Morgens

Ein starker Wind sprang empor.
Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore.
Schlägt an die Türme.
Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der Stadt.
Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge.
Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge.
Starker Wind über der bleichen Stadt.
Dampfer und Kräne erwachen am schmutzig fließenden Strom.
Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom.
Viele Weiber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn.
Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn.
Glieder zur Liebe geschaffen.
Hin zur Maschine und mürrischem Mühn.
Sieh in das zärtliche Licht.
In der Bäume zärtliches Grün.
Horch! Die Spatzen schrein.
Und draußen auf wilderen Feldern
singen Lerchen.

Jakob van Hoddis (1887 - 1942)
.
Ja, ich mag Gedichte. Und das hier ist von mir.

VORBILD

Fest verwurzelt
in der Erde
wie ein gesunder Baum.
An jedem Tag
den Wind
in meinen Haaren spüren
wie ein gesunder Baum.
Mich mit dem Sturm
bewegen
ohne zu brechen
wie ein gesunder Baum.
Mit den Jahreszeiten
wachsen und ruhen
wie ein gesunder Baum.
Mich vertrauensvoll einfügen
in den Kreislauf
des Lebens
wie ein gesunder Baum.
Ohne Furcht
das lieben
was mich nährt
wie ein gesunder Baum.
Ringelnatz

Was dann?
https://www.youtube.com/watch?v=CJARnCW3oNU



Was dann? (Joachim Ringelnatz)

Wo wird es bleiben,
Was mit dem letzten Hauch entweicht?
Wie Winde werden wir treiben -
Vielleicht!?


Werden wir reinigend wehen?
Und kennen jedes Menschen Gesicht.
Und jeder darf durch uns gehen,
Erkennt aber uns nicht.

Wir werden drohen und mahnen
Als Sturm,
Und lenken die Wetterfahnen
Auf jedem Turm.

Ach, sehen wir die dann wieder,
Die vor uns gestorben sind?
Wir, dann ungreifbarer Wind?
Richten wir auf und nieder
Die andern, die nach uns leben?

Wie weit wohl Gottes Gnade reicht.
Uns alles zu vergeben?
Vielleicht? - Vielleicht!

Joachim Ringelnatz
Pensionierte Sittlichkeit

Es war einmal ein Auerhahn,
der hatte seine Pflicht getan.
Acht Jahre lang und noch viel mehr,
dann war der Dienst ihm etwas schwer.
Kein Ding auf Erden ewig dauert,
er hatte eben ausgeauert.

Nun ließ er seine Blicke schweifen
betrübt zu all den Ordensschleifen,
Diplomen und den Ehrenpreisen,
die er erauert einst auf Reisen.

Was halfen ihm jetzt all die Prämien,
er musst’ sich vor den Hühnern schämien.
Kein Hafer und kein Sellerie
entlockten ihm ein Kikeriki.
Es klang jetzt wie ein heiseres quieken –
sein einst so frohes Kikerikiken.
Und all die Hennen, all die Glucken
die waren darob blas erschrocken.
So stand er traurig wie Pik sieben
im Kreise seiner Hühnerlieben.

Man hat den Enterich gebeten
den Hahn einstweilen zu vertreten,
was kümmert sich das Federvieh
um Sittlichkeit und Bigamie.
Jawohl, sprach stolz der Enterich,
die Kleinigkeit besorge ich!
Am Zaun stand nun der Auerhahn
und sah voll tiefer Trauer an,
wie seine Hennen, seine Glucken,
ohn’ mit der Wimper nur zu zucken
sich von dem Enterich ließen ducken.
Verächtlich tät der Hahn ausspucken:
Pfui Teufel, ja so sind die Glucken.

Da kam der böse Bauer
an und schnappte sich den Auerhahn
und sprach „Du toller Veteran
wirst höchstens für die Suppe taugen,
dann schlossen sich zwei Hühneraugen.

Was ist des Lebens ganze Müh?
Ein kleiner Topf voll Hühnerbrüh’!

(Fred Endrikat, 1890 - 1942)
NachtgedankenN

Tosend der Wind durch die Bäumen rauscht
Wolken flüchtig den Himmel durchziehen
Krächzende Äste, Gewitter zieht auf
Unruhige Gedanken sich verlieren

Regen peitscht durch die Dunkelheit
Spüre die Kälte in meinem Gesicht
Schaue ängstlich in den Himmel hinauf
Blätter tänzeln im Laternenlicht

Gespenstische Ruhe, in einer Sekund
Stille, gehasst für diesen Moment
Gelber Blitze durch die Wolken bricht
Stählernd Gelächter wie's keiner kennt

Ängstlich gebückt wie ein alter Mann
ingehaust in ein wollenes Tuch
Umschlungen von zitternden Händen
Der Dunkelheit entfliehen versucht

Knarrend öffnet das hölzern Verlies
Schließt sich im Gedanken der Nacht
Noch ein Blick geht in die Dunkelheit
Wo der Himmel über uns lacht

  Uwiwa56

 
gefühlte Kälte

zwei Menschen leben unter einem Dach,
nebeneinander, sie haben keinen Krach.
Es gibt kein Miteinander, jeder geht seinen Weg,
gefühlte Kälte, sie merken es nicht mehr.
Im Haus ist es warm, im Herzen sehr kalt,
Mauern um sich herum gebaut, auch so wird man alt.
Die ungenutzte Zeit der Menschlichkeit, nicht gelebt, so vergeht die Zeit recht bald.
Gefühle werden eingefroren, in diesem Leben so verloren, alles unter einem Dach.

