"Ausgeglichen" sucht Hilfe. Sollte kürzlich ein Gedicht aufsagen, das sich auf's Wandern bezieht. Mir fiel nur ein sehr kurzes ein: Heines Harz-Gedicht:

Hochwärts Steine, Aussicht? Keine. Heinrich Heine.

Schön kurz, aber der Anfang ist falsch. Wer weiß es richtig?
Allen einen Frühling wie ein Gedicht - Gerd
Viele Steine,
müde Beine,
Aussicht keine,
Heinrich Heine
Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.


Der Seufzer dacht' an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm -
und er sank - und ward nimmer gesehen.


Christian Morgenstern
A Ausflugs-Omnibus aus Wien
bringt nach des Alltags grauer Müh'n
a Menge Wiener zu an See,
dort geht's ins Wasser mit Juchhe!

Und nach'm Badn mitanand
liegen alle Wiener aufm Strand.
A Muckn hat das glei entdeckt,
Bua, wie sie sich die Lippn schleckt!

"Kummts!", schreit sie zu den andern Muckn,
"heut lohnt sichs bsonders auszurucken!
Heut werds euch schmeckn - absolut!
Heut gibt es Klassik: Wiener Blut!"

W. Rudnigger, Kärntner Heimatdichter
rheinnixe hat geschrieben: Viele Steine,
müde Beine,
Aussicht keine,
Heinrich Heine



Vielen Dank, "rheinnixe". Ja, Ihre Version muss das Original sein. Was ich kannte wird eine Umdichtung gewesen sein. Darin hat jemandem Heines "Aussicht keine" als hinweis auf Nebel nicht gereicht. "Sein" Titel "Brocken im Nebel" liest sich als Textbestandteil. Ist ja fast ein Haiku, in dem auch ein manchmal nur dezenter Hinweis auf die Jahreszeit enthalten sein soll.
Zahnschmerz
Wilhelm Busch

Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen;
doch hat's die gute Eigenschaft,
dass sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
und aus ist's mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluss: Er muss heraus!
Sein Verfasser, Christian Morgenstern, nannte es das "tiefste deutsche Gedicht"

Bild

Die schöne Interpretation von Gert Fröbe ist im Netz wohl nicht verfügbar; aber auch die Darbietung aus dem Wiener Burgtheater ist der Tiefe des Stoffes durchaus angemessen:
https://www.youtube.com/watch?v=hE9UU_vHEZc
Es folgt ein weiterer dramatischer Monolog (nein, nein, der Bloomsday war gestern) in der Interpretation von Gert Fröbe:


Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst

Christian Morgenstern

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause ...

(Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, daß sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muß.)


https://www.youtube.com/watch?v=3oqDgB02hnc
Logik
vonJoachim Ringelnatz

Die Nacht war kalt und sternenklar,
Da trieb im Meer bei Norderney
Ein Suahelischnurrbarthaar. -
Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar,
Man fragt doch, wenn man Logik hat,
Was sucht ein Suahelihaar
Denn nachts um drei am Kattegatt?


Anmerkung: Eine ernste Sache, wenn die Logik nicht mehr funktioniert. Wie kommt denn das Suahelihaar ausgerechnet dorthin? Wie kommen von der gleichen Stelle eine Flaschenpost in die Normandie und die andere nach New York? Erzeugt der Flügelschlag eines brasilianischen Schmetterlings einen Orkan in Texas? Dafür gibt es keine einfachen Lösungen mehr - aber es gibt noch welche, die mit viel Kopfarbeit und gutem Willen zu verstehen sind. Nicht jedermanns Sache sind die komplexen Lösungen - die Einfachen und ihre Protagonisten sind beliebter, damals wie heute. Sofort nach der Machtergreifung 1933 bekam Ringelnatz Ausstellungsverbot und seine Bücher wurden verbrannt.
Am Bahndamm stand ein Sauerampfer,
sah nur Züge, keine Dampfer ...
armer, kleiner Sauerampfer.

Die Originalversion, etwas anders stammt von Joachim Ringelnatz, die Veränderung von ....?
@Streicheleinheit: zu früh gefreut, nix mit Petzen :P
Wilhelm Rudnigger, kärntner Heimatdichter

Schaut aus der Erdn außer a Wurm, ganz in der Näh'
reckt zgleich a andres Würmle sei Köpfle in die Höh'.
"Ah, guatn Tag, Kollege!", sagt der Regenwurm zu ahm,
"Wie guad, daß Se a da sein, bin eh nit gern allan!"
Drauf duat der andre raunzn "wia dumm oft manche send!
I bin nit dei Kollege - i bin dei andres End'!"
ValentinAK hat geschrieben: Am Bahndamm stand ein Sauerampfer,
sah nur Züge, keine Dampfer ...
armer, kleiner Sauerampfer.

