Gundulabella hat geschrieben:

was nützt das alles ?
was macht man, wenn man als "stark" wahrgenommen wird und das nicht selber empfindet ?

Der Nutzen der Selbsterkenntnis besteht für mich darin, etwas ändern zu können an dem, worunter ich bisher gelitten habe. Weil ich eingesehen habe, niemanden außer mich selbst ändern zu können.

Ich kann nicht wissen, ob meine Wahrnehmungen andere betreffend nicht bloß Rationalisierungen, nämlich Externalisierungen und Übertragungen meiner eigenen Problematiken auf diese darstellen.

Wenn andere mich als stärker wahrnehmen, als ich mich tatsächlich empfinde, dann haben sie das in der Regel nicht bloß "aus der Luft gegriffen", sondern konkrete Anhaltspunkte in meinem Verhalten ihnen gegenüber erfahren. Die Frage ist nun, welches andere – für andere mehr als für mich selbst erkennbare – offenbar sehr starke Bedürfnis in mir sorgte bisher dafür, dass ich so "stark" aufgetreten bin?

Erst dann, wenn ich mir auch das bewusst gemacht habe, habe ich meine widersprüchlichen Bestrebungen im Blick und kann mich damit auseinandersetzen, um zu einer freien Entscheidung kommen zu können. Die kann in diesem Fall changieren zwischen:

– Ich will eigentlich stark und unabhängig sein und suche mir meine wenigen "starken" (ebenbürtigen) Freunde unter denen, die mir das wirklich zugestehen können, mich sogar noch darin "bestärken" usw.
oder:
– Ich möchte lieber gemocht werden von allen / den meisten / vielen und dafür bin ich gern bereit, ein paar oder auch mehr Zugeständnisse zu machen.

Also: Möchte ich mehr geliebt oder anerkannt werden, mehr in den Arm genommen oder bewundert werden, mich mehr geborgen oder frei fühlen? (Das ist nur ein sehr einfaches, plakatives Beispiel. Tatsächlich wird die persönliche Problematik natürlich viel komplexer und die Erkenntnis entsprechend schwieriger zu handhaben sein.)

Irgendwo zwischen den Möglichkeiten werde ich den für mich weitestgehend akzeptablen Standpunkt zu finden wissen, von dem aus ich in der Lage sein werde, die Konsequenzen aus meiner dann fälligen Entscheidung zu tragen, so hoffe ich jedenfalls. – "Die anderen" können mir das aber in keinem Fall abnehmen!


so ist es.....

gleichzeitig widersprichtst Du dir, indem du "Lügen, um sich selbst zu erklären ?" in den Raum stellst....

streben wir nicht alle nach Erkenntnis solange wir leben ?

jeder bekommt von anderen Menschen einen Spiegel vorgehalten.....
doch welchem Spiegel sollen wir glauben, wenn jeder Spiegel vom anderen verschieden ist ?

meiner Meinung nach gibt es weder "die Wahrheit" noch "die Lüge".......

was heute die Wahrheit ist, kann sich morgen als Irrtum herausstellen......

und wenn man sich nicht selber ab und zu belügen würde - würde man dann noch gerne weiterleben wollen ?

Die "Lüge" als Selbsttäuschung war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen, das Folgende möglicherweise ein Entwicklungsprozess, der daraus entstand. Das habe ich alles schon beschrieben hier.

Jedenfalls bemühe ich mich darum, dabei von mir zu sprechen und meine Selbsterfahrungen nicht zu verallgemeinern.

Jemand stellt dann ein Problem in den Raum ("Man hält mich für stark, dabei bin ich es gar nicht..."), in das ich mich hinein zu versetzen versuche. Ich erkenne, dass es mir nicht ganz unbekannt ist und berichte nun von meinen Erfahrung damit. Ich bleibe auch jetzt bei mir, weil es eben meine Art ist, mit solchen Dingen umzugehen. (Wenn ich dazu überginge, aus meinem Beispiel einen Rat für andere abzuleiten, müsste ich wiederum deutlich machen, dass es nur meine Gedanken und Mutmaßungen sind.)

Ich kann anderen grundsätzlich immer nur ein Beispiel von mir geben. Ich glaube, nur so können wir voneinander lernen, ohne uns gegenseitig zu belehren.

