Ein Pferd sprang on den Fluss hinein,
das muss der Nil gewesen sein;
denn als es wieder draußen war,
da fühlte es sich sonderbar.

Es spiegelte sich in der Flut,
wie man so nach dem baden tut,
und zog ein trauriges Gesicht,
es mochte sich als Nilpferd nicht.
Die Gardine

Man fühlt sich oft zurückgesetzt.
Dann sitzt man da und ist verletzt
und blickt mit neiderfüllter Miene
auf die Gardine.

Die wird vom Schicksal nicht betrogen,
denn immer wird sie vorgezogen.

Carl Wolff

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Hans-Christian Napp liest Gedichte von Carl Wolff
Die Liebe .... die Liieehiebe

Für dich würd' ich nach Kiew reisen
Froschschenkel in Frankreich speisen
die Haare für dich färben grün
Petersilie in Töpfen ziehn
bis an den Nordpol würd' ich schwimmen
würd' gerne deinen Pudel trimmen
für dich wäre mir nichts zu viel
würd' sogar wandern bis nach Kiel

Würd' deine Hühnersuppe essen
auch wenn du's Salz hättest vergessen
selbst wenn dein Sofa wäre gräuslich
dir zuliebe würd' ich häuslich
säng' nur für dich schmalzige Lieder
ließ mich sogar in D'dorf nieder
ich holte dir den Mond vom Himmel
schrubbt' ab in deinem Bad den Schimmel

Für dich würd' ich im Regen stehen
bis zum Graf Teufel würd' ich gehen
all mein Geld würd' ich dir schenken
nicht einmal mehr an morgen denken
und wenn du wärest gern mein Stern
dann hätt' ich dich für immer gern
Doch wenn du meinst, du willst das nicht
dann war's umsonst, mein Lieb'sgedicht

meins
Die Brüder

Der Weekend traf den Weekbeginn:
»Guten Morgen!«
»Guten Abend!«
Sie mochten sich anfangs nicht leiden,
Und immer hatte von beiden
Der eine ein unrasiertes Kinn.

Trotz dieser trennenden Kleinigkeit
Lernten sie doch dann sich leiden
Und gingen klug und bescheiden
Abwechselnd durch die Zeit

Und gaben einander Kraft und Mut.
Und schließlich waren die beiden
Nicht mehr zu unterscheiden.
Und so ist das gut.

Joachim Ringelnatz
Die beiden Schwestern

Es waren mal zwei Schwestern,
Ich weiß es noch wie gestern.
Die eine namens Adelheid
War faul und voller Eitelkeit.
Die andre, die hieß Kätchen
Und war ein gutes Mädchen,
Sie quält sich ab von früh bis spät,
Wenn Adelheid spazierengeht.
Die Adelheid trank roten Wein,
Dem Kätchen schenkt sie Wasser ein.

Einst war dem Kätchen anbefohlen,
Im Walde dürres Holz zu holen.
Da saß an einem Wasser
Ein Frosch, ein grüner, nasser;

Der quakte ganz unsäglich
Gottsjämmerlich und kläglich:
»Erbarme dich, erbarme dich,
Ach, küsse und umarme mich!«

Das Kätchen denkt: Ich will's nur tun,
Sonst kann der arme Frosch nicht ruhn!

Der erste Kuß schmeckt recht abscheulich,
Der grasiggrüne Frosch wird bläulich.
Der zweite schmeckt schon etwas besser;
Der Frosch wird bunt und immer größer.
Beim dritten gibt es ein Getöse,
Als ob man die Kanonen löse.

Ein hohes Schloß steigt aus dem Moor,
Ein schöner Prinz steht vor dem Tor.
Er spricht: »Lieb Kätchen, du allein
Sollst meine Herzprinzessin sein!«

Nun ist das Kätchen hochbeglückt,
Kriegt Kleider schön mit Gold gestickt
Und trinkt mit ihrem Prinzgemahl
Aus einem goldenen Pokal.

Indessen ist die Adelheid
In ihrem neusten Sonntagskleid
Herumspaziert an einem Weiher,
Da saß ein Knabe mit der Leier.
Die Leier klang, der Knabe sang:
»Ich liebe dich, bin treu gesinnt,
Komm, küsse mich, du hübsches Kind!«

Kaum küßt sie ihn,
So wird er grün,
So wird er struppig,
Eiskalt und schuppig
Und ist – o Schreck! –
Der alte kalte Wasserneck.
»Ha!« lacht er. »Diese hätten wir!«
Und fährt bis auf den Grund mit ihr

Da sitzt sie nun bei Wasserratzen,
Muß Wassernickels Glatze kratzen,
Trägt einen Rock von rauhen Binsen,
Kriegt jeden Mittag Wasserlinsen;
Und wenn sie etwa trinken muß,
Ist Wasser da im Überfluß.

- Wilhelm Busch -
Das ertrunkene Weib

Ein böses Weib, das keinem Drachen wich,
Die schrecklichste von allen Ruten
Des strafenden Geschicks, ersäufte sich
Und ward ein Spiel der Fluten.

Ihr Mann sucht den entseelten Leib,
Den er mit Sang und Klang begraben wollte,
Damit als Poltergeist auch nach dem Tod sein Weib
Ihn ja nicht plagen sollte.

Er fuhr in einem Kahn mit bangem Fleiß
Den Fluss hinab: er wühlt in Moor und Schlünden,
Fand ihren Modehut und ihren Modesteiß;
Sie selbst war nicht zu finden.

Lasst uns die Gondel drehn, rief endlich Nachbar Veit,
Sein Bootsmann, aus: ist sie sich gleich geblieben,
So hat sie wohl der Geist der Widerspenstigkeit
Den Strom hinaufgetrieben.


Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809)
Die Tinte

Die Tinte fragte sich:
Werd ich geschrieben oder schreibe ich?
Und sie erkannte, dass sie selbst nicht schreibt,
da dieses Recht allein der Hand verbleibt.

Auch wird nicht sie geschrieben, sondern Text
und wird im besten Falle mal gekleckst.

Als sie sich über alles schlüssig,
empfand sie sich als überflüssig
und floss nun über, ohne höhere Zwecke,
auf eine weiße Esstischdecke.

C. Wolff
Der Hausdrache

Einst wohnten Drachen nur in Höhlen
mit Zähneknirschen und mit Grölen.
Verstanden es die furchtbar Bösen
der Umwelt Schrecken einzuflößen.

Doch heut' bedroht so manchen Schwachen
im eignen Haus der böse Drachen.
Und wenn ihn dieses auch erbost,
so sei die Wahrheit ihm ein Trost,
dass jeder Drache, Tag und Nacht,
doch schließlich einen Schatz bewacht. :wink:

W. Rudnigger
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt
doch ich hab den Termin verpennt
Ich hab keinen Kranz und auch keine Kerze
es ist die Wahrheit, ich hierbei nicht scherze
Hab keine Plätzchen, auch keinen Kalender
nicht mal ne Idee, wie ich das könnt’ ändern
Nicht lange geredet, kurz gefasst:
Es ist zu spät, ich hab’ es verpasst
Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch,
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu
und oben drüber, da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen, dicht an dicht,
so warm wie Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihr Herzlein Gepoch
und wenn sie nicht weg sind, sitzen sie noch

Christian Morgenstern
Manfred Krug liest ein Weihnachtsgedicht von Loriot


https://youtu.be/b-AUVFpLgro