Wenn der Mond die Sonne berührt,
wenn er zärtlich sie verführt,
wenn sie in seinen Arm sich schmiegt
und er sie sanft im Mondlicht wiegt.
Was wird mit Nacht und Tag passieren,
wenn Mond und Sonne sich berühren?

Sind wir dann eins in Zeit und Raum?
Bleibt das für immer nur ein Traum?

Wer glücklich ist bei Tag und Nacht,
hat diesen Traum schon wahr gemacht.
Denn nur wer liebt, der kann es spüren,
wenn Mond und Sonne sich berühren.


(Flora von Bistram)
    Karneval

    Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
    Jetzt kommt wieder jene Zeit – versteht! –,
    Wo so manche Tugend ohne Ahnung
    Der Besitzerin abhanden geht.

    Beutesuchend schleicht umher das Laster;
    Wer ist sicher, daß ihm nichts geschieht,
    Wenn man jetzt der Busen Alabaster
    Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

    Von den Blicken kommt es zur Berührung,
    Irgendwo zu einem Druck der Hand,
    Und so manches Mittel der Verführung
    Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

    Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
    Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
    Regen sich von selbst die bösen Lüste
    Und was sonst damit zusammenhängt.

    Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
    Und die Klarinette schrillend pfeift,
    Hütet eure Tochter vor den Dingen,
    Die sie hoffentlich noch nicht begreift!


    Ludwig Thoma

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:lol:
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

Susanna im Bade

Susannens Keuschheit wird von allen hoch gepriesen:
Das junge Weib, das jeder artig fand,
tat beiden Greisen Widerstand
und hat sich keinem hold erwiesen.
Ich lobe, was wir von ihr lesen:
doch räumen alle Kenner ein;
das Wunder würde größer sein,
wenn beide Buhler jung gewesen.
    Einsamkeit

    Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
    Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen:
    von Ebenen, die fern sind und entlegen,
    geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
    Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

    Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
    wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
    und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
    enttäuscht und traurig von einander lassen;
    und wenn die Menschen, die einander hassen,
    in einem Bett zusammen schlafen müssen:

    dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen ...

    Rainer Maria Rilke

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    Advent

    Es treibt der Wind im Winterwalde
    die Flockenherde wie ein Hirt
    und manche Tanne ahnt, wie balde
    sie fromm und lichterheilig wird,
    und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
    streckt sie die Zweige hin – bereit,
    und wehrt dem Wind und wächst entgegen
    der einen Nacht der Herrlichkeit.


    Rainer Maria Rilke


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Zeitnot
Für den , der über Zeitnot kalgt
und fiebernd nach Terminen jagt ,
wird jeder Tag zur Qual ;
denn Menschen ohne Zeit
sind ohne Fröhlichkeit.
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Für den ,der froh den Tag beginnt ,
sich auch die Zeit zum Frühstück nimmt
nicht immer stur in Zahlen denkt ,
den Abend der Familie und Freunden schenkt,
nicht krampfhaft nur nach Spannen ringt
der eigenen Frau noch Blumen bringt ,
am Steuer pfeift ein frohes Lied
und ringsherum die Landschaft sieht ,
trotz allem den Humor behält ,
wenn auch der Umsatz einmal fällt ,
der bleibt ein Mensch , frisch fröhlich , frei
trotz jeder Alltagsplagerei .

Verfasser unbekannt
Die polyglotte Katze

Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
in das die Maus vor kurzem kroch,
und denkt: "Da wart nicht lang ich,
die Maus, die fang ich!"

Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
"Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
ich bleibe drinnen!"

Da plötzlich hört sie - statt "miau -
ein laut vernehmliches "wau-wau"
und lacht: "Die arme Katze,
der Hund, der hatse!
Jetzt muß sie aber schleunigst flitzen,
anstatt vor meinem Loch zu sitzen!"

Doch leider - nun, man ahnt's bereits -
war das ein Irrtum ihrerseits,
denn als die Maus vors Loch hintritt -
es war nur ein ganz kleiner Schritt -
wird sie durch Katzenpfotenkraft
hinweggerafft!

Danach wäscht sich die Katze die Pfote
und spricht mit der ihr eignen Note:
"Wie nützlich ist es dann und wann,
wenn man 'ne fremde Sprache kann... "


Heinz Erhardt
    Wohin ich schaue

    Wohin ich schaue, Wunder über Wunder,
    Wohin ich lausche, alles wunderbar.
    Ihr sprecht von Sinn, Gesetz und von gesunder
    Vernunft: Ihr schaukelt zwischen falsch und wahr!

    Mich hat als Kind das Wunder tief getroffen!
    Ich schlug es tot, weil's mir die Ruh' vergällt.
    Nun halt ich wieder Kinderaugen offen
    Und weiß, das Wunder ist der Grund der Welt.

    Jakob Boßhart

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Vom Wachsein

Nicht Schlafen mit dir
nein: das Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das das Streicheln streichelt

und das unser Einatmen atmet
aus deinem Schoß
und aus deinen Achselhöhlen
in meinen Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen

und das uns die Sprache gibt
Von dir für mich
Und von mir für dich
Eines dem anderen verständlicher
als alles

Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
das Sichineinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander erkennen

Wachsein mit dir
Und dann
Einschlafen mit dir

@Erich Fried
Gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann!
Gib mir Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann!
Gib mir die Weisheit,
eines vom anderen zu unterscheiden!

Friedrich Christoph Oetinger
    Der Träumer

    I
    Es war ein Traum in meiner Seele tief.
    Ich horchte auf den holden Traum:
    ich schlief.
    Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
    und wie ich träumte, hört ich nicht:
    es rief.

    II
    Träume scheinen mir wie Orchideen. –
    So wie jene sind sie bunt und reich.
    Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
    ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
    brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
    freuen in der flüchtigen Minute,
    in der nächsten sind sie tot und bleich. –
    Und wenn Welten oben leise gehen,
    fühlst du's dann nicht wie von Düften wehen?
    Träume scheinen mir wie Orchideen. –


    Rainer Maria Rilke


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Nur wer an Wunder glaubt,
wird Wunder erleben.
Nur wer der Freundschaft vertraut,
wird der Freundschaft begegnen.
Nur wer sich dem Leben hingibt,
dem wird sich das Leben schenken.

von Hans Kruppa
Ewige Sonne

Der Wenner als schöpferische Natur
esann eine Art von Laubfroschnatur,
die darin gipfelte, dass im Glas
der Laubfrosch immer oben saß.

Da konnte es gießen, donner und blitzen,
er blieb auf der obersten Sprosse sitzen.
Es konnte das scheußöichste Sauwetter sein,
der Laubfrosch kündete Sonnenschein.

Und der Wenner erklärte der staunenden Menge:
"Er zeigt uns die großen Zusammenhänge!
Und kommt auch ein Tief, und geht mal was schief:
Das Wetter , als ganzes, ist positiv!"

Nils Werner
Der Kampf

Der Kampf
zwischen Herz und
Verstand hält ewig
an , doch beide
wollen nur
schützen was man
liebt . Das Herz tut
das unmittelbar ,
ohne zu fragen , es
braucht keine
Argumente . Der
Verstand hingegen ,
such den
vermeintlich besten
Weg .

von Dennis Bardutzky