"Welchem Spiegel sollen wir glauben?"
Der Zweifel ist berechtigt, ich kann mich auf nichts vollkommen verlassen, sondern nur Indizien sammeln und versuchen, mir daraus ein möglichst umfassendes Bild zu machen.

"Weiter leben wollen" würde ich unter allen Umständen! Der eine oder andere Selbstbetrug würde daran nichts ändern. Und wenn ich erkennen würde, dass es nicht weiter geht, weil ich vielleicht beide Augen vor einer bestimmten Lebenslüge verschlossen hielte, würde ich vermutlich an dem damit verbundenen unbewussten oder halbbewussten Leidensdruck spüren, dass da etwas nicht stimmen kann. Da müsste ich dann ran und durch – aber auch, wenn es mühsam werden würde: Aufgeben gälte für mich nicht.


Ich bin für die Einnahme von homöopathischem Fliegenpilz (agaricus muscarius) in der D200 Potenz, dann verschwinden alle Illusionen und falschen Vorstellungen von alleine innerhalb von Tagen. *lach*
Habe hier mal kurz reingeschaut...

doch ich bin wohl zu sehr Realistin, um das alles verstehen zu können und zu wollen....

Ich mag einfach nur mein Leben leben! Und mich nicht mit philosophischen Theorien beschäftigen...
Ist mir bisher hervorragend gelungen....
Nichts für ungut..
ysatis hat geschrieben: Habe hier mal kurz reingeschaut...

doch ich bin wohl zu sehr Realistin, um das alles verstehen zu können und zu wollen....

Ich mag einfach nur mein Leben leben! Und mich nicht mit philosophischen Theorien beschäftigen...
Ist mir bisher hervorragend gelungen....
Nichts für ungut..


Dazu gehört viel Glück, und das hat eben nicht Jede(r)!!
Wie Recht Du damit hast, zumal es ja Mittel dagegen gibt. *lach*
Wie sagte doch der Dichter Hölderlin bevor er in der Umnachtung verschwand.

"Wo das Verderben ist, läßt ein gütiger Gott auch das Rettende wachsen" oder so ähnlich.
@Verdandi
Du schreibst u.a.:
Ich kann anderen grundsätzlich immer nur ein Beispiel von mir geben. Ich glaube, nur so können wir voneinander lernen, ohne uns gegenseitig zu belehren.

ich glaube, dass weder Du noch ich uns gegenseitig belehren wollen.....

dennoch möchte ich mich aus diesem Thread ausklinken, weil mir zu viele Gedanken in diese Richtung nicht gut tun, denn sie sind zu gefährlich für mich....

wahrscheinlich brauche ich (für mich selber) als "Gegengewicht" Menschen, die etwas pragmatischer sind..... :wink:
ysatis hat geschrieben:

Habe hier mal kurz reingeschaut...
doch ich bin wohl zu sehr Realistin, um das alles verstehen zu können und zu wollen....
Ich mag einfach nur mein Leben leben! Und mich nicht mit philosophischen Theorien beschäftigen...
Ist mir bisher hervorragend gelungen....
Nichts für ungut.
.
In diesem Thread geht es um Selbsterkenntnis, die, so meine ich jedenfalls, jeder benötigt, um in der Realität mit sich und anderen einigermaßen zurecht kommen zu können. Und was die damit im Zusammenhang stehende Selbsttäuschung betrifft, mit der ich diesen Thread eröffnet hatte, ist diese wohl eher ein sehr konkretes realistisches, psychisches Problem, dem mit Philosophie allein nicht beizukommen wäre.

Gundulabella hat geschrieben:

@Verdandi
Du schreibst u.a.:
>>Ich kann anderen grundsätzlich immer nur ein Beispiel von mir geben. Ich glaube, nur so können wir voneinander lernen, ohne uns gegenseitig zu belehren.<<

ich glaube, dass weder Du noch ich uns gegenseitig belehren wollen.....
dennoch möchte ich mich aus diesem Thread ausklinken, weil mir zu viele Gedanken in diese Richtung nicht gut tun, denn sie sind zu gefährlich für mich....
wahrscheinlich brauche ich (für mich selber) als "Gegengewicht" Menschen, die etwas pragmatischer sind..... :wink:

Ob Du hier etwas schreibst oder nicht, ist selbstverständlich jederzeit Dir überlassen. Du musst das jeweils nicht begründen oder gar rechtfertigen. Vielleicht fällt Dir ja irgendwann wieder etwas dazu ein und möchtest es spontan schreiben, kannst es aber nicht, weil Du Dich vorher ausdrücklich "ausgeklinkt" hast. Mir selbst an Deiner Stelle wäre das zu einschränkend.

