Ostern naht, deshalb noch eine 'Geschichte, danach höre ich wieder auf:


Das Ehepaar

Sie sind aus Holz und handgefertigt. Wir kauften sie 1993 auf einem Ostermarkt in Fürstenwalde, östlich von Berlin. Ein Osterhasenehepaar, vielleicht ist es gar kein Ehepaar, vielleicht leben sie in wilder Ehe, aber eher nicht, sie sehen so bieder aus. Sie ist stämmig, steht da, als ob sie sagen wolle, wo steht das Klavier. Dabei hat sie die Hände in einer Schürze voller Möhren. Das Gesicht ist slawisch – breite Backenknochen – Knubbelnase. Er dagegen ist schlank und lang, überragt sie um einen Kopf. Asketischer Kopf, schmale Lippen, philosophisch angehaucht. Ein Arm liegt an der Hosennaht, der andere hält einen Pinsel, der bis zu den Füßen reicht. Er hält diesen Pinsel wie man einen Spaten halten würde. Dies mit der linken Hand. Aber Linkshändigkeit ist hier keine Erklärung. Bei ihm ist ein Ohr abgeknickt und zeigt nach unten. Sie hat beide Ohren aufgestellt.

Auf diese beiden Gestalten fällt nur um Ostern rum die Aufmerksamkeit, diese aber überaus oft. Sie stehen auf dem Küchentisch, an dem gefrühstückt wird. Es ist nämlich so, dass der Mann schwankt, er steht nicht fest und kippt dann immer so, so auf sie zu, dass er an ihr Halt findet.

Der Besitzer dieser beiden, sagte, als er noch lebte, er sucht zärtlich ihre Nähe, doch sie merkt es nicht.

Die Besitzerin sprach, sie fängt ihn auf, sie stützt ihn, und er nutzt das aus.

Zahlreiche Worte ließen sich finden – es ging hin und her – doch schließlich fragte man sich, warum ist das so? Er stand links von ihr – anfänglich, nun ließ man sie links von ihm stehen,
doch wieder schwankte er und kippte jetzt zur anderen Seite. Er kippte nie nach vorn, oder nach hinten, sondern immer seitlich zärtlich zu ihr hin.

Holz ist ja nicht magnetisch – also blieb die Erklärung offen.

Jahre vergingen, das Pärchen fristet sein Dasein in einem Pappkarton, auf dem Ostern steht.
Der Pappkarton macht jeden Umzug mit und so kommt es, dass die beiden wieder auf dem Küchentisch stehen.
Doch inzwischen ist es eine andere Stadt, eine andere Wohnung, ein anderer Tisch und ein anderer Mann, der zu rätseln beginnt.
Dieser neue Mann meinte, es liegt an den Kerzen, die nur auf einer Seite der beiden brennen. Gut, sprach die Hausfrau, wir stellen die Kerzen jetzt auf die andere Seite. Jetzt wird der Osterhasenmann wieder aufgerichtet und die am Tisch Sitzenden wagen kaum zu atmen, geschweige denn in ein Brötchen zu beißen.
Sechs Minuten klösterlicher Stille folgen – und dann fängt er an zu zittern, also im ganzen, er ist ja aus Holz, man sieht ihn vibrieren und hofft, hofft wirklich inständig, zumindest die Besitzerin hofft das, dass er einmal, nur einmal und gerade jetzt bei diesem neuen Mann, in irgendeine andere Richtung fällt.

Aber nein, er neigt sich sanft zu ihr hin und findet Halt. Nun es ist ein simpler Akt, ein Geschehen, doch lässt es, wenn man denn so möchte, tief blicken, soziologisch, ethnologisch und so. …..
Die Dame des Hauses ist fest entschlossen, spätestens zu Pfingsten eine Lösung für das nächste Osterfest gefunden zu haben. Sie denkt an Blei, dass man ihm unter die Füße klebt,
oder vielleicht kleine Bleikügelchen, die ihm das Rollen ermöglichen und wenn er dann zu ihr hinrollt, dann ist es gut, dann soll es wohl so sein.


