Hier isses ja schön!

Ich hab mir gerade tausende (digitale) Seiten der Klassiker gekauft,
weil es Erstens nicht falsch sein kann und Zweitens sehr günstig war.
Es ist für mich schwer einzusehen, dass digitale Bücher genauso teuer sind, wie gebundene.

Hab gerade von
Ulla Hahn die ersten beiden Bände ihrer Trilogie gelesen.
Über "een Kenk vonne Prolete", die sich eben mit den Klassikern frei schwimmt. Geht in den ´50ern los.
Der dritte Band soll aber gut 20 Euro kosten. ;(

Also habe ich Effi Briest mal wieder gelesen, Kafka: Der Amerikaner oder Der Verschollene (leider unvollendet), seinen Brief an den Vater, bin jetzt bei den Buddenbrooks....

Apropos Familiensaga:
Das achte Leben von Nino Hiratischwili
Ich bin nicht gut im Rezensieren, es hat mich gefesselt.
Der Inhalt ist ja im Netz schnell zu finden.
Und nach knapp 1000 Seiten war es leider zu Ende.

Vielen Dank aber für die vielen Tipps hier, besonders an dich, Verdandi!


Vielen Dank, @ Vienta! :D

Du musst übrigens nicht "gut im Rezensieren" sein, um hier einfach Deine Leseeindrücke zu schildern. Andere und ich freuen uns immer über persönliche Hinweise auf gute Literaur. Also, schreibe hier gerne wieder etwas!


Vienta
Du hast "Das achte Leben" tatsächlich geschafft?

Ich habe diese Buch doppelt - zwei Freunde haben es mir geschenkt, die es selbst aber nicht gelesen haben.
Ich glaube, sie haben kapituliert.

Die Dicke dieser "Schwarte" macht sie als Bettlesestoff vollkommen ungeeignet.
1275 Seiten kann man unmöglich in einer Hand halten - lach!
Vielleicht schaff ich es im Sommer im Liegestuhl ...



Haruki Murakami (*1949), Japanischer Autor
Roman: „Kafka am Strand“ (Japan 2002, D DuMont/2004, btb/2006)


Ich habe mein Leseerlebnis mit diesem Buch im Thread „Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts“ im Philosophie-Forum gepostet:

https://www.50plus-treff.de/forum/viewtopic.php?f=61&t=75310&p=4917032#p4917032




FERDINAND VON SCHIRACH - KAFFEE UND ZIGARETTEN

Klappentext
Ferdinand von Schirachs neues Buch "Kaffee und Zigaretten" verwebt autobiografische Erzählungen, Aperçus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzählerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prägende Erlebnisse und Begegnungen des Erzählers, um flüchtige Momente des Glücks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat, um Kunst und Gesellschaft ebenso wie um die großen Lebensthemen Ferdinand von Schirachs, um merkwürdige Rechtsfälle und Begebenheiten, um die Idee des Rechts und die Würde des Menschen, um die Errungenschaften und das Erbe der Aufklärung, das es zu bewahren gilt, und um das, was den Menschen erst eigentlich zum Menschen macht.

Es sind 48 kleinere und größere Geschichten, und jede einzelne berührt tief.
Wer zwischen den Zeilen lesen kann, erfährt sehr viel über den Autor und seine ganz spezielle Sensibilität.

Schirach versucht in allen seinen Büchern niemals Stellung zu beziehen - er sieht sich immer als Beobachter, der nicht moralisieren will.
Das gelingt ihm nicht - durch die Auswahl seiner Themen und der sehr präzisen Gegenüberstellung von Beispielen regt er zum Denken an.
Und so findet jeder Leser ür sich in den Geschichten eine ganz spezielle Deutung und Moral.

Ich finde dieses Buch wunderschön .
Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Ich habe dieses Buch in einer Wühlkiste gefunden - es hat sich als wahrer Schatz herausgestellt.

Kurt Vonnegut Jr hat als amerikanischer Kriegsgefangener der Deutschen den Feuersturm in Dresden miterlebt.
Im Keller eines Schlachthofs hat er ihn mit einigen anderen Gefangenen und vier Bewachern überlebt.

Wie kann man das Grauen beschreiben?
Wie kann man den absoluten Irrsinn eines Krieges in Worte fassen?