Mein Thread ist "gefährlich" für Dich? Huuu, jetzt ist mir aber ein kleiner Schauer über den Rücken gelaufen... :wink: ...und ich frage mich, was Du wohl damit meinen könntest? Wenn es nur etwas mit Dir zu tun hat, ist es natürlich Deine Sache, aber die öffentliche Verwendung dieses Wortes scheint irgendetwas signalisieren zu wollen, was nicht nur Dich betrifft?

Menschen, die Du als "Gegengewicht" zu Dir selbst zu etwas brauchst, wirst Du hier ohnehin nirgendwo finden, es sei denn, Du knüpfst persönliche Kontakte. Aber dafür ist der Austausch im Philosophie(r)-Forum, so glaube ich, ohnehin wenig geeignet.

Ich würde mich selbst übrigens nicht als nicht pragmatisch (also bloß Theorien und Prinzipien verzapfend) sehen und bezeichnen... :|


da sieht man mal wieder, wie sehr man aneinander vorbei reden und wie man andere Beiträge - passend zur eigenen Stimmung und eigenen Wahrnehmung - interpretiert ......
das ist ein weiterer Grund, mich hier auszuklinken.... :wink:

und nein - Dein Thread ist nicht gefährlich für mich....ganz im Gegenteil, denn ich merke jetzt, was ich für mich selber brauche und was nicht.....


Passt schon. :)



Kopie meines heutigen Beitrages im Thread „Wie kommunizieren wir am besten im Internet?“, da er sich sehr trefflich auch als Beitrag zu diesem Thread hier eignet.

LINK:
Wie kommunizieren wir am besten im Internet? Beitrag Verdandi 23.11.2018 – Unserer kommunikativen „Geschichten“…

______________________________



Unsere kommunikativen „Geschichten“ …

Inzwischen glaubte ich mich am Ende meiner Ideen für neue Beiträge zum Thema dieses Threads angelangt, überflog die letzten Seiten aber noch einmal, weil mir schwante, dass irgendjemand noch ein sehr interessantes Stichwort in die Runde geworfen hatte, bei dem ich kurz aufgemerkt, von dem ich aber vorerst wieder abgelenkt worden war ...

Da! Ich habe den entsprechenden Beitrag schnell wieder gefunden (S.106), und das Wort lautete: „Geschichten“! Jetzt weiß ich auch wieder, weshalb ich es nicht mit Freuden gleich aufgegriffen hatte - aber seht selbst:


Freeone hat geschrieben:
Milafranzi hat geschrieben:
O nein, Fumaria ist hier genau richtig : das selbsternannte "Schmuddelkind "
gegen die "geistvolle Elite".
Er ist nie beleidigt, grinst sich eins und macht munter weiter.
Wahrheit, so verkündet, amüsiert mich sehr!
Bin ganz begeistert!
Genau, für mich übringens einer der WENIGEN, der die Themen auf den Punkt bringt....und das mit einem Blinzeln in den Augen.

....unterhalb der Geschichten sind wir doch gleich....aber der Fokus ist (zumeist) auf die Geschichten gerichtet.... ;-)


(Die fette Markierung ist von mir.)

Nun ja, dieser Beitrag, der mir inhaltlich weniger gefiel und den ich eingedenk Kundgebas Empfehlungen zunächst ignoriert hatte, enthält also den Begriff „Geschichten“, der mich im Zusammenhang mit „Kommunikation“ jetzt doch sehr inspiriert hat! Ich würde mich freuen, wenn @Freeone ihre damit verbundenen Vorstellungen und Gedanken noch weiter ausführen würde! – Derweil sind hier schon mal meine eigenen:

Ja, es ist tatsächlich so: Unsere Äußerungen sind nie nur informativ, sondern immer auch - mal mehr, mal weniger ausgeprägt - vor allem auch narrativ!

