wer da?
in kleinen dosen
immerfort immer fort
vergessliche
fühlen nur widerstand
nichts geht durch
mauertasten
sinne verzweigen
hier und da
muss ein spalt sein
vielleicht auch nur
schauen ohne wollen
wenn das denken
den riss gewahrt
spätestens dann
horchen


© verdandi
holocaustgedenktag





Im Leben die Zeit ...


Im Leben die Zeit,
im Traum die Unendlichkeit.
Wo treffen sie sich?

Die Dünung der Zeit
hält manche Unendlichkeit
den Menschen bereit.

Generationen
wandeln im Laufe der Zeit,
das Ganze im Blick.

Die Vorstellungskraft
schafft uns Räume voller Macht
zwischen den Zeiten.

Die Zeit im Werden
der Fortschrittsbegeisterung
lässt vieles zurück.

Unverzichtbares?
Das Leben schreitet voran,
bleibt auf der Strecke.





Fünf „Endzeit“-Haiku
(Angeregt vom Christopher-Nolan-Film „Interstellar“)


Menschheit am Ende
der letzten Möglichkeiten.
Sprung in die Zukunft.

Das Abenteuer
vollendet das Schwarze Loch.
Zeitdiletation.

Die Zeit verliert sich
in der fünften Dimension.
Sich wiederfinden.

Tasächlich Rettung!
Noch immer verstehen sie
die Vorgänge nicht …

Sie sind überrascht
vom eigenen Gedanken:
Freiheit überall!




Zorro und der Mann mit dem Schirm


Er hatte immer einen Schirm dabei, wenn er sie ausführte; es hätte ja regnen können.

„Ich bin doch nicht krank, nur blind!“ sagte sie ihm, als er den Schirm mitnahm, obwohl die Sonne schien.

„Genügt das nicht?“ erwiderte er, gekränkt, weil sie seine Fürsorglichkeit mal wieder nicht zu schätzen wusste.

Sie hätte gern einen Blindenhund gehabt, um allein herausgehen zu können, um unabhängiger zu sein. Er kam oft spät nach Hause, hatte viel zu tun im Büro, manchmal, nein oft war es schon dunkel. Vor allem im Winter schaffte er es nie, im Tageslicht nach Hause zu kommen.

„Aber dir kann es doch egal sein!“ meinte er dann immer.

Das verstand er nicht: wie es für sie ist, wenn es hell ist, wenn sie vielleicht sogar die Sonne auf der Haut spüren, das Lachen der Kinder auf dem Schulweg, das Hupen der Autos auf der Straße hören kann, draußen zu sein, wenn andere draußen sind, wenn alles hell, warm und freundlich anmutet, auch wenn sie es nicht sehen kann.

Er sagte, er könne nicht gut mit Hunden. Sie hätten früher, als er klein war, einen zu Hause gehabt. Der habe ihn mal gebissen. Seitdem mache er einen Bogen um Hunde. Schade, aber sie verstand das und nickte. Und warum wolle sie allein nach draußen, in die Stadt, das sei doch alles zu unsicher für sie, und ein Hund sei auch keine Garantie dafür, dass ihr nichts zustoßen würde. Er mache sich eben Sorgen.

Sie fühlte sich beklommen. War sie undankbar? Sie vermied das Thema dann, wartete weiter Tag für Tag auf seine Heimkehr, versuchte zufrieden zu sein, wenn er seinen Pflichten ihr gegenüber nachkam und – den Schirm zu ignorieren.


Zorro schnauft ein bisschen im Schlaf. Sie greift ihm ins dichte Fell.
„Wenn ich ihn nicht hätte!“ Luise lacht ihre Freundin Margret an: „Und dich natürlich, wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich es nie gewagt!“

Die Blindendhundetrainerin hatte ihr Haus in der Nähe. Eine Tages sah sie Luise an der Seite eines sie beschirmenden Mannes, der ihren Arm so eng umklammert hielt, dass die arme Frau kaum noch gerade zu gehen vermochte. Ein merkwürdiger Anblick, der Margret veranlasste, sie mal anzusprechen. Ihre Vermutung bestätigte sich: Die Frau war blind, und der Mann an ihrer Seite war auf dem besten Wege, sie bei lebendigem Leibe in ihrem Schicksal einzumauern.