Er beschreibt vor allem die Zerstörung der menschlichen Seelen.
Der Protagonist Billy Pilgrim lässt sich, wenn es gefährlich oder geradezu unerträglich wird, aus der Zeit fallen.
Er wird zum fast unbeteiligten Beobachter seiner selbst, und immer dann, wenn es es fast unerträglich wird, steht am Ende der Episode der Satz: Wie das so ist.

Das Buch ist ungemein packend - da gibt es keine Guten und keine Bösen.
Da gibt es viele menschliche Chaaktere, die, jeder auf seine Weise, versuchen, den mörderischen Irrsinn zu überleben.

Hier noch ein Teil einer Falter-Rezension:

Gleich mehrfach brachte er in dem Roman als Mantra das sogenannte Gelassenheitsgebet unter, das sich wie ein Glaubensbekenntnis durch sein Werk zieht: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Mit manchmal auf den ersten Blick banal erscheinenden, aber nie ganz banalen Weisheiten wie dieser erreichte Vonnegut zeitweilig Millionenauflagen und ein überwiegend junges und jung gebliebenes Publikum, das in ihm so etwa wie einen zu früh geborenen Hippie sah.
Tatsächlich war Kurt Vonnegut ein Überlebender. Weil er das zweifelhafte Glück hatte, als Kriegsgefangener in einem Keller eines alten Schlachthofs eingesperrt zu sein, gehörte er zu den wenigen, die bei der alliierten Massenbombardierung Dresdens nicht getötet wurden. Dafür durfte er danach die Leichen wegschaffen. Über 20 Jahre hat der Deutschamerikaner in der Folge an seinem Werk über die Zerstörung Dresdens gearbeitet, das ihm Ende der 1960er den Durchbruch bringen sollte.
Ich habe mit großer Begeisterung und lückenlos den diesjährigen Bachmann-Wettbewerb verfolgt und suche Austausch dazu.
hallöle,oder sollte ich besser schreiben la hölle?
seit einiger zeit beschäftige ich mich mit den werken des des "marquis des sade".
nach ihm wurde der begriff "sadismus" bewerkstelligt.
so schrieb er aus seiner feder werke wie " justine oder die leiden der tugend" und "juilette oder die vorteile des lasters" sowie die "120 tage von sodom"und philosophie im boudoir".
aufgrund seines ungemachen bis kriminellen lebenswandel,wobei eine gewaltätigte sexualität keine geringe rolle spielte und seiner dementsprechenden werke landete er in der "bastille".doch war er auch ein aufklärer welcher die doppelmoral des klerus und des absolutismus enttarnte.so hieß es bei ihm "franzosen,eine anstrengung mehr wenn ihr wahre revolutionäre sein wollt."
allerdings,die gemeinten sperrten ihn auch ein und zwar ins irrenhaus.was dabei interessant war das er selbst in der klapse zu seiner zeit nicht locker ließ und mit genehmigung der verantwortlichen theatherstücke in der "ballerburg" schrieb und aufführte.
nun denn,mancher mag den " marquis" für ein perverses schwein halten oder für einen aufklärer welcher die destruktive menschliche psyche entarnte.
in diesem sinne verabschiede ich mich
mit einem lustschmerz.
lg
mysterieman

Heute empfehle ich zwei Bücher, die einen Entführungsfall zum Gegenstand haben:

1. Johann Scheerer – „Wir sind dann wohl die Angehörigen - Die Geschichte einer Entführung“ (2018)

2. Jan Philipp Reemtsma – „Im Keller“ (1997)


Ich habe das damals, 1996, natürlich mitbekommen. Jeder kannte das Zigarettenimperium Reemtsma und über die Entführung des reichen Erben Jan Philipp wurde landesweit berichtet – allerdings erst nach Zahlung des Lösegeldes und Freilassung des Opfers. Die Medien hatten vorher tatsächlich stillgehalten, um das Leben des Entführten nicht weiter zu gefährden.

Die näheren Umstände und Details kamen erst ein Jahr später heraus, nachdem Reemtsma sein Buch „Im Keller“ veröffentlich hatte.

An mir ist dieses Buch aber bis vor kurzem vorbeigegangen. Mir wurde Jan Philipp Reemtsma eher ein Begriff durch das von ihm gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung und die Wanderausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ (die 2003 auch in meiner Stadt gezeigt wurde), die ich sehr wichtig und gut fand.