Anders ausgedrückt: Jeder erzählt, meist unbewusst, eine Geschichte über sich – ganz so, wie er sich selbst sieht oder sehen möchte, wie sie also manch kritischem Außenstehenden nie der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern einem Selbstbild gewidmet scheint, das von Selbstidealisierung bestimmt sein mag.

So drastisch sehe ich das aber nicht. Es begegnen einem selten Personen, die sich selbst völlig verkennen. Leider neigen aber viele dazu (ich sicherlich auch), so manche unangenehme Facette der eigenen Persönlichkeit - zumindest partiell - zu verdrängen oder auf andere zu projizieren.

Man kann die Ergebnisse des nach außen vermittelten Selbstbildes deshalb „Geschichten“ nennen, weil meist keine Lücken gelassenen, sondern die dem Betreffenden selbst unerschlossenen Gebiete kurzerhand narrativ ergänzt werden.

Das ist natürlich eine Superleistung des menschlichen Gehirns, derart kreative Leistungen zu vollbringen, auch wenn sein Handlungsspielraum durch das, was der bewussten Selbstwahrnehmung zugänglich ist, arg begrenzt wird.

@ Freeone schreibt, dass wir unterhalb der Geschichten [alle] gleich seien. Dieses Postulat ist m.E. falsch, denn wir sind nicht alle gleich – ganz im Gegenteil! Aber ich kann mir denken, was sie vielleicht gemeint haben könnte:

Wenn wir unsere Geschichten wie Masken ablegen könnten, käme bei jedem einzelnen zum Vorschein, wie er wirklich ist, auch mit all den positiv bzw. negativ von außen bewerteten Anteilen, die ihm nicht klar bewusst sind. Wir bräuchten keine Geschichten mehr, weil jeder sein wahres Antlitz zeigen müsste. – Wirklich?

Das ist nur eine schöne Vorstellung. Tatsächlich wäre das grauenhaft!

Ich hatte mit Mitte Dreißig mal eine Freund, der mir immer die Wahrheit gesagt hat – bzw. was er dafür hielt, also genau das, was er jeweils meinte was seiner Meinung nach wahr sein sollte. Ich hatte es in meinem Eröffnungsbeitrag im Thread „Lügen, um sich selbst zu erklären?“ kurz beschrieben.

LINK: Lügen, um sich selbst zu erklären? Eröffnungsbeitrag Verdandi

Es war also schon sehr inspirierend, aber zugleich furchtbar anstrengend für mich. Die Beziehung hielt nicht lange an, weil das niemand aushalten kann, so (scheinbar) ganz ohne Geschichten zu leben.

Viel später, mit noch mehr Distanz zum Geschehen, kam ich erst darauf, dass dieser Freund auch nur wieder seine Geschichten erzählte, die mir damals aber vollkommen authentisch erschienen, so dass ich ihren narrativen Charakter nicht wahrnehmen konnte. Noch Jahre nach der Trennung blieben sie ein Mythos für mich, bis ich sie letztlich entzaubern konnte. Danach kam aber die Erkenntnis, weshalb ich diese Geschichten damals gebraucht hatte: Um meine Persönlichkeit um die (potenziell bei mir vorhandenen) Facetten erweitern zu können, die dieser Freund für mich verkörperte. Mein Streben nach Selbstverwirklichung erfolgte über positive Projektionen auf ihn.

In jeder guten Beziehung scheint es so zu sein, dass die Partner einander etwas Substanzielles zu geben vermögen, was diesen vollständiger werden lässt. Eine dauerhafte Beziehung weist mehrere oder gar viele solcher Potenziale auf, sich gegenseitig zu bereichern und Impulse zur weiteren Entwicklung geben zu können.

Also nein, ich möchte nicht auf „Geschichten“ in der Kommunikation verzichten. Weder bei mir noch bei anderen. Ich hoffe nur darauf, dass sie alle entwicklungs- und ausbaufähig bleiben, diese Geschichten – und letztlich keine „Lügengeschichten“ bleiben! :D



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Wie kommunizieren wir am besten im Internet? – Inhaltsangabe Beiträge Verdandi
(Aktualisiert am 20.12.2018.)

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