Sex und Gender in Sternen und Kalender
Es ist wohl diese Astrologia ein närrisches Töchterlein (hab ich geschrieben in meinem Buch de Stella fol. 59.), aber lieber Gott, wo wollt ihre Mutter die hochvernünftige Astronomia bleiben, wenn sie diese ihre närrische Tochter nit hätte. Ist doch die Welt noch viel närrischer, und so närrisch, dass deroselben zu ihrer selbst frommen diese alte verständige Mutter, die Astronomia, durch der Tochter Narretei, weil sie zumal auch einen Spiegel hat, nur eingeschwatzt und eingelogen werden muss. Und sind sonsten der mathematicorum salaria so seltsam und so gering, dass die Mutter gewisslich Hunger leiden müsste, wenn die Tochter nichts erwürbe. Wenn zuvor nie niemand so töricht gewesen wäre, dass er aus dem Himmel künftige Dinge zu erlernen Hoffnung geschöpft hätte, so wärst auch du Astronome so witzig nie worden, dass du des Himmels Lauff von Gottes Ehr wegen zu erkündigen sein gedacht hättest. Ja, du hättest von des Himmels Lauf gar nichts gewusst.
Johannes Kepler
Wir ersehen in Sprachen und deren Grammatik, dass die Sonne und der Mond abwechselnd beides sein können, männlich oder weiblich. Im Deutschen zum Beispiel ist die Sonne weiblich und der Mond männlich, in romanischen Sprachen ist es umgekehrt und wir haben bereits Hinweise auf Ursachen dafür gefunden. In Sprachen und Kulturen, in denen der Mond weiblich ist und auch die Mythen davon erzählen (Artemis, Kallisto) ist die Sonne männlich (Helios, il sole). Wenn aber die Sonne weiblich ist, dann ist der Mond männlich, als ob diese zwei am Himmel gleich groß erscheinenden Himmelskörper die beiden üblichen Geschlechterrollen der Menschen spielen: Mann und Frau. Ein deutscher Schlager aus den Hitparaden vom Anfang der Sechziger Jahre erzählt von Lady Sunshine und Mister Moon,
gesungen von Conny Froboess.
Die erste Strophe des Liedes lautet:
Lady Sunshine und Mister Moon
können gar nichts dagegen tun
dass sie am Himmel sich niemals trafen
denn wenn er aufsteht dann geht sie schlafen
Dieser Schlagertext schildert ziemlich genau Sternkunde, aber nur in Bezug auf den Vollmond, wenn man das Gesicht des Manns im Mond in der Mondscheibe sehen kann. Wenn der Vollmond nämlich aufgeht, geht die Sonne unter, und umgekehrt, wenn der Vollmond aufgeht, geht die Sonne unter.
Sonne und Mond treffen sich sehr wohl, jedes Mal bei Neumond, oder sehr spektakulär bei einer Sonnenfinsternis, die in alter Sichtweise als Schwäche oder gar Sterben der Sonne angesehen wurde.
Der Mythos beschreibt ein Zusammentreffen von Sonne und Mond als himmlische Hochzeit(hiero gamos), und erzählt von Ritualen an speziellen Jahrestagen, wie bei Neumond zumJahreswechsel. Das Ergebnis solcher Rituale war in manchen Fällen Tempelprostitution. In christlichen Prophezeiungen spielt eine Hochzeit im „Himmelreich“ im Gleichnis der fünf törichten oder klugen Brautjungfern eine Rolle: Das Matthäus-Evangelium (25, 1-13) stellt eine Endzeit-Parabel vor, die mit den Worten endet: „Niemand kennt die Stunde und den Tag.“ Das Gleichnis wurde in der alten katholischen Lesart und wird in der lutherischen Leseordnung am letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Ewigkeitssonntag gelesen.
Es erzählt von einer Hochzeit, bei der fünf kluge und fünf törichte Brautjungfrauen den Bräutigam erwarten. Die jeweils fünf Lampen der klugen oder törichten Jungfrauen symbolisieren hier ähnlich wie die Lampen in der Apokalypse (wie wir später sehen werden) die fünf Planeten, die bei einer Konjunktion anwesend sind, in der Symbolsprache demnach leuchten oder nicht. Neben den fünf Jungfrauen als die fünf übrigen Planeten stellen der Bräutigam und die Braut selbst Sonne und Mond dar. Die himmlische Hochzeit fand aber auch zwischen Planetengöttern statt, wie zwischen Mars (Ares) und Venus (Aphrodite), aus deren Vereinigung im römischen Mythos Amor, auch Cupido genannt, und im griechischen Mythos Eros entstand.