Zu 1

Im letzten Jahr allerdings machte das Buch seines Sohnes Johann Scheerer: „Wir sind dann wohl die Angehörigen – Die Geschichte einer Entführung“ Furore, das über 20 Jahre nach der Entführung seines Vaters aus der Sicht des damals 13jährigen Jungen geschrieben wurde.

Vor ein paar Wochen las ich es und war positiv überrascht: Der Autor, kein Literat, sondern Musikproduzent, hat sich entweder sehr gut an seine Gedanken und Gefühle als Jugendlicher erinnern können oder einfach ein Händchen dafür, authentisch zu schreiben.

Der Bericht des Sohnes ist voller Lücken, die mit seinen Mutmaßungen gestopft wurden, die sich bald ins unermessliche steigerten, weil er sich damals im Klaren darüber war, dass man ihm als Jugendlichen den tatsächlichen Ernst der Lage wohl verschwieg, um ihn zu schonen – was aber das Gegenteil bewirkte, weil er nun fest überzeugt davon war, seinen Vater lebend nicht wiederzusehen.

Mehrere von der Polizei verantwortete und gescheiterte Versuche einer Lösegeldübergabe veranlassten die verzweifelte Ehefrau in indirekter Verbindung mit ihrem Mann über die Entführer und mit privater Hilfe zu einem letzten Versuch mit Wissen aber unter Zurückhaltung der Polizei, der dann endlich auch gelang. Der Ehemann und Vater wurde nach 33 Tagen freigelassen.

Als die kleine Familie wieder zusammentraf, war alles völlig anders als vorher. Die seelische Verletzung bei allen dreien war sehr groß. Jeder von ihnen hatte aus seinem Erleben heraus eine gänzlich andere Erfahrung gemacht und konnte diese den anderen zwar mitteilen, aber nicht mit ihnen teilen. Sie sprachen darüber, aber jeder musste auf seine Weise damit fertig werden.

Die Ehefrau schrieb Tagebuch, möchte das aber privat halten. Der Sohn konnte sich erst als erwachsen gewordener Mann mit eigener Familie abschließend damit beschäftigen. Die Veröffentlichung gehörte für ihn dazu, wie damals auch für seinen Vater, das eigene Buch betreffend.

Zu 2

Das Buch „Im Keller“ von Jan Philipp Reemtsma las ich nun auch noch, weil das Buch seines Sohnes mich sehr neugierig gemacht hatte auf die ganze Geschichte – nun noch aus der Sicht des Entführten selbst.

Es ist die Schilderung der Ereignisse aus der Sicht des bedrohten Opfers, das viereinhalb Wochen lang in einem fensterlosen Keller seinen Todesängsten ausgesetzt war. Niemand, der selbst nicht betroffen ist, kann sich auch nur annähernd dahinein versetzen.

Reemtsma nannte es „Aus der Welt gefallen sein“. Er existierte – vegetierte – in einem „Zwischenraum“, einem Raum zwischen zwei verschiedenen Realitäten, zu denen er keinen unmittelbaren Zugang hatte: Die Welt der Entführer, von denen er sich nicht nur physisch abhängig fühlte, die er zu ergründen suchte, ohne mit ihr vertraut werden zu wollen. Und die Welt seiner bis vor kurzem noch so vertrauten eigenen Lebenswirklichkeit, der er entrissen worden, aus der er unversehens heraus gefallen war. Nur der Keller war jetzt noch real.

Reemtsma begann sofort nach seiner Freilassung mit der Niederschrift seines Berichtes, der neben dem Protokoll der Vorfälle und äußeren Umstände insbesondere auch eine Schilderung seiner Auseinandersetzung mit den psychischen Herausforderungen dieser absoluten Ausnahmesituation beinhaltet. Den einzigen Zufluchtsort in dieser Situation bot ihm, als studierten Germanisten und Philosophen, notfalls immer die Welt der Gedanken, die ihm zu einer wie auch immer gearteten, aber bitter benötigten Sicherheit einer gewissen geistigen Struktur und damit leidlich aufrechten inneren Haltung verhalf.

Mich hat die Art und Weise, wie Jan Philipp Reemtsma in die eigene Welt der Gefühle und Gedanken innerhalb dieser Zeit im Keller eingedrungen ist, welche Erfahrungen er mit sich selbst hat machen müssen und wie er später um die richtigen Worten gerungen hat, um seine eindringlichen Erfahrungen zu beschreiben, um den richtigen Ton zu treffen, fast bis zur geistigen Erschöpfung absorbiert und fasziniert!