Sie freundete sich mit Luise an und bestärkte sie in ihrem Wunsch, auf eigenen Füßen zu stehen. Die Hunde halfen dabei sehr, vor allem Zorro, der schwarze Labrador, der noch ein Welpe war und gerade seine Ausbildung bei Margret begonnen hatte. Es dauerte noch ein Jahr, bis Zorro soweit war, auf sich gestellt als Blindenhund arbeiten zu können. Und dieses Jahr brauchte Luise dafür, um sich von ihrem Ehemann zu befreien. Heute fährt sie auch schon allein mit dem Zug auf Reisen – mit Zorro natürlich. Ein Beschützer, der sie fordert, aber nicht einengt, so wie damals der Mann mit dem Schirm.




Freundschaft berührt mich.-
Wie die wärmende Sonne
am Morgen langsam über
die kühle Erde kriecht
Atme ich Leben bei jedem DU.


(Das hab ich mit 17Jahren geschrieben).
Auch uns meinen Jugendjahren

Glück ist nicht verdient im Leben,
es wird dir immer neu gegeben.
Und auch planbar ist es nicht,
es ändert täglich sein Gesicht.

Glück hat wie alles seine Zeit,
unterliegt auch der Vergänglichkeit.
Lasst Glücksmomente fest uns halten
und unsere Gegenwart damit gestalten.
@ Hawaii
ich finde dein Gedicht sehr schön.
Danke, liebe Inge :P

Altersstarrsinn

Es harren die im Sturm vergangener Zeit
Schiffbruch erlittenen unweisen Greise,
die sich zu biegen nie waren bereit,
wie der in jüngeren Jahren schon werdende Weise.

Unwirtliche Alte sind den Jungen ein Graus,
die Zahl ist gar nicht mal so klein,
der Zyklus des Wachstums, sie lernten nichts draus,
fielen stattdessen auf hehre Lebenslügen herein.

Der Spiegel der anderen, der blieb ihnen matt,
sie beklagen stattdessen ihr Ungemach,
forderten vom Leben stets gehörigen Rabatt,
träumten sich gescheit und wähnten sich wach.

Die Wirklichkeit stets fordert ihren Tribut,
bestraft im Alter jede Konvention,
belohnt Verzicht darauf und den Mut,
zu suchen und zu leben die eigene Motivation.

Wie schwierig ist Altern auf diese Weise,
wenn jüngere Weisheit erstrahlt in aktuellem Glanz?
Gibt es im letzten Abschnitt der Reise
noch eine Chance auf einen befreienden, gemeinsamen Tanz?

Der frühere Schüler reicht dem alten Lehrer die Hand,
der sie ergreifen sollte für ein gemeinsames Wegestück,
im Nu ist die Furcht des Alten vor dem Ende gebannt.
Verhilft es ihm vielleicht noch zu einem finalen Lebensglück.



Jemand

In der Sonne liegend,
die Lider mit Herzmuscheln bedeckt
dringt schrilles, schürfendes
Schaufelgeräusch in mein Ohr.

Kies oder Sand wird geschippt.
Jemand arbeitet.

Graue Fensterflügel
Breiten die Arme aus
Koloraturen – rauf und runter – erklingen
Jemand übt.

Ein Handy klingelt russisch
Jemand telefoniert.


Türkische Lacher


Jemand ist weit weg,
und mir doch nah.
Jemand könnte mein Freund sein.
Eine Meditation, sehr ansprechend.
danke Hawaii, ich habe nicht die Absicht hier mitzumachen. Da ich mich aber bedanken möchte noch eine Geschichte, die ausdem "Kirchenbuch" stammt.

