheit und Freude am weiteren Wissen und dem Sein im Jetzt. Es ist, wie es ist, schön ist es, ein Mensch zu sein. Die Sorgenmacherei und die hohen Ansprüche versauen die Gegenwart.

Felix
cron