Mit etwas Abstand nach der Lektüre kann ich sagen, dass sicher nur ein Mensch, der sehr selbstreflektiert und selbstkritisch, zugleich sehr gebildet und intellektuell anspruchsvoll ist, ein solches Buch hat schreiben können. Das ist sicher nicht jedermanns Sache. Manchmal war sie mir schon fast zu viel – diese Intensität der gedanklichen Durchdringung komplexester Empfindungen in Zeiten äußerster Bedrohung.

Es zeigt aber mal wieder, wozu ein Mensch in einer Grenzsituation in der Lage ist. Es zeigt die ganze Palette seiner Fähigkeiten und vermeintlichen Unzulänglichkeiten – was er damit alles in Bewegung setzen kann und wo er scheitern muss. Das alles hat mich sehr beeindruckt!

Die Lektüre beider Bücher – und zwar unbedingt in dieser Reihenfolge: Erst das jüngere von Scheerer, dann das ältere von Reemtsma selbst – kann ich aus meiner Sicht heraus nur weiter empfehlen.

Literarische Qualität ist auf unterschiedliche Weise in beiden Büchern gegeben.


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Foto: Verdandi


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„Kuss des Judas“, Gemälde von Giotto di Bondone (~1267 - 1337), Wikimedia Commons


„Judas“, den letzten Roman von AMOS OZ (2015) ...

...hätte ich sicher ohne meine Literaturgruppe nicht bzw. nicht zu Ende gelesen. Spätestens an der Stelle, wo es mit den religionsphilosophischen Ausführungen losgeht, hätte ich aufgegeben, wenn ich auf der falschen Fährte, einen „romanhaften“ Roman lesen zu wollen, geblieben wäre.

So bin ich ein Stückchen zurückgetreten, habe drei Tage verstreichen lassen und habe dann mit einem neuen, anderen Anspruch die Lektüre fortgesetzt – denn wir wollten ja in der Gruppe über unsere Leseerfahrungen mit diesem Buch sprechen und diskutieren.

Ich erinnerte mich an ein Interview, das die ZEIT-Literaturkritikerin Iris Radisch mit Amos Oz nach Veröffentlichung von „Judas“ geführt hatte. Er sagte, dass das Schreiben daran eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus gewesen sei, die er jahrzehntelang aufgeschoben habe, weil er wusste, dass ihm diese furchtbar schwer fallen würde.

In einem anderen Artikel (Spiegel) las ich die Worte, Amos Oz habe hier >>...das Thema Verrat durchdekliniert am Beispiel von Judas. Eine der Romanfiguren stellt die These auf: Ohne den Verräter Judas hätte es weder das Christentum noch den Holocaust gegeben.<<

Wenn man das Buch aufmerksam liest und seine eigenen Schwerpunkte setzt, kann man allerdings viel mehr erfahren:

Amos Oz stützt sich auf sehr alte Theorien, die besagen, dass Judas kein billiger Verräter, sondern ein fanatischer Anhänger Jesu gewesen sei, der das Kreuzigungs-Szenarium bewusst provoziert habe, um der Welt dessen Göttlichkeit zu beweisen, weil er fest davon ausging, dass Jesus sich noch am Kreuz über sein menschliches Schicksal erheben würde... Und als dieser das nicht tat, sondern unter Qualen sein Menschsein vollendete und starb, stürzte für Judas eine Welt zusammen: Er verlor seinen Glauben und brachte sich um.

Aber ohne das Kreuzigungs-Szenarium hätte es kein Christentum gegeben. Ohne Judas festem Glauben wäre Jesus ein Wanderprediger und Wunderheiler unter vielen geblieben und bald vergessen worden. Erst sein von Judas initiierter Opfergang machte ihn zum Mythos. Und den Juden Judas in den Augen der Christenheit zum ewigen Verräter, dem Sündenbock schlechthin. Aus den meisten alten jüdischen Schriften wurde Judas' eigentliche Rolle später getilgt, um keinen weiteren Ärger mit den Christen zu bekommen.

Man möge mich für naiv halten. Aber ich habe diese Theorie vorher nicht gekannt. Man muss sie allerdings als Leser kennen – also auch den etwas zähen religionsphilosophischen Teil des Buches aufmerksam durchdrungen haben – um dann mit einem Schlag all die Variationen von Verrat und Schuld erkennen zu können, mit denen jeder einzelne der drei lebenden und zwei toten Protagonisten in dieser Geschichte es zu tun bekommen bzw. bekommen hatten, als sie noch lebten.