Verhängnisvoller Kofferfund

Das ist die Geschichte von Walter, Walter ohne h..
Er und seine Frau hatten sich nach der Rente ein Haus gekauft. Ein altes Haus oberhalb Adenau in der Eifel. Dort – inmitten von Weinbergen und hügeliger Landschaft - fühlten sie sich wohl. Im Sommer saßen sie abends auf der Bank vor dem Haus, beobachteten die Schwalben in der Luft und guckten auf Adenau herab, bis dort nur noch Lichter zu sehen waren und das Städtchen verschwand. Dann gingen auch sie schlafen.
Das Leben verlief so geruhsam, wie sie sich das erhofft hatten, bis Elfriede einen Schlaganfall bekam und nach drei Tagen Krankenhaus auch daran verstarb. Man sprach von einem zweiten Schlaganfall als Todesursache.

Walter lebte weiter, apathisch und funktionierte. Kinder oder enge Freunde hatte er nicht. Alles fiel ihm schwer, er musste sich aufraffen, da das Leben weiter ging und so kochte er sich notgedrungen Pellkartoffeln und aß Fisch aus Dosen dazu. Abends trank er Bier. Die Nächte verliefen unruhig, mindestens viermal musste er raus, der Prostata wegen.
So ging das drei Monate lang, dann raffte er sich auf und fing an, im Haus Ordnung zu machen. Es ging darum, seine spezielle Ordnung herzustellen. Alles, und nur das, was er wirklich brauchte, musste in der Küche seinen Platz haben. Große Töpfe und Pfannen, sowie alle Siebe, viele Messer und Scheren wurden in den Keller verbannt.
Nicht einfach so, sondern in Kartons auf denen jeweils oben weiße Schilder klebten, die den Inhalt anzeigten.
Walters Ordnung war äußerst penibel, so musste in der Schublade die Rolle mit der Alufolie genau zwischen den Rollen der Klarsichtfolie und der des Backpapiers liegen. Anders hätte ihm das nicht gefallen.
Und auf diese Weise durchforstete er das ganze Haus, bis auf das Wohnzimmer, das von vornherein seinen Vorstellungen entsprach.
Auf dem Dachboden befanden sich Koffer, die noch nie geöffnet wurden, es grauste ihm davor. Eigentlich erwartete er abgelegte Kleidung von Elfriede, aber zu seinem Erstaunen verbarg der Koffer dicht bis an den Rand gefüllt nur Papier. Und zwar quollen ihm Mengen von Totenzetteln entgegen, große, kleine, doppelte, Bütten und einfaches Papier. Es roch muffig und auch schwülstig. In den beiden anderen Koffern, die er erst jetzt entdeckte und die noch von den vorhergehenden Eigentümern sein mussten, befanden sich ebenfalls nur Totenzettel.
Er erschrak, alles war durcheinander, zahlreiche Gesichter schauten ihn an, halb verdeckt von Heilligenbildern und anderen religiösen Motiven, in der Mehrzahl Engel.
Er wusste nur, dass diese kleinen Briefchen beim Requiem in einem Körbchen durch die Reihen der Trauernden gereicht wurden zum Andenken an den Verstorbenen.
Wie war es möglich, dass eine solche Sammlung zusammen kam?

Von nun an fand man Walter ab 16 Uhr nur am Küchentisch sitzend und sortierend. Erst einmal grob sortierend in – vor dem Krieg – und nach dem Krieg. Bis er auf Totenzettel stieß, die aus dem ersten Weltkrieg stammten. Erschüttert las er alles. Kein Totenzettel wurde unstudiert aus der Hand gelegt.
Dabei begegneten ihm Anschriften wie: "Hochwohlgeborenen Herr", "an die ehrengeachtete Frau", "die tugendsame Jungfrau" oder "den ehrbarer Jüngling".
Auch die Berufe der bereits Verstorbenen wurden erwähnt, wie „Nachtwächter, der Postillon, der Oberbrieftaubenmeister, der Realitätenbesitzer (einer der von seinen Immobilien lebt), der Inwohner (Mieter), der Ökonom (Landwirt), der Gütler, Katler (Kleinbauer), der Söldner (Taglöhner), der Privatier (Rentner) oder der Pfründner (Insasse eines Pfründhauses, d.h. Altersheimes oder Armenhauses )“.
„ Im Ersten Weltkrieg 1914-18 wurde neben dem fast obligatorischen Bild des Gefallenen und dem Dienstgrad auch die Einheit angegeben der er angehört hatte z.B. "Landwehrmann der 4. Komp. 15.Res.-Inf.Regts". Zum Teil wurde auch die Todesart angegeben. So hieß es z.B. "infolge einer Granatverletzung", "durch einen Kopfschuss", "durch Verschüttung" usw.
Im zweiten Weltkrieg, 1939-45, waren Angaben über die Einheit auf den Totenzettel nicht mehr ersichtlich, sie wurde anonymisiert. So hieß es z.B. nur noch "Gefreiter in einem Gebirgsjägerregiment". Es gab aber Hinweise wo der Gefallene während seiner militärischen Zeit eingesetzt war, wie z.B. "Teilnehmer am Polen- und Frankreichfeldzug".
Die Todesart wurde auch nicht mehr angegeben. Pauschale Hinweise ergaben sich nur aus den Vermerken "Im Lazarett an den Folgen einer Verwundung verstorben" oder "in Kriegsgefangenschaft verstorben".
Andere besondere Hinweise gab der Totenzettel her ,wenn geschrieben stand "bei einem Partisanenüberfall durch Mörderhand ums Leben gekommen. (Quelle: Internet)

