Hilde Domin


Traum im Winter

Du beugtest dich aus dem Fenster,
ein Haus von südlichem Weiß.
Mein Bett war auf offener Straße,
ich weiß nicht, wie es war.
Du glittst die Mauer herunter,
eidechsenartig,
und leicht wie ein Kind.
Das war die Nacht eh ich abfuhr.
Ich konnte nicht fahren und fuhr.
Als ich weinte,da wandte der Zug
den Kopf zurück wie ein Pferd.
Ein kleines Gedicht zu später Stunde,
es kommt von mir aus vollem Munde

Ich sitze hier - mein Daumen ist gebrochen,
am liebsten hätte ich mich mit Schmerzen ins Bett verkrochen.

Doch nein, ich will Euch allen sagen,
behaltet den Mut an allen Tagen.
Nur nicht

Erich Fried

Das Leben

wäre

vielleicht einfacher

wenn ich dich

gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer

jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen

weniger Angst
vor der nächsten

und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel

von dieser machtlosen Sehnsucht

wenn du nicht da bist

die nur das Unmögliche will

und das sofort

im nächsten Augenblick

und die dann

weil es nicht sein kann

betroffen ist

und schwer atmet

Das Leben

wäre vielleicht

einfacher

wenn ich dich

nicht getroffen hätte


Es wäre nur nicht

mein Leben
Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht ins Ohr,
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.........

Eduard Mörike
Die Amseln haben Sonne getrunken,
Aus allen Gärten strahlen die Lieder,
In allen Herzen nisten die Amseln,
Und alle Herzen werden zu Gärten
Und blühen wieder.


Nun wachsen der Erde die großen Flügel
Und allen Träumen neues Gefieder,
Alle Menschen werden wie Vögel
Und bauen Nester im Blauen.
Nun sprechen die Bäume im grünen Gedränge

Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
In allen Seelen badet die Sonne,
Alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
Liebend zusammen.

Max Dauthendey
(1867 - 1918)
Learning by doing

Ein seltsamer Alter aus Aachen
der baute sich selbst einen Nachen
umschiffte die Welt
kehrt zurück ohne Geld
beherschte jedoch 17 Sprachen
Eugen Roth – Der starke Kaffee

Ein Mensch, der viel Kaffee getrunken,
Ist nachts in keinen Schlaf gesunken.

Nun muß er zwischen Tod und Leben
Hoch überm Schlummerabgrund schweben

Und sich mit flatterflinken Nerven
Von einer Angst zur andern werfen

Und wie ein Affe auf dem schwanken
Gezweige turnen der Gedanken,

Muß über die geheimsten Wurzeln
Des vielverschlungnen Daseins purzeln

Und hat verlaufen sich alsbald
Im höllischen Gehirn-Urwald.

In einer Schlucht von tausend Dämpfen
Muß er mit Spukgestalten kämpfen,

Muß, von Gespenstern blöd geäfft,
An Weiber, Schule, Krieg, Geschäft

In tollster Überblendung denken
Und kann sich nicht ins Nichts versenken.

Der Mensch in selber Nacht beschließt,
Daß er Kaffee nie mehr genießt.

Doch ist vergessen alles Weh
Am andern Morgen – beim Kaffee.
Du magst Dich so, wie
ich bin .
Ich mag mich so,
wie Du bist.
Vielleicht kommt es
auch umgekehrt.
Man lebt aus der Wiederkehr
der Umkehr.
Chanson einer ... Liebenden

Ich wandle wie durch einen Traum seit Tagen,
Und spür den Hunger nicht bei leerem Magen,
Ich hör nicht, was die Leute zu mir sagen,
Nicht mal den Kuckuck, der sich selber rief -
Ich warte, ich warte, ich warte.....
Ich warte auf einen Brief.

Warum nur hat er keinen Brief geschrieben?
Womit, womit hab ich ihn wohl vertrieben?
Wer bringt mir bei, das Scheusal nicht zu lieben ?
Drei Nächte schon, dass ich deshalb nicht schlief:
Ich warte, ich warte, ich warte....
Ich warte auf einen Brief.

Heut ist der vierte Tag, dass ich so warte.
Und jeden Morgen kommt bloß `ne aparte
Bis an den Rand beschriebne Ansichtskarte.
`Ne Karte! Mir....! - Das kränkt mich klaftertief.
Ich warte, ich warte, ich warte...
Ich warte auf einen Brief .
Mascha Kaleko
Noch`n Unterschied

Wir fuhren einst zusammen
tagtäglich mit der "Zehn",
jetzt fahren wir zusammen,
wenn wir uns wiedersehn !
Heinz Erhardt
Ein männlicher Briefmark

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wieder küssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist Tragik des Lebens !
Joachim Ringelnatz
Solange die Existenz
und die Lage
des Paradieses
nicht geklärt sind
halte ich mich
an dich.

Peter Turrini
Wieviel wissen wir
vom Wind,
was er uns bringt,
wohin er uns treibt?

Wir können ihn geniessen,
wenn wir
uns ihm hingeben,
uns treiben lassen,
uns öffnen,
mutig, neugierig ....

Wieviel wissen wir
von der Liebe,
was sie uns bringt,
wohin sie uns führt?

Wir können sie geniessen,
wenn wir
uns ihr hingeben,
uns von ihr treiben lassen,
uns öffnen,
zärtlich, neugierig ....

Beide,
der Wind und die Liebe
können uns
stürmische,
sanfte
und wunderbare
Augenblicke bringen.

Sich
diesen Augenblicken
hinzugeben
ist erlebenswertes Leben,

Laß' uns
solche Augenblicke
erleben ....

© RR 1992 für Marie
Der Salm

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein
bis in die Schweiz hinein.

Und sprang den Oberlauf
von Fall zu Fall hinauf.

Er war schon weißgottwo,
doch eines Tages - oh! -

da kam er an ein Wehr:
das maß zwölf Fuß und mehr!

Zehn Fuß - die sprang er gut!
Doch hier zerbrach sein Mut.

Drei Wochen stand der Salm
am Fuß der Wasser-Alm.

Und kehrte schließlich stumm
nach Deutsch- und Holland um.

Christian Morgenstern
Loreley

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein,
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr gold'nes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr gold'nes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei,
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh,
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn,
und das hat mit ihrem Singen
die Lorelei getan.

Heinrich Heine



Loreley

Einst sah ich dich in dunkler Nacht
in überirdischer Schönheit Pracht
Aus Licht die Gestalt gewoben war
genauso wollt strahlen das Lockenhaar

Wellenfarben dein Gewand
Das Liebeszeichen deiner Hand,
deiner Augen süße Beglückung
strahlt mir zu, o Verzückung

O wärest du mein Liebchen fein
wie gern teilte ich die Liebe dein!
Wie würde ich fahren wonnetrunken
in dein Felsenhaus tief dort unten!

Mark Twain