Die Originalversion, etwas anders stammt von Joachim Ringelnatz, die Veränderung von ....?

KORREKTUR:
[size=85]@Streicheleinheit = bitte zu löschen, habe @Sonnenscheinchen (vormals @Edeltopas) damit gemeint: zu früh gefreut, nix mit Petzen :P [/size]
Hawaii.72 hat geschrieben: A Ausflugs-Omnibus aus Wien
bringt nach des Alltags grauer Müh'n
a Menge Wiener zu an See,
dort geht's ins Wasser mit Juchhe!

Und nach'm Badn mitanand
liegen alle Wiener aufm Strand.
A Muckn hat das glei entdeckt,
Bua, wie sie sich die Lippn schleckt!

"Kummts!", schreit sie zu den andern Muckn,
"heut lohnt sichs bsonders auszurucken!
Heut werds euch schmeckn - absolut!
Heut gibt es Klassik: Wiener Blut!"

W. Rudnigger, Kärntner Heimatdichter



"Wiener Blut" erinnert mich an ein Bonmot, nicht so schön wie das Gedicht und nicht gereimt, aber ich "arbeite" dran. - "Was hast du denn zu Weihnachten bekommen?" fragt ein Vampir den anderen. "Eine CD!" - Was willst denn damit?" - "Es steht drauf WIENER BLUT !" ..."Ausgeglichen"
Spanferkel kommt, und sei es noch so frisch,
bei mir nicht auf den Tisch.

Ich sah einmal, ich kann das nie vergessen,
Spanferkel Grünes fressen.

Und das begreift doch jedes Kind,
dass Grünspanferkel giftig sind.

© ..... (XY weiß alles, ich es auch und @So....en kann wieder nicht Petzen)
@Wiener Blut:
Von Zeit zu Zeit werden die Vampire auch mit Humor besungen. Bei mir im Schrank steht noch die LP „Lieder von Vampiren, Nonnen und Toten“ von Witthüser & Westrupp aus 1970. Wie der Name verrät, behandelte sie thematisch das Leben, Sterben und den Tod. Neben eigenen Texten wurden unter anderem Gedichte von Heinrich Heine und Novalis vertont. Die Musik stammte ausschließlich von Witthüser & Westrupp. Bernd Witthüser erlangte später unter dem Pseudonym Barnelli eine gewisse Berühmtheit in Italien als Straßenmusiker. Er verstarb im letzten Jahr. Ein Highlight der LP ist sicherlich „Flipper“ (habe ich am 31.8.2014 hier vorgestellt).

Dracula

Wenn hoch die Sonne steht am Firmament,
liegt Graf Dracula im Sarg und pennt,
träumt von Aas und Blut und Pest,
vertreibt sich so des Tages Rest.

Alsbald die Sonne dann geht unter,
wird der Meister ganz langsam munter;
und wenn vorbei ist dann der Targ,
steigt fröhlich pfeifend er aus dem Sarg.

Begibt sich nun mit großer Eile,
zu der Jungfrau, die mittlerweile
da sie ja nicht anders kann,
seit fünf Wochen steht in seinem Bann.

Da kommt er schon, der durstige Tor,
schleicht sich ganz leis' durch den Korridor,
tritt ins Zimmer, sie hört ihn nicht,
die Kerzen verbreiten ein Dämmerlicht.

Ganz sacht tritt er nun an sie heran,
sie wendet sich um, schaut schweigend ihn an,
öffnet ihr Kleid, legt die Schulter frei,
der Meister gerät in Raserei.

Mit seinen Zähnen, scharf und spitz
schlägt er nun zu, so schnell wie ein Blitz,
und er saugt mit gewaltiger Kraft
aus ihr heraus den Lebenssaft.

Ja, so ist doch des Lebens Lauf,
passt einmal du nicht richtig auf,
gerätst du schnell in der Vampire Macht,
die nicht nur saugen bei Mitternacht.

https://www.youtube.com/watch?v=pXq0q1hpagY