von 41acul » 19.07.2019, 13:07 aus "Lügen, um sich selbst zu beweisen."


Es sollte nicht heißen:
"Lügen, um sich selbst zu erklären." Das trifft es zu ungenau.
Besser ist:
Lügen, um sozialen Gemenge zurecht zu kommen."

Jeder Mensch "lügt" am Tag etwa 200 Mal, um die verschiedenen Rollen zu bewerkstelligen, die der Tagesablauf mit sich bringt. (Grobe Beispiele: Begegnung mit Chef oder Enkel).

Und bei der Kommunikation (hier nahezu verbal - bis auf die Bilder)
sollte man unterscheiden zwischen (Jürgen Habermas, "Theorie des kommunikativen Handelns")
Verständnisorientierte Kommunikation: Auf Basis gemeinsamer Überzeugungen Versuch Einverständnis herzustellen.
Strategische Kommunikation: Hier geht es um Einflussnahme der Einstellung des Gegenübers. Mit Lügen, Täuschen, Beleidigen, Drohen, Loben usw.. Das ist völlig normal und gehört zum Tagesgeschäft oder zum Geschäft von 50plus.

Anerkennung und Loben kann durchaus auch zur verständnisorientierten Kommunikation gehören. Ich bringe zum Ausdruck, dass mich die Aussage des Gegenübers freut, denn ich finde mich in der Antwort wieder. Wird sie aus taktischen Gründen geäußert, dann sind diese Ansätze natürlich strategisch.

Felix
Don`t tell it, show it!

Aristoteles (Werk Poetik, ca. 335 v. Chr.) Die Poetik; Stuttgart; 1982:

Aristoteles macht den Unterschied zwischen dem Drama und der epischen Erzählung deutlich. Im Drama werden die Handlungen nachgeahmt, indem die Handelnden „auftreten“ und miteinander direkt kommunizieren. Das Wesen des Dramas bestehe also im Vorhandensein von Dialog, von szenischer Darstellung ("show it"). Dialog als Aktion. In den epischen Erzählungen, wie in denen Homers, werde hingegen über die Handlung lediglich berichtet ("tell it").
Will ich also dramatisch berichten oder vorstellen (Film, Theater), dann ist Dialog unverzichtbar.
Felix

@ 41acul (» 19.07.2019, 13:11h),

wenn Du Dich schon auf den von mir eröffneten Thread im Philosophieforum beziehst, solltest Du nicht alles durcheinanderwerfen, also Deine Anliegen nicht mit den Anliegen des anderen Threads verquirlen! :roll:

Es ist nämlich völlig falsch, was Du sagst, denn der Thread sollte genauso heißen, wie es im Titel steht:

>>Lügen, um sich selbst zu erklären?<<

W e s h a l b das so ist, steht in meinem Eröffungsbeitrag – hier noch einmal hergeholt ...



Verdandi hat geschrieben:

„Warum lügst du?“ wurde ich vor einem halben Leben einmal gefragt. Von einem wirklich guten Freund, dem ich in einer flammenden Rede die Wahrheit meiner neuesten Erkenntnisse nahe zu bringen versuchte…

Ich war verdattert. Fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. Was fiel ihm ein? Lügen? Zum Lachen! Aber ich lachte nicht, mir kamen die Tränen…

Ich liebe es inzwischen, wenn es jemandem gelingt, mir trotz meiner vielen wohlklingenden Worte auf den Grund der Seele zu schauen. Das ist so selten… Und damals war es so geschehen, was ich mit einer nur winzigen Verzögerung fast augenblicklich zu würdigen wusste. Es war ein Schock. Aber ein wirksamer!

Später las ich in dem Buch „Ein Start ins Leben – Ein Schelmenroman“ von Alan Sillitoe,
diesen Satz:

„Er gebrauchte Lügen, um sich selbst zu erklären.“

… Den ich seitdem in Erinnerung behalten habe, weil er so genau zu meiner Erfahrung passte.

Jeder Versuch sich wortreich anderen zu erklären, ist eine „Lüge“ (im Sinne von Teilwahrheit), weil wir nie alles zugleich an Informationen über uns selbst parat haben können, so dass mit jeder fertigen Aussage automatisch vieles andere ungesagt und unsere Selbstdarstellung damit unfertig bleibt.

Ja, ich glaube heute, dass die Überzeugung, sich und andere genau zu kennen, der größte Trugschluss im Leben eines Individuums ist und der Grund dafür, im Laufe der Zeit seine Achtsamkeit zu verlieren.

_____________________


Bevor hier jemand darauf hinweist, dass der Begriff „Lüge“ im eigentlichen Sinne nicht mit dem, was man allgemein Selbstbetrug nennt, identisch ist: Das stimmt! – Dennoch benutze ich diese Bezeichnung dafür, so wie der Freund damals und so wie Alan Sillitoe in seinem Buch, um vielleicht ein bisschen provokant zu verdeutlichen, dass es hier nur um das Gegenteil von Wahrheit geht, was insbesondere im Zusammenhang mit der Selbsterkenntnis ein großes Problem darstellt.

„Die Lüge“ in diesem Sinne hat ihre Bösartigkeit weitgehend eingebüßt und dafür der Tragik Raum geschaffen.

Die philosophische Sicht dazu interessiert mich. In der Philosophie geht es um die Wahrhaftigkeit, die nach ethischen Prinzipien von jedem anzustreben sei. Manche Philosophen widersprechen diesem Anspruch und wollen „die Lüge“ als sprachliche kunstvolle Variante im großen Gesellschaftsspiel der zivilisierten Menschheit angesiedelt wissen.

Der Selbstbetrug widerspricht insofern beiden dieser Vorstellungen: Der Mensch ist nicht um Wahrhaftigkeit sondern um Kongruenz seiner Person im Fühlen, Denken und Handeln bemüht und nimmt, mehr oder weniger bewusst, dafür auch Unwahrhaftigkeit in Kauf. Bestandteil eines Spiels kann die Lüge im diesem Sinne nicht sein. Dem Selbstbetrug fehlt jede spielerische Leichtigkeit.

_____________________


Ich befürchte, der Threadverlauf wird nicht im eigentlich-engeren Sinne thematisch bleiben können…

Beim Thema „Lüge“ schauen wir doch meist auf die anderen, nicht wahr? Zumindest wird es hierbei wohl keine öffentlichen Selbstbezichtigungen geben. :wink:

Deshalb erweitere ich das Thema auf „Die Lüge“ – schlechthin.
Zumindest der Titel wird vielleicht den einen oder die andere daran erinnern, wo es einem am nächsten kommen und am meisten treffen kann. - Ein Denkanstoß, das wäre schon ein guter Anfang.


... Wenn also jemand über „richtige“ Lügen sprechen wollte, sollte er das sagen und tun. Aber im eigentlichen Thema jenes (!) Threads geht es um die Unzulänglichkeit der Selbsterkenntnis bis hin zum Selbstbetrug. – So, wie auch das vorsokratische „Erkenne Dich selbst!“ ursprünglich auf die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit gezielt hat.

Das Thema Kommunikation hat damit vorerst nicht viel zu tun. Wer sich selbst nicht wirklich kennt, kann so viel und vermeintlich so gut kommunizieren, wie er will, er wird immer zwangsläufig „lügen“. Es geht also nicht darum, an seinen Kommunikationstechniken herumzufeilen, sondern sich bewusst zu machen, sich niemals anderen vollständig vermitteln zu können. Die damit einhergehende Bescheidenheit erleichtert dann vielleicht sogar das Selbst- und Fremdverständnis. :)


Link zum Original-Thread: Lügen, um sich selbst zu erklären?