Zahlreiche Hochzeiten sind auch von Zeus/Jupiter bei seinen vielen Abenteuern bekannt.
Der Vereinigung mit seiner Frau Hera/Juno entspringen Ares und Hephaistos. Hera/Juno ist jedoch nicht ein Wandelstern im klassischen Sinn ist; sie ist Schutzpatronin der Ehe und entspricht eher der Erde. Ihr Symbol von Fruchtbarkeit finden wir im Sternbild Jungfrau, daher mag eine Vereinigung von Jupiter mit Juno eine Situation darstellen, wenn Jupiter in Opposition zur Sonne besonders strahlend im Sternbild Jungfrau sichtbar ist. Kommt daher gar der sprachliche Ausdruck: „es sticht der Hafer“, für jemanden, der sexuelle Begierden zeigt?
11.1. Jupiter and Juno. Agostino Carracci (1557 - 1602)
In der griechisch-römischen Mythologie ist die Aufteilung von weiblichen und männlichen Planetengöttern folgende: Aphrodite (Venus) und Artemis (Selene/Diana) sind weiblich; Chronos (Saturn), Zeus (Jupiter), Ares (Mars) und Helios/Apoll (Sol/Apoll) sind männlich; und Hermes (Merkur) ist Hermaphrodit. Zählen wir Hera (Juno) für die Erde auch dazu, so ergibt dies ein knappes Übergewicht der männlichen Gottheiten.
Warum aber ist in nordeuropäischen Sprachen der Mond männlich im grammatikalischen Geschlecht? Besonders Italiener wundern sich, wenn man im Deutschen „der Mond“ und „die Sonne“, anstatt des weiblichen „la luna“ und „il sole“ sagt. Das Rätsel kann durch die mythische Assoziation des Mondes mit der Milchstraße gelöst werden:
Ähnlich dem mesopotamischen Mondgott Sin, der eng mit Milchstraße und dem Hüten von Kühen verknüpft ist, ist auch die nordische Mythologie mit der Milchstraße durch den Mondwolf, Fenrir oder Fenris verknüpft. Die nordischen Mythen erzählen, dass die Götter begannen sich zu fürchten dieser Wolf würde alles verschlingen, wenn er älter werde, und beschlossen ihn zu bändigen.
Zweimal ketteten sie Fenrisulfr aber zweimal zerriss er seine Fesseln.
Dann ließ Odin die Zwerge die Kette Gleipnir fertigen. Sie war aus sechs
wundersamen Dingen gemacht: Dem Geräusch eines Katzenganges, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Berges, den Sehnen eines Bären, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels. Aber der Wolf vermutete einen Trick. Fenrir willigte ein sich als Versuch fesseln zu lassen, wenn als Bürgschaft einer der Götter ihm seine Hand ins Maul steckt, während er gefesselt wird, damit er wieder freikommt, falls ihm misslingt die Fessel zu zerreißen. Kein Gott war gewillt das zu tun, außer Tyr, der ihm seine Hand ins Maul legte. Fenrisulfr strengte sich die Fessel zu zerreißen, aber je mehr er kämpfte umso fester hielt sie, und dann biss er Tyrs Hand am Handgelenk ab, an der Stelle die danach isländisch wolf Úlflidr (Handgelenk, wörtlich Wolfsgelenk) genannt wird. Die Götter steckten danach ein Schwert in Fenrirs Maul als Sperre für sein Kiefer. Er jaulte entsetzlich und Geifer floss aus
seinem Maul. Der Schleim der aus seinem Maul rann, ist ein Fluss, genannt Von, und stellt die Milchstraße dar und erinnert an die vielen Parallelen der Milchstraße, auch Hundeweg oder „Wo der Hund läuft“ genannt, wegen der Spuren aus Mehl, die einem diebischer Hund aus dem Maul tropften und das er aus einer Mühle gestohlen hat. Es ist prophezeit, dass zu Ragnarök (der Götterdämmerung am Ende der Welt), der Wolf freikommt, wenn Heimdall, der Wächter von Bifrost, ins Gjallarhorn stößt. Im Kapitel über die Milchstraße ist Bifrost als die Midgardbrücke erklärt, als die Brücke, die aus der Welt der Sterblichen zur Welt der Götter, Asgard, führt.