Marinadelrey
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Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht -
Heiße Tränen nieder tropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Theodor Fontane
bei mir sind es aktuell zwei ziemlich Gegensätzliche von Peter Maiwald:

SISYPHOS I
Hau ab, Mensch, elender
Angeber mit Mühe, Lastesel
ohne Sinn und Ergebnis.
Kein Mitleid mit dem.
Beim dritten Mal läßt man's,
oder beim siebten bei langer Leitung.
Der Stein wär besser
für ein Haus oder eine Straße,
wo's weitergeht. Arschloch!


BRIEF
Was ich dir sagen will
liegt auf der Zunge.
Die Katze kriegt Junge.
Die Nächte sind sehr still.
Die Pappeln stehen noch.
Frau Hucks läßt grüßen.
Alfred hat's an den Füßen.
Die Hose hat ein Loch.
Bei Gerda sieht man's schon.
Das Fleisch wird teurer.
Sie entlassen bei Meurer.
Müller geht in Pension.
Montags ist wieder Müll.
Mir sticht die Lunge.
Was ich dir sagen will
liegt auf der Zunge.

aus: Maiwald, Peter. Balladen von Samstag auf Sonntag.
An die Nachgeborenen
I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viel Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.




Brecht
Deine Frage Regina, kann ich mit "ja, immer öfter", beantworten. :-)

Ein, in meinen Augen wunderschönes Gedicht habe ich heute in einem Büchlein entdeckt das ich eigentlich entsorgen wollte, weil es recht zerfleddert und zudem arg vergilbt ist. Zum Glück habe ich doch erst noch darin geblättert, mit folgendem Ergebnis:

Einleitende Erklärung:
Hokkus
Da zieht irgendein Wandermönch durch Japan in strenger Bescheidenheit, jedoch mit reicher Seele. Er kann nicht europäisch empfinden und dichten, denn ihm lacht die Sonne Nippons. Seine Heimat hat eine eigene Dichtung. Man nennt sie Heiku- oder Hokku-Dichtung. Da wird nicht mit reicher Farbe aufgegtragen, da wird nur angedeutet, kurz und wesentlich. Eine Regel muss das Gedicht enthalten: Die Jahrenszeit des Erlebten muss genannt oder angedeutet sein. So wird hier jedes kleine Erlebnis bis zur letzten Verdichtung, bis zur letzten möglichen wortesparenden Aussage zum absoluten Gedicht. Für unser Empfinden zu karg, jedoch für die Menschen Nippons ebenso reich wie ein zwanzig Verse fassendes bildreiches europäisches Gedicht. Legen wir unsere Maße beiseit, so wird uns die stille Schönheit der Stimmung eines japanischen Sommers davon überzeugen.

Das Gedicht:

Ein fallendes Blütenblatt
Erhebt sich zu seinem Zweig:
Ach, ein Schmetterling!

Der reglose Reiher,
Wäre nicht sein dünner Schrei,
Ist nur Schneegestöber.

Wer winselt?
Weint der Mond? - Du träumst.
Ein Kuckuck schrie.

Uralter Weiher.
Verträumt. Da sprigt ein Frosch
Nun tönt das Wasser.

Wie leicht betört man
Beim Duft der Pflaumenblüte
Mit Flötentönen.

Des Sommers Grün.
All das ist geblieben
Von den Träumen toter Krieger.

(Matso Basho 1643-1694)


Und hier noch eine Kustform, auch zum Vergleich, und auf seine Weise ebenbürtig. :-)

Einführung:

Die schönen Erinnerungen
Jean Moreas gehört zu den französischen Symbolisten um 1885. Er ist somit einer bestimmten Kunstrichtung verschworen. Wenn ihm hier die "schönen Erinnerungen" zum Symbol werden, so weiß er das Gedicht trefflich und tröstend zu formen. Drei Verse widmet er der bildreichen Betrachtung, um in den abschließenden zwei Schlußzeilen die richtige Quintessenz zu finden, die, wie der ganze Inhalt, befriedigt und versöhnt.

Gedicht:

Die schönen Erinnerungen

Des Trübsinns Wolken spreng ihr bunter Trug,
Wenn sie aus unsrer Seele tiefsten Gründen
Von längst versunknen Sonnen neu uns künden;
Um ihre Lippen spielt ein harter Zug.

