„Warum lügst du?“ wurde ich vor einem halben Leben einmal gefragt. Von einem wirklich guten Freund, dem ich in einer flammenden Rede die Wahrheit meiner neuesten Erkenntnisse nahe zu bringen versuchte…

Ich war verdattert. Fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. Was fiel ihm ein? Lügen? Zum Lachen! Aber ich lachte nicht, mir kamen die Tränen…

Ich liebe es inzwischen, wenn es jemandem gelingt, mir trotz meiner vielen wohlklingenden Worte auf den Grund der Seele zu schauen. Das ist so selten… Und damals war es so geschehen, was ich mit einer nur winzigen Verzögerung fast augenblicklich zu würdigen wusste. Es war ein Schock. Aber ein wirksamer!

Später las ich in dem Buch „Ein Start ins Leben – Ein Schelmenroman“ von Alan Sillitoe,
diesen Satz:

„Er gebrauchte Lügen, um sich selbst zu erklären.“

… Den ich seitdem in Erinnerung behalten habe, weil er so genau zu meiner Erfahrung passte.

Jeder Versuch sich wortreich anderen zu erklären, ist eine „Lüge“ (im Sinne von Teilwahrheit), weil wir nie alles zugleich an Informationen über uns selbst parat haben können, so dass mit jeder fertigen Aussage automatisch vieles andere ungesagt und unsere Selbstdarstellung damit unfertig bleibt.

Ja, ich glaube heute, dass die Überzeugung, sich und andere genau zu kennen, der größte Trugschluss im Leben eines Individuums ist und der Grund dafür, im Laufe der Zeit seine Achtsamkeit zu verlieren.

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Bevor hier jemand darauf hinweist, dass der Begriff „Lüge“ im eigentlichen Sinne nicht mit dem, was man allgemein Selbstbetrug nennt, identisch ist: Das stimmt! – Dennoch benutze ich diese Bezeichnung dafür, so wie der Freund damals und so wie Alan Sillitoe in seinem Buch, um vielleicht ein bisschen provokant zu verdeutlichen, dass es hier nur um das Gegenteil von Wahrheit geht, was insbesondere im Zusammenhang mit der Selbsterkenntnis ein großes Problem darstellt.

„Die Lüge“ in diesem Sinne hat ihre Bösartigkeit weitgehend eingebüßt und dafür der Tragik Raum geschaffen.

Die philosophische Sicht dazu interessiert mich. In der Philosophie geht es um die Wahrhaftigkeit, die nach ethischen Prinzipien von jedem anzustreben sei. Manche Philosophen widersprechen diesem Anspruch und wollen „die Lüge“ als sprachliche kunstvolle Variante im großen Gesellschaftsspiel der zivilisierten Menschheit angesiedelt wissen.

Der Selbstbetrug widerspricht insofern beiden dieser Vorstellungen: Der Mensch ist nicht um Wahrhaftigkeit sondern um Kongruenz seiner Person im Fühlen, Denken und Handeln bemüht und nimmt, mehr oder weniger bewusst, dafür auch Unwahrhaftigkeit in Kauf. Bestandteil eines Spiels kann die Lüge im diesem Sinne nicht sein. Dem Selbstbetrug fehlt jede spielerische Leichtigkeit.

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Ich befürchte, der Threadverlauf wird nicht im eigentlich-engeren Sinne thematisch bleiben können…

Beim Thema „Lüge“ schauen wir doch meist auf die anderen, nicht wahr? Zumindest wird es hierbei wohl keine öffentlichen Selbstbezichtigungen geben. :wink:

Deshalb erweitere ich das Thema auf „Die Lüge“ – schlechthin.
Zumindest der Titel wird vielleicht den einen oder die andere daran erinnern, wo es einem am nächsten kommen und am meisten treffen kann. - Ein Denkanstoß, das wäre schon ein guter Anfang.


Es gibt ja die Aussage, dass wir kein einheitliches ICH haben, sondern verschiedene Ichs. Je nach den Wünschen, Bedürfnissen, die im Vordergrund stehen oder je nachdem mit was wir uns gerade identifizieren, schwingen andere Gefühle, Gedanken und Vorstelungen mit. Diese unterschiedlichen Gefühls-Vorstellungen bzw. diese unerschiedlichen Ichs können sehr widersprüchlich sein, sie harmonieren oft nicht miteinander. Insofern "lügen" wir ständig. Die jeweilige "Teilpersönlichkeit", die das gerade ausspricht, lügt nicht, es ist ihre jeweilige Sichtweise, aber es deckt sich nicht mit der Wahrheit bzw.der Sichtweise der anderen Teilpersönlichkeiten.
Wenn man sich mal genau beobachtet und wahrnimmt, was man so alles an einem Tag denkt und spricht, merkt man selbst, wieviel Widersprüchliches dabei ist.
"Lügen, um sich selbst zu erklären?" 