11.2. Fenrir und Tyr, der seine Hand durch den Biss des Wolfes verlor. Isländisches
Manuscript AM 738 4to (17. Jh.), Árni Magnússon Institut, Island.
11.3. Ein Fluss von Geifer fließt aus Fenrirs Maul. Isländisches Manuskript SÁM 66 (18. Jh.) Árni Magnússon Institut, Island. Rekapitulieren wir nun kurz die bisher geschilderten Verknüpfungen von Sexualität und Sternkunde: Die Milchstraße ist eng mit weiblicher Brust und Genitalien assoziiert. Der Mondzyklus und seine Konformität mit dem weiblichen Zyklus findet Ausdruck in der Mondgöttin Artemis und ihrem Gefolge, worin sich nur Jungfrauen (nicht Schwangere) befinden dürfen, aber auch in ihrer Patronanz der Jagd, was durch die Sexstrike- Theorie belegt wird.
Aphrodite ist Göttin der sexuellen Liebe und Fruchtbarkeit, weil die Sichtbarkeitsperiode descPlaneten Venus von neun Monaten der menschlichen Schwangerschaftsperiode entspricht.
Diese Periode findet sich in den Feiertagen des christlichen Kalenders in den neun Monaten zwischen Frühlingsäquinoktium und Wintersonnwende, den alten Terminen von Maria Verkündigung (Christi Empfängnis) am 23. März und Christi Geburt am 25. Dezember. Diese Periode und alte Sitten mögen die Ursache für den landläufigen Ausdruck sein, dass der Storch die Kinder bringe, oder der spöttischen Phrase „wie die Jungfrau zum Kind kommen.“ Der Storch ist ein charakteristischer Vogel, der zu Frühlingsbeginn von seinem winterlichen Zug aus Afrika nach Europa zurückkommt. Er ist ein ausdrücklicher Frühlingsbote, ähnlich dem mythischen Phönix. Sein typischer Stand auf einem Bein stellt eine gedankliche Verbindung zu chthonischen oder lahmen Gottheiten, wie den Demiurgen her. Ein Kind, das also zugleich mit dem Eintreffen des Storchs geboren wird, wurde zur Sommersonnwende gezeugt, zu der auch jetzt noch in Nordeuropa besonders ausgelassene Feste gefeiert werden. Die Sonnwendfeiern wurden im Mittelalter so ekstatisch zelebriert, dass sie vom Klerus verboten wurden. Alte Berichte auch vom Teufelstein zeugen davon, dass
dann zahlreiche Mädchen und Frauen sich wahl- und zügellos dem Beischlaf hingaben, und danach vermutlich wohl nicht sagen konnten, wer der Vater einer neun Monate später geborenen Leibesfrucht ist. So kam frau sprichwörtlich wie die Jungfrau zum Kind. In sehr frühen, im speziellen matriarchalen Kulturen war dies sicher üblich, da die Sippe für die Kinder mitsorgte und der Besitz matrilinear weitergegeben wurde. Wer der Vater war, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Eine interessante Bestätigung erfährt diese These durch einen Zuruf, mit dem baltische Kinder den Storch ärgern. Wenn sie einem Storch nahe kommen, rufen sie nämlich: Storch, Storch, deine Frau ist eine Hex!
Die Hexen sind aus christlicher Sicht jene Frauen, die alten heidnischen, auch sittlichen Traditionen anhängen und sich nicht viel um christliche Sexualmoral kümmern. Im übertragenen Sinn sind sie jene, die sich zu den rituellen Terminen, wie der Sommersonnwende sexuell hingeben. Ein vom Storch gebrachtes Kind entspricht also einem von einer Hexe geborenem Kind, wobei der Vater unbekannt, bzw. der Storch selber ist.
Interessant ist es nun nach der christlichen Entsprechung des Storchs zu suchen, nämlich dem (nicht vorhandenen) Vater von Jesus. Johannes der Täufer, der Verkünder Jesu, hat seinen Feiertag zur Sommersonnwende und Joseph, der Nährvater Jesu, hat seinen Namenstag zu Frühlingsbeginn, wenn der Storch kommt. Die Attribute des Josef sind ein Stab und sehr bezeichnend die Lilie, die wir schon von der Milchstraße und Christophorus kennen.