Die Beschreibung des Roman-Plots erspare ich mir, denn dafür gibt es unzählige Quellen im Netz, z.B. diese bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_(Amos_Oz)

Der Roman lässt sich auf verschiedenen Ebenen begreifen. Für den, der sie alle durchringt, lässt er Fragen hinter den parteiergreifenden Antworten offen, die einen nicht nur allgemein im Hinblick auf die jüdische und christliche Geschichte und deren Verwerfungen, sondern auch auf der ganz alltäglichen, persönlichen Ebene berühren.

Die Erkenntnis: Für manche Probleme existieren keine eindeutig „richtigen“ Lösungen – wie z.B. für den Staat Israel, bezogen auf die Gründe und Umstände seiner Entstehung bis hin zu den Umständen seines heutigen Status. Aus welcher Perspektive man die Konflikte auch betrachtet, sowohl jede Parteinahme als auch der gänzliche Verzicht darauf, verursachen Schuld. Nun darf man aber nicht davor weglaufen. Man muss standhalten und sich entscheiden – und die Verantwortung auch für die damit verbundene Schuld auf sich nehmen, die man dann tragen muss.

Im persönlichen Bereich – so erkennt man bald – können die individuellen Lebensgeschichten zu ähnlichen Konstellationen führen: Notwendige Entscheidung bewirken manchmal viel mehr, als wir zu tragen bereit sind. Das erfordert einen bewussten Prozess der Selbstfindung und des Erringens einer Haltung, die man vertreten kann und letztlich verantworten muss.

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Amos Oz (1939 –2018) und die Übersetzerin von „Judas“, Mirjam Pressler (1940–2019) , gemeinsam auf der Leipziger Buchmesse 2015, Wikimedia Commons



wiedergelesen...


Philip Roth: „Die Demütigung“



Der schmale Roman „Die Demütigung“ des sehr erfolgreich gewesenen amerikanischen Autors Philip Roth (1933-2018) handelt von einem 65jährigen Theaterschauspieler, Simon Axler, der vom Erfolg verwöhnt, sich eigentlich darauf freuen könnte, die großen, Heldenrollen älterer Männer zu spielen. Und tatsächlich ist er sehr begehrt und könnte für den Rest seiner aktiven Zeit mit fortlaufend hochrangigen Engagements rechnen... wenn, ja wenn er nicht sein Talent mit einem Male vollkommen verloren hätte! Es ist ihm selbst unbegreiflich: Er kann seine Rollen nicht mehr authentisch verkörpern, kann nicht mehr spielen, wird bei offener Bühne ausgebuht und von der Kritik verrissen.

Die folgende Lebenskrise bringt ihm zunächst einen mehrmonatigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ein. Einigermaßen gefasst zieht er sich anschließend in sein Landhaus zurück, wo er immerhin wieder Schlaf findet in den Nächten, ohne weiter von Bühnen-Alpträumen gepeinigt zu werden. Die Tage verbringt er in einsamer Stille, bis Pegeen ihn dort besucht, die 40jährige Tochter von Freunden, die eine Lehrtätigkeit in der Nähe aufgenommen hat. Pegeen, die bisher in einer lesbischen Beziehungen lebte und damit zuletzt eine große Enttäuschung erfuhr, fühlt sich zu ihm hingezogen und er zu ihr; sie verlieben sich und leben dann miteinander.

Es ist eine Beziehung, die von Anfang an schwierig erscheint wegen des großen Altersunterschiedes, der unterschiedlichen sexuellen Ausrichtung, Lebenserfahrungen und -erwartungen und von daher allein auf die Gegenwart ausgerichtet scheint. Eine Zeit lang genießen sie einander, lassen es zu, sich gegenseitig nahe zu sein, aufeinander einzuwirken und sich voneinander verändern zu lassen, sich sogar gegenseitig in Besitz zu nehmen.