Verdandi, ein Volltreffer... 

...denn ich kann das nur bestätigen, denn manche "lügen sich hier die Hucke voll", wenn sie andere sehr schlecht aber sich selbst wesentlich besser beurteilen!

"Sich die Hucke voll lügen" ist eine herrliche Metapher aus dem Alltag, mit der sich vieles erklären lässt! 

PS: Diese Metapher bitte nicht mit "sich die Hucke vollsaufen oder "sich die Hucke vollhauen" verwechseln. 
Verdandi hat geschrieben:
Beim Thema „Lüge“ schauen wir doch meist auf die anderen, nicht wahr? Zumindest wird es hierbei wohl keine öffentlichen Selbstbezichtigungen geben. :wink:


...denn ich kann das nur bestätigen, denn manche "lügen sich hier die Hucke voll", wenn sie andere sehr schlecht aber sich selbst wesentlich besser beurteilen!

QED.
Ja klar, auf wen anderes sollte man auch schauen, als auf diejenigen, die andere als schlecht, sich selber aber als nicht schlecht bezeichnen?

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass derjenige, der das formuliert, ein grundsätzlich Guter wäre! ...ganz im Gegenteil. 
Das Thema "Lüge" gab es vor gar nicht langer Zeit schon mal hier. Ich finde es ein sehr interessantes Thema.

Ich hatte damals schon geschrieben, dass für mich immer die Motivation, die hinter einer Lüge steht, maßgeblich ist. Wobei natürlich auch eine gut gemeinte Lüge sehr destruktiv wirken kann, aber der Beweggrund war eben kein schlechter.

Ich lüge schon hin und wieder. Aber niemals, um einem anderen Schaden zuzufügen, also z.B. Unwahrheiten über andere zu verbreiten usw. Ich lüge z.B., wenn mich jemand fragt, wie es mir geht und ich antworte "gut", obwohl das nicht der Fall ist.

Bei der Lüge geht es mir wie beim Neid: Menschen, die laut eigener Aussage nie lügen oder neidisch sind, sind mir sehr suspekt. Menschen, die zugeben, mal zu lügen oder auch neidisch zu sein, sind es mir nicht.

AK
Neptun_S hat geschrieben: Es gibt ja die Aussage, dass wir kein einheitliches ICH haben, sondern verschiedene Ichs. Je nach den Wünschen, Bedürfnissen, die im Vordergrund stehen oder je nachdem mit was wir uns gerade identifizieren, schwingen andere Gefühle, Gedanken und Vorstelungen mit. Diese unterschiedlichen Gefühls-Vorstellungen bzw. diese unerschiedlichen Ichs können sehr widersprüchlich sein, sie harmonieren oft nicht miteinander. Insofern "lügen" wir ständig. Die jeweilige "Teilpersönlichkeit", die das gerade ausspricht, lügt nicht, es ist ihre jeweilige Sichtweise, aber es deckt sich nicht mit der Wahrheit bzw.der Sichtweise der anderen Teilpersönlichkeiten.
Wenn man sich mal genau beobachtet und wahrnimmt, was man so alles an einem Tag denkt und spricht, merkt man selbst, wieviel Widersprüchliches dabei ist.



@ Neptun

So ist es! Ich würde allerdings nicht von verschiedenen Ichs, sondern von verschiedenen Anteilen der Persönlichkeit sprechen, die Du ja auch erwähnst. Denn wer sich nicht letztlich als verantwortliches Gesamt-Ich erleben würde, wäre in seiner Persönlichkeit gespalten. Aber ich denke, wir meinen schon das Gleiche.

Die Widersprüchlichkeit an sich ist nichts Schlimmes, sie gehört zur Persönlichkeit. Umso wichtiger, möglichst vieles davon in den eigenen Fokus zu bekommen. Das bedeutet aber auch, nachsichtig mit sich selbst zu sein und nicht alles Widersprüchliche ausmerzen zu wollen. Das führt unweigerlich zur Verdrängung der unliebsamen Anteile und damit zum Selbstbetrug.



AnneKlatsche hat geschrieben: Das Thema "Lüge" gab es vor gar nicht langer Zeit schon mal hier. Ich finde es ein sehr interessantes Thema.

Ich hatte damals schon geschrieben, dass für mich immer die Motivation, die hinter einer Lüge steht, maßgeblich ist. Wobei natürlich auch eine gut gemeinte Lüge sehr destruktiv wirken kann, aber der Beweggrund war eben kein schlechter.