11.4. Statue von St. Joseph dem Nährvater mit Lilie Der Stammbaum von Jesus und seine jungfräuliche Geburt ergeben eine unlösbare Diskrepanz, denn einerseits soll er als Sohn Gottes direkt vom Heiligen Geist, einer der drei Personifikationen Gottes, empfangen sein, andererseits als Menschensohn, von König David abstammen, wie der Stammbaum in den Evangelien von Matthäus und Lukas zeigen soll.
Dass er aus dem Hause Davids kam, war ja in der Erzählung des Sterns von Bethlehem von Wichtigkeit, um eine Weissagung des Propheten Micha zu erfüllen. Man erkennt somit deutlich, dass die gesamte Geburtsgeschichte ein erfundenes Konstrukt ist, um im Nachhinein Jesus eine göttliche Geburt zuzuschreiben, wie dies in der Antike oftmals geschah. Ein Beispiel einer solchen Abstammung direkt vom Göttervater Zeus ist König Minos. Er soll von Zeus selbst gezeugt worden sein, nachdem dieser in einen weißen Stier verwandelt, Minos’ Mutter, Europa entführte. Die kretisch-minoische Kultur ist in diesem Mythos begründet, und vermutlich auch die alte griechische Redensart: „Alle Kreter lügen,“ die man demgemäß heute durchaus auf den Vatikanstaat übertragen könnte.
Wir wissen es nicht, aber der Reichtum der minoischen Kultur könnte in der Rinderzucht gelegen haben, denn der Mythos erzählt über die Frau von Minos folgendes: Pasiphae, Tochter des Sonnengottes Helios, war in Liebe zu einem Stier entbrannt, böse Zungen unterstellen, weil sie die selben Erfahrungen wie ihre Schwiegermutter Europa erleben wollte. Sie ließ sich von Daedalus eine künstliche Kuh bauen, in die sie schlüpfte und sich von einem Stier bespringen ließ. Das Resultat war der Minotaurus. Der Mythos sagt nicht genau, ob er die Frucht der Vereinigung war, oder ob der Stier rasend wurde. Jedenfalls verwüstete er die
Insel Kreta und wurde, als menschlicher Körper mit Stierkopf dargestellt, zu einem
gefürchteten Monster, das in einem Labyrinth gefangen gehalten wurde. Theseus, weil er nicht an die göttliche Abstammung von Minos glaubte, erschlug den Minotauros, und entkam dem Labyrinth mit Hilfe von Ariadnes Faden, die selbst eine Tochter von Pasiphae war. Die Verwüstung der Insel, die schließlich den Untergang der minoischen Kultur brachte, könnte auf übertriebene Beweidung1 des kargen Eilands und die künstliche Kuh auf gezielte Zuchtwahl hindeuten, wie sie heute noch zur Gewinnung des Samens von Zuchtstieren betrieben wird. Wenn gezielte Rinderzucht die eigentliche Basis für den Reichtum der Minoer war, so macht es Sinn, dass sie versuchten dieses Wissen zu schützen. Die Erfindung eines
gefährlichen dämonischen Geschöpfs in einem gefürchteten Ort ohne Wiederkehr, wie dem Labyrinth, würde ebenso effektvoll wirken, um eine geheime Produktionsstätte zu verbergen, wie es der Teufel der Christen bei der Zeitrechnung bewirkt. Der Kalender war und ist Monopol der Kirche, die Astronomie im Mittelalter dem Klerus vorbehalten, und deshalb wardie Nativität von Jesus zu berechnen Grund genug, verbrannt zu werden, mit dem Vorwand einen Pakt mit dem Teufel zu haben. Der Teufel „bewacht“ auch die Endzeit, um die Beschäftigung damit zu ängstigen, weil er losgelassen wird zum Ende der Zeit, wie die christlichen Mythen und die Offenbarung den Gläubigen weis machen.
11.5. Daedalus präsentiert Pasiphae die künstliche Kuh.
Fresko im Casa dei Vettii, Pompeij, 1. Jh.
Borneman, Ernest: Recht und Sexualität im griechischen Mythos. Die griechischen Sagen in
Bildern erzählt von Erich Lessing. Orbis Verlag, München 1990.