(ich wollte ein Foto einfügen, aber es ist mir leider nicht gelungen)
Was man im Urlaub so erlebt

Beim Inder in der Bleibtreustraße kann man nicht nur gut und preiswert essen, sondern auch immer nette interessante Menschen kennen lernen.
Vorausgesetzt ist natürlich, dass man in Berlin ist und dass Sommer herrscht.
Lange Tische mit Bänken vor dem Lokal geben dazu Anlass.

Ich muss ihnen mal ein Kompliment machen, sagt die Dame schräg gegenüber, ihr Oberteil sieht bezaubernd aus. Ach, das ist schon alt, aber hier kann ich es eben tragen erwidere ich.
Ja, es ist etwas zeitlos Schönes….kommt als Antwort.

Der Himmel bewölkt, es droht ein Regenguss. Mir ist das ziemlich egal sage ich, ich hab`s nicht weit, gleich um die Ecke.
Ist das eine gute Gegend zum Wohnen, wird gefragt. Ich glaube schon, aber so richtig kann ich das nicht beurteilen, ich bin zur für 14 Tage hier um einen Kater zu versorgen.
Ach, sagt die Dame gegenüber, das ist ja putzig. Ich passe auch nur auf eine Wohnung auf, eine Riesenwohnung, Altbau 230 qm im 2. Stock, allerdings mit Fahrstuhl und stellen sie sich mal vor, jetzt stirbt ganz plötzlich die Schwester des Wohnungsinhabers, gerade mal 6l.
Jetzt, wo ich mich gerade etwas eingelebt habe, muss das passieren. Dann kommen die wahrscheinlich alle zurück, die müssen sich ja um die Beerdigung kümmern, geht ja gar nicht anders, die Schwester war alleinstehend. Ja, sie staunen – es ist natürlich makaber – dass ich jetzt um meinen Urlaub fürchte, aber ich kannte die Schwester nicht, es tut mir leid, klar, man ist ja schließlich kein Unmensch, auch wenn uns Rheinländern immer eine gewisse Leichtigkeit nachgesagt wird…..

Kann ich mich hier noch hinsetzen, fragt ein erneuter Gast, ebenfalls eine Dame, die aber nur darauf wartet, ihre Bestellung mitzunehmen. Sie hat Teile des Gesprächs mitbekommen und sagt nun, dass sie sich in diesem Stadtteil sehr wohl fühle – vorher habe sie im Prenzlauer Berg gewohnt, aber das sei nichts gewesen. Zu laut, zu viele Neureiche, die glauben alles dominieren zu können usw. usw. Auch sie hatte Urlaub – arbeitet an der Uni – und versprach an den kommenden Abenden noch einmal vorbei zu kommen und dann auch vor Ort essen zu wollen.

So geschah es denn auch. Die Dame mit der 230qm Wohnung konnte aufatmen. Wegen wichtiger Verwandtschaft in den USA, die nicht sofort fliegen konnte, wurde die Beerdigung um 14 Tage verschoben, was auch dem Wohnungsinhaber sehr entgegenkam. Denn auch dieser mit Familie hatte nicht vor, seinen Urlaub zu verkürzen, also nicht wirklich - wie gesagt, die Amerikaner halfen ihm aus der Patsche.
Die andere Dame, die von der Uni, bestellte für uns drei so etwas wie Yogi-Tee, also irgendeinen Tee mit Milch darinnen, ich trank nur aus Höflichkeit und versuchte meinen Ekel zu verbergen. Um eine Wiederholung auszuschließen bestellte ich danach sofort ein Hefe-Weizenbier, was dann diesen Geschmack des Tees endgültig auslöschte.
Nun schüttelten sich die beiden anderen wohl, denn sie blieben bei Tee.
Viele philosophische Gespräche folgten – die hier aber langweilen würden. Es sei noch erwähnt, dass beide Damen promoviert hatten, was ich mit einer längeren Lebenserfahrung aber wettmachen konnte.
Auch soll nicht unerwähnt bleiben, dass dort auch Herren verkehrten und mancher Abend ganz anders verlief.
@Ashoggi,
danke für die mit großer Aufmerksamkeit beobachtete Geschichte. Ich beschäftige mich gerade intensiv mit Dialogen. Und hier fällt mir ganz besonders auf, dass Du den narrativen Dialog Deiner Figuren bevorzugst. Sie geraten in der Szene in keinen Konflikt.