Völlig aufgewühlt fuhr er ins Archiv nach Aachen und erfuhr folgendes:
„ Der Brauch Sterbezettel anzufertigen und zu verteilen kam in der ersten Hälfte des 18.Jh in Holland auf. Erste Totenzettel werden bereits aus dem 17. Jh. erwähnt. Als sogenannte Bidprendtjes wurden sie im heutigen Gebiet der Niederlanden, im Raum Amsterdam, verteilt. Diese Bidprendtjes wurden, wie auch heute noch, während oder unmittelbar nach den Beerdigungsriten an die Trauergäste, die den Verstorbenen auf seinem letzten Wege begleitet hatten, übergeben.
Vorläufer dieser Totenzettel, meist handgeschrieben, gab es bereits ein Jahrhundert vorher. Zu Beginn waren es die katholische Geistlichkeit und der Adel, denen man nach deren Tod mit diesen Trauerandenken gedachte. Später wurde diese Sitte auch allgemein üblich.
Von Holland aus breitete sich der Brauch über das ganze, vornehmlich katholische Europa aus. Zuerst in den Städten, später auch auf dem Lande wurden diese Totenzettel gedruckt und verteilt. Besonders die Kriege 1866 und 1870/71 "förderten" in Deutschland, hier besonders auf dem Lande, diesen Brauch.“
In der heutigen Zeit gelten die Totenzettel eher der Erinnerung an den Verstorbenen, als der Bitte, dass der Leser für das Seelenheil des Verstorbenen beten solle.
Monate vergingen, aber Walter konnte sich von den Totenzetteln nicht trennen, es war zur Manie geworden.
Jetzt sortierte er erneut, dieses Mal nach Jahrgängen.
Dabei kam noch einer seiner Zwänge zur Anwendung. Er sortierte liebend gern, indem er eine liegende Acht legte. Dann fing er erneut an mit dem Packen, der auf dem Teil lag, an dem die Acht sich kreuzte. Dieser war doppelt so hoch wie die anderen und drohte immer zu verrutschen, deshalb suchte er mit diesem den Tisch im Wohnzimmer auf.
Nach einem weiteren Jahr sortierte er in Männer und Frauen, wobei er feststellte, dass jeweils bei den Frauen mehr zu sagen war. Zwischendurch sprachen ihn Leute aus dem Ort an, wenn er mal wieder Fischkonserven kaufte. Er war freundlich zu allen. Ließ sich aber nicht einladen und wollte auch keinen Besuch. Er habe zu tun, sagte er.
Die Möglichkeiten neu zu sortieren – in Bildchen und keine Bildchen – in Vornamen – in Blumenmotive – stiegen ins Unermessliche.
Nach drei Jahren gab es keinen Tisch, keine Truhe, keine Ablagemöglichkeit, die nicht mir Totenzetteln belegt war. Da diese bei jedem Luftzug leicht durcheinandergerieten, hatte er sie mit kleinen Steinchen beschwert. Außerdem arbeitete er jetzt mit Pinzette und Lupe. Die Gicht in den Fingern hatte zugenommen, sodass er den einen oder anderen Zettel nur mit der Pinzette anheben konnte, es galt ihn ja auch zu wenden, wofür er eine längere Pinzette benutzte. Anfänglich hatte er eine Lupe, die in der Hand zu halten war. Eines Abends kam auf dem Weg, der unterhalb des Hauses lang lief, ein Jogger vorbei, der hatte ein Stirnband mit einer Lampe auf dem Kopf. Das animierte Walter nach Adenau zu fahren und sich zu erkundigen. Jetzt hatte er Licht direkt oberhalb der Augen und eine Art Lineal, das er über die Totenzettel ziehen konnte. Nun machte es richtig Spaß und er kam viel schneller voran.
Walter lebte mit diesen Zetteln und in diesen Zetteln - man fand ihn eines Tages auf der Erde sitzend vornübergebeugt -vor dem, teilweise in dem- zweiten Koffer.
Tot lag er da auf dem Bauch, die Beine verschränkt, die Knie übereinander gekreuzt, einer acht gleichend.
Schade, dass man nie erfahren wird, wie sein Totenzettel ausfallen wird.
Sterbebildchen heißen sie bei uns. Der alte Herr hatte sich nochmal eine Lebensaufgabe geschaffen und jemand hat sich die Mühe gemacht, das alles so ausführlich aufzuschreiben.
Ich bin gerade überfordert, weil die nichtzahlenden Mitglieder jetzt sogar 5 Antworten haben. Deshalb werde ich schnell etwas raussuchen:

Das vierte Zimmer

Es befindet sich im dritten Stock eines Altbaus in Pankow.
Carla Weidemann wohnt dort seit 50 Jahren. Erst mit ihrem Mann allein, dann mit den Kindern und jetzt wieder allein. Die Mieten in der ehemaligen DDR waren niedrig und somit erschwinglich. Früher brauchte man den Platz, also eine 4 Raum-Wohnung. Jetzt ist Carla seit drei Jahren ganz allein in der Wohnung. Sie erwog umzuziehen. Doch die Neubauwohnungen oder überhaupt gut renovierte Wohnungen sind sehr teuer. Sie rechnete hin und her, ob ein Umzug sich noch rentieren würde, wenn man die Umzugskosten auf die Jahre umlegen würde, die sie noch vor sich hatte.
Sie ging sogar zum Arzt, um eine genauere Prognose aufstellen zu können, aber da kam sie auch nicht viel weiter.

Für die alten schweren Möbel bekam sie ein Umzugsangebot von 3.800.--- Euro, was ihre ganzen Berechnungen zunichte machte.
Somit wohnt sie immer noch da und wird da wohnen bleiben oder zum Pflegefall mutieren.

Die schweren Möbel stehen fast alle im Esszimmer, das große Büffet, der Vitrinenschrank und ein großer Esstisch mit 6 Stühlen, 2 gleiche (es sind insgesamt acht) stehen im Schlafzimmer. Dort befindet sich ein großer Schrank, das Ehebett, eine Frisierkommode. Dann kommt noch das Wohnzimmer mit Couch, Fernseher, einer Standuhr und dem Klavier.

Und das vierte Zimmer, um das es hier geht, führt ein Eigenleben.

Es ist quadratisch mit zwei Fenstern zur Straße hin. An einer Seite befindet sich eine Fototapete mit einem Motorradfahrer, der sich steil in die Kurve legt und mit rotem Helm auf einen zugefahren kommt. Das sind die Überbleibsel ihres Sohnes Horst. Die anderen Wände sind Raufaser weiß, teilweise auch grau. Es lohnt nicht, hier noch viel zu machen. Neben der Tür befindet sich ein Regal mit allerlei Büchern. Büchern, die vergessen wurden, also liegen blieben, bezw. von den Kindern nicht mitgenommen wurden. Auch der Atlas steht da, mehrere Bibeln, Gesangsbücher, ein Gesundheitslexikon und mehr oder weniger Ausrangiertes, das muss man so sagen, auch wenn die Bibeln dabei sind.
Unter den Fenstern steht ein Tapeziertisch – aufgeklappt und mit einer Decke verschönt.
Wenn man es nicht weiß, sieht man es nicht. Auch ein Tapeziertisch gewinnt, wenn man sich mit ihm Mühe gibt.
Carla mag das, dass sich Mühe geben und schön machen. Das vierte Zimmer sollte nicht vernachlässigt werden, es wird auch regelmäßig geputzt, dient zum Wäschetrocknen und auch für die Weinvorräte.