Ich lüge schon hin und wieder. Aber niemals, um einem anderen Schaden zuzufügen, also z.B. Unwahrheiten über andere zu verbreiten usw. Ich lüge z.B., wenn mich jemand fragt, wie es mir geht und ich antworte "gut", obwohl das nicht der Fall ist.

Bei der Lüge geht es mir wie beim Neid: Menschen, die laut eigener Aussage nie lügen oder neidisch sind, sind mir sehr suspekt. Menschen, die zugeben, mal zu lügen oder auch neidisch zu sein, sind es mir nicht.

AK



@ Anne

Die höflichen Lügen sind das gesellschaftliche Schmiermittel - und der Neid ist der Sand im Getriebe gegenseitigen Wohlgesonnenseins. Aber beides ist stinknormal. Halt menschlich. - Und zu lügen, des eigenen kleinen Vorteils willen, wer kennt das nicht? Manche wollen auch belogen werden, um sich nicht mit anderer Leute Probleme auseinandersetzen zu müssen. Die würden ihre Stirn runzeln, wenn ich nicht "gut" anworten würde auf ihre obligatorische Frage, wie es mir denn so gehe... :wink:


Die größte Lüge bleibt dennoch in meinenn Augen der Selbstbetrug, ich habe mich dabei ertappt, dass ich selbstverständlich auch lüge, bzw. die Wahrheit verschweige. Warum, vielleicht einfach nur um gemocht zu werden, Anerkennung zu finden, angenommen zu werden.
Lügen sind auch Illusionen, die das Leben schöner machen könen. Wer will auch schon die nackte, gnadenlose Wahrheit? Ich nicht.
@Verdandi
Du schreibst u.a.:

Ja, ich glaube heute, dass die Überzeugung, sich und andere genau zu kennen, der größte Trugschluss im Leben eines Individuums ist und der Grund dafür, im Laufe der Zeit seine Achtsamkeit zu verlieren.

ich glaube, dass das was Du beschreibst zu diesen "unbewußten" Lügen gehört.....
wir lügen uns alle was vor ....und nur manchmal - eher selten - merken wir es.....

ein Mensch, der sich bemüht - sich und andere möglichst wenig zu belügen - ist für mich bereits ein "wahrhaftiger" Mensch......

seine eigenen Schwächen zu erkennen - seine eigene Unfähigkeit - immer die Wahrheit von der Lüge zu trennen - das ist schon die erste Stufe zur Wahrheit........

ein Mensch der das Bedürfnis verspürt, nach einer "größtmöglichen" Wahrheit zu streben - ist ein authentischer Mensch - obwohl er manchmal lügt....

laut Neurobiologie laufen nur wenige Prozente in unserem "bewußten" Bewußtsein ab - alles andere geschieht unbewußt.....

automatisch lügen - ohne Grund - das ist eine Schwäche, die nicht sein muss, die man sich selber nicht antun sollte.....

andererseits:
würden wir nie lügen - würden wir immer merken, wann wir lügen......dann wären wir keine Menschen sondern Götter..... :wink:
    @Sterntaler1960
    Wahrheit verschweigen ist doch nicht lügen. :shock:
    Lügen ist doch etwas Unwahres sagen.
    Es ist oft nicht der richtige Zeitpunkt die Wahrheit zu sagen und Schweigen hilft dabei den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.
Lügen ist zu anstrenegnd in meinem Alter, an die Wahrheit kan ich mich am besten erinnern.
Hallo Kundgeba,
in meinen Augen schon, aber selbstverständlich kann ich auch die von Dir genannten Gründe nachvollziehen. Ich mach es ja selbst oft genug. Aber warte ich aus Rücksicht auf den anderen oder aus, ich sags mal drastisch, Feigheit, Müdigkeit, Achtlosigkeit...,Ich bitte Dich, fühl Dich nicht von meinen Worten angegriffen, es ist nur meine Meinung.
Hallo schoechtern,
ist nicht die Washrheit anstrengender als die Lüge?
Lüge,Beginn der Unwahrheit ? Die Frage stellt sich, Antwort inbegriffen
"Es gibt keine Wahrheit."
Verschiedene Sichtweisen lassen dem Wort "Lüge"Spielraum.
Die eigene Einschätzung deckt sich nicht immer mit der vom
Gesetz vorgegebenen,hiermit wird Anpassung verlangt.
Notlügen sind die am häufigst verwendeten,meist ohne schlechtes
Gewissen zum eigenen Vorteil gebraucht.
Hierbei stimmt auch die Sicht,das Ego als Meister.