Textauszug:

>> Doch dann wurde Pegeens dichtes, braunes, schimmerndes Haar geschnitten, nicht ganz schulterlang und stufig, sodass die Strähnen unterschiedlich lang waren, was den genau richtigen Eindruck gepflegt-unbekümmerter Zerzaustheit erweckte, und sie erschien ihm so verwandelt, dass all diese unbeantworteten Fragen ihn nicht mehr störten; er brauchte nicht einmal mehr ernsthaft darüber nachzudenken. Sie brauchte ein bisschen länger als er, um festzustellen, dass sie sich für die richtige Frisur entschieden hatten, doch schon nach ein paar Tagen erschienen ihr der Haarschnitt und alles, wofür er stand - die Erlaubnis, sie zu formen, ihr Aussehen zu bestimmen und ihre Vorstellung von dem, was ihr eigenes Leben war, zu vertiefen –, willkommen zu sein.

Vielleicht weil sie in seinen Augen so großartig war, zögerte sie nicht, ihren Willen dem seinen unterzuordnen und sich seinen Wünschen zu beugen, auch wenn dieses Verhalten ihrem bisherigen Selbstverständnis fremd sein musste. Wenn es denn tatsächlich so war, dass sie ihren Willen dem seinen unterordnete – wenn nicht in Wirklichkeit sie diejenige war, die ihn vollständig unter Kontrolle hatte, die ihn ergriffen und übernommen hatte.<<



Um es vorweg zu nehmen: Es endet nicht gut, sie trennt sich von ihm und er bringt sich schließlich um. Kennzeichen eines guten Romans ist es allerdings, die möglichen anderen Verläufe, für die der Autor sich nicht entschieden hat, als Leser mitdenken und in der eigenen Phantasie weiter entwickeln zu können.

Den o. a. Textauszug habe ich gewählt, weil er m. E. wunderbar zum Ausdruck bringt, dass das Rollenbild der Protagonisten innerhalb ihrer Beziehung, das von außen als klischeehaft wahrgenommen werden kann, im Grunde jedoch umkehrbar ist. Sie fügt sich dem Spiel und wandelt sich somit von einer lesbisch veranlagten burschikosen Frau zu einer eleganten, Männer betörenden Schönheit.

Er hingegen fühlt sich nun zum Regisseur ihres Lebens berufen und gibt alles her dafür was er hat: Er entwirft sich in ihr neu. Sie wird sein Werk und er ihr Bewunderer. Sie sonnt sich eine Weile in dieser ungewohnten Aufmerksamkeit, die ihr durch ihn zuteilwird. Aber niemand kann letztlich aus seiner Haut und wirklich ein anderer sein ...

Dieser Roman hat mich ein wenig an Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ erinnert – der Roth in diesem Roman in gewisser Hinsicht eine Reverenz zu erweisen scheint:

>>Sex als Form der Freiheit und der ausgelebten Lüste zwischen Mann und Frau, zunächst aber auch der Mann am Kreuz der Wünsche einer jungen Frau, die ihre Befreiung und Verehrung als Person in der Liebe und im Leben anstrebt (und vielleicht ein wenig Rache nehmen will)<<
(Zitat aus „norberto42,wordpress.com)

Das passt auch hier!

Roths perfekte Konstruktionen (man könnte auch „Inszenierungen“ dazu sagen) könnten einem manchmal als „zu glatt“, vielleicht als zu konventionell erzählt erscheinen. Aber er hat andererseits etwas, was mir persönlich wichtig ist: Er „nimmt einen mit“, zieht einen hinein in den Stoff, ohne sich anzubiedern oder in Kinkerlitzchen, wie Schnörkel und überflüssige Erzählbögen zu verfallen: „Der Erzähler hat den Präzisionsblick eines Unfallchirurgen, der das Erschrecken schon lange verlernt hat.“ (Ulrich Greiner, DIE ZEIT, 2010)

Vor der Lektüre hat mich zunächst die für alt gewordene männliche Autoren anscheinend auch so typische Thematik „Alter Kerl und junges Ding“ gestört. Aber der Mann ist noch nicht so alt und die Frau nicht mehr so jung und außerdem ist sie Lesbe; also ist es doch zumindest eine interessante Variante, die dann auch nicht typisch verläuft.


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Philip Roth „Die Demütigung“, Roman aus dem Englischen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2011, Copyright © 2010 by Carl Hanser Verlag München. Die amerikanische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel „The Humbling“ bei Houghton Mifflin Harcourt in Boston, Copyright ©2009 by Philip Roth.

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Der Roman ist inzwischen mit Al Pacino in der Hauptrolle verfilmt worden:
„Der letzte Akt“ (USA / Italien, 2014 / Originaltitel: „The Humbling“)

Deutscher Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=hxPAsqgkrN0




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