Carlas Freundeskreis minimiert sich zusehends. Und die Nachrichten vom Tode eines lieben Menschen haben zunehmend ein Foto von diesem zum Inhalt. So etwas schmeißt man nicht einfach weg. Aber wohin damit. Das Regal mit den ausrangierten Büchern ist aus Holz und hat oben einen kleinen Übersprung, sodass man gut mit einer Reißzwecke Papier befestigen kann. Das erste Foto rechts zeigt eine Freundin auf dem Fahrrad. Zwischen ihren Händen sitzt der große Papagei, der Fahrrad fahren liebte. Es ist ein Foto voller Lebensfreude und gut anzusehen. Unmittelbar daneben hängt das Foto eines Freundes, der schon von der Krankheit gezeichnet ist und den man nachdenklich anguckt und so geht es weiter. Ganz links und das ist die letzte Freundin, die sich verabschiedet hat, hängt ein Bild von ihr mit dem Text des Liedes. Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Die letzte Strophe beruhigt so schön und macht einen demütig.
„Das letzte Hemd hat keine Taschen,
der letzte Weg kennt kein zurück
drum suche ich, so lang ich lebe
nur etwas Liebe, etwas Glück. „

Andere meditieren, Carla widmet sich verblichenen Freunden. Doch jetzt ist die obere Reihe voll. Wenn man die zweite Reihe, also das untere Brett dazu nimmt, und so wird es kommen, sieht man die Bücher nicht mehr – was auch kein großer Verlust wäre.

Nun soll aber niemand denken, dass das vierte Zimmer zur Trauerkammer deklariert worden ist. Nein, bewahre, hier herrscht oft das pralle Leben. Carlas direkte Nachbarn, also gleiches Haus, gleiche Etage haben einen Schrebergarten. Dort trugen im vorigen Jahr alle Apfelbäume wie verrückt. Manche Zweige brachen ob der Last. Doch wohin mit den vielen Äpfeln. „Du kannst mir welche bringen, aber bitte nur einen Eimer“, sagte die erste Schwiegertochter. Die zweite sagte“ am Wochenende sind wir weg, in der Woche arbeite ich, bring bitte nur so viel, wie wir essen können.“ Andere Nachbarn sagten – wir haben schon von Müllers so viele Äpfel gekriegt und so kam es, dass Carla sich anbot, die Äpfel wenigstens zu lagern.
Der Tapeziertisch wurde wieder zum Tapeziertisch und mit Äpfeln bepflastert, 80 cm rund ums Zimmer – die Tür natürlich ausgespart - wurden ringsherum auf dem Holzfußboden Äpfel drapiert, immer schön mit dem Stil nach oben.

Und nun sprach man vom Apfelzimmer.

Einmal die Woche erschien der Nachbar zum Aussortieren. Dieses Jahr wird Carla Papier unter die Äpfel legen, denn so kurz vor Ostern lösten sich einige Äpfel sehr schnell auf, flossen sozusagen dahin…..

Im Moment steht ein Koffer im Apfelzimmer und Carla packt – sie gönnt sich einen Urlaub ganz weit weg.
Osterwoche

Wolken zementieren den Himmel
Wie Zuckerwatte am Stück.
Zuckerwatte vom Frühlingsjahrmarkt
Mit Fausthandschuhen gekauft.

Hinter den Wolken wartet der Frühling
Auf seinen Auftritt.
Vögel, Pflanzen und Menschen rufen,
doch keiner rollt den Stein weg.

Blockaden, zäh, klebrig, dehnbar,
doch undurchsichtig wie Pattex
in Minusgraden
lassen sich nicht rollen.

Warten können ist das große Geheimnis
Des Lebens.
Ostern heißt auch davon ausgehen
Dass Wünsche in Erfüllung gehen.