Ihr Aug ist Morgenrot; und Funken schlug
Ihr lockiges Haar, wie grelle Blitze zünden.
Ihr Aug ist Nacht; im Meer der Haare münden
Dann ihre Flechten, blau wie Rabenflug.

In heißem Nachklang langentschwundener Stunden
Wiegen sie unsern Schmerz, bis wir gesunden;
Sie trocknen unsre Tränen, und die Wunden,
Die uns gequält, versiegen und vernarben.

Die Schnitterin der Schönheit und der Garben,
Die Zeit, bekränzt sie dann mit frischern Farben.

(Jean Moreas 1885)
(Innozenz Grafe <- ist wohl der Übersetzer?!, )

Das geschundene Büchlein wandert wieder in's Regal! :-)
Geh! Gehorche meinen Winken,
nutze deine jungen Tage,
lerne zeitig klüger sein.
Auf des Glückes großer Waage
steht die Zunge selten ein:
Du musst steigen oder sinken,
Du musst herrschen und gewinnen,
oder dienen und verlieren,
leiden oder triumphieren,
Amboss oder Hammer sein.

Von unserem großen Goethe
Es lebe die Gebrauchslyrik:

Es waren zwei Schweinekarbonaden,
Die kehrten zurück in den Fleischerladen
Und sagten so ganz von oben hin:
Mene tekel upharsin.
Der Kuss

Der Kuss, den ich dir nicht gab
hat mir das nicht vergeben
er gibt einfach nicht auf
erschwert mir nach Kräften das Leben
er kitzelt meine Lippen
drückt zwischen den Rippen
er macht Lärm in der Seele
verstopft mir die Kehle
er flitzt durchs Gehirn
und bohrt in der Stirn
- ich halt's nicht mehr lange aus:
das freche Kerlchen muß raus!

 © Jörn Pfennig (*1944), deutscher Dichter und Lyriker Quelle: »Grundlos zärtlich«
Albanie / soll denn dein warmer schooß
So öd und wüst / und unbebauet liegen?
Im paradieß da gieng man nackt und bloß /
Welch menschen-satz macht uns diß neue weh?
Albanie.
_____

Der lenz pflegt uns in herbst zu leiten;
Das jahr läst uns nach blumen früchte sehn:
Laß mich doch auch nach deinen zeiten
In deinen anmuths-garten gehn.
Mein frühling ist ein kuß gewesen /
Laß aus der schooß
Mich endlich reiffe früchte lesen /
Wie in dem stand der unschuld nackt und bloß.
_____

Bestraffe mich mit keinem tadel /
Daß deinen schooß mein herze lieb gewinnt;
Denn der magnet forscht mit der nadel /
Biß er den mittel-punct ergründt.
Ein schäfgen weidt in thal und auen /
Wo schatten ist;
Mein herze will das deine schauen;
Drum such ich es / da / wo du offen bist.
_____

So soll der purpur deiner lippen
Itzt meiner freyheit bahre seyn?
Soll an den corallinen klippen
Mein mast nur darum lauffen ein /
Daß er an statt dem süssen lande /
Auff deinem schönen munde strande?

Ja / leider! es ist gar kein wunder /
Wenn deiner augen sternend licht /
Das von dem himmel seinen zunder /
Und sonnen von der sonnen bricht /
Sich will bey meinem morrschen nachen
Zu einen schönen irrlicht machen.

Jedoch der schiffbruch wird versüsset /
Weil deines leibes marmel-meer
Der müde mast entzückend grüsset /
Und fährt auff diesem hin und her /
Biß endlich in dem zucker-schlunde
Die geister selbsten gehn zu grunde.

Nun wohl! biß urtheil mag geschehen /
Daß Venus meiner freyheit schatz
In diesen strudel möge drehen /
Wenn nur auff einem kleinen platz /
In deinem schooß durch vieles schwimmen /
Ich kan mit meinem ruder klimmen.

Da will / so bald ich angeländet /
Ich dir ein altar bauen auff /
Mein herze soll dir seyn verpfändet /
Und fettes opffer führen drauff;
Ich selbst will einig mich befleissen /
Dich gött- und priesterin zu heissen.


Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-1679)
1996 hatte ich Gelegenheit eine Heißluftballonfahrt zu machen. Ich war in diese Art der Fortbewegung sofort verliebt und bei der zweiten Fahrt auch in die Pilotin. In der Folge
schrieb ich ihr die folgende Liebeserklärung:

Mit der Liebe ist es
wie mit dem Wind.
Beide sind sie
plötzlich da,
woher, wohin,
wer weiß das schon?

Mit der Liebe ist es
wie mit dem Wind.
Beide streicheln uns,
wir genießen,
sie reißen uns mit,
stürmisch, wild,
wir lassen es zu.

Mit der Liebe ist es
wie mit dem Wind.
woher, wohin,
was wird daraus,
wer weiß das schon


® ValentinAK 1996