Felix
@Ashoggi,
Die Bleibtreustraße -,
unzählige Male habe ich mich dort aufgehalten, wenn ich meine Enkel von der Schule abgeholt habe!
Dein Text hat mir außerordentlich gut gefallen.
Das sind so die typischen Gespräche, wenn man in eine Unterhaltung mit anderen Gästen gerät: machmal sehr offen und mit überraschenden Wendungen.
Ein Glück, dass bei keinem die Urlaubspläne durch die Tote gestört wurden.
Da war ein feiner Spott aus deinen Worten zu hören!
Danke für Euren Zuspruch und noch eine Geschichte aus der Bleibtreustraße:

Die Sache mit der Morgenpost

Es betrug sich außerhalb eines indischen Lokals in Berlin, das lange Tische mit Bänken vor der Tür stehen hat, dass an einem Tisch nur ein einzelner Mann saß, der die Zeitung las.

Es war noch recht früh am Abend und ich hatte Hunger. Der Nachbartisch war, was ganz außergewöhnlich ist, in einem indischen Lokal, von Polen besetzt. Nicht ausgelastet, also nicht vollbesetzt, denn es waren nur drei Männer, aber keiner setzte sich begreiflicherweise dazu, denn es ging sehr turbulent zu. Der eine, ein noch recht junger Mann, stark wie ein Bär, telefonierte ständig und das sehr lautstark - ein anderer auch jung, rief jeweils dazwischen und der Dritte, schon etwas älter und mit angehender Glatze versuchte zu beschwichtigen.

Etwas irritiert aber scharf auf das indische preiswerte Essen fragte ich den Zeitungsleser, ob ich mich dazu setzen könne. Ich war gespannt, wie das hier ausgehen würde, denn die indischen Besitzer, sanft mit großen dunklen Augen, würden ganz bestimmt nichts sagen.
Nun stand der Zeitungsleser auf und ging auf den anderen Tisch zu und bat höflich, doch etwas leiser zu telefonieren. Daraufhin kam auf Deutsch die Antwort, wir telefonieren doch mit der Heimat, mit zuhause, so als ob man wegen der Entfernung einfach lauter reden müsse.

Wie auch immer, es kam noch ein weiterer Pole hinzu, der den Telefonierenden mitnahm und schon war das Problem gelöst.

Der Zeitungsmensch las zu Ende und ließ die Zeitung liegen. Da ich die Morgenpost schon am Morgen gekauft und gelesen hatte, ergab sich für mich kein Interesse. Da kam ein Mann mit Hund und fragte, ob er die Zeitung haben könne. Er setzte sich auch gleich dazu und fing an zu lesen. Eine junge Inderin, fast noch ein Kind, nahm die Bestellung auf und brachte einen Napf mit Wasser für den Hund.

Da der Herr die ganze Zeit las, ist wenig über ihn zu sagen, außer dass er auch während des Essens las, was wirklich schädlich ist. Ich hielt mich aber zurück und gab keine guten Ratschläge.

Nach einer Weile wurde der Platz wieder frei, und die Zeitung blieb liegen. Ca. 30 Minuten gab es niemanden, der nach ihr fragte. Da kam ein ganz junger Mann, er fragte sofort, ob die Zeitung sozusagen frei sei, als ich das bejahte nahm er sie und ging ins Lokal hinein. Anscheinend brauchte er mehr Ruhe um zu lesen.

Als ich anschließend zur Toilette ging, sah ich, dass die Morgenpost inzwischen an einem anderen Tisch, an dem einer alten Dame, die schrieb, gelandet war.
Diese jedoch schrieb weiter, hatte aber ihre Serviette sozusagen Besitz ergreifend auf der Morgenpost liegen.

Vielleicht hat sie sie mit nachhause genommen – wer weiß, und damit ist die Geschichte aus.
@ashoggi,
Du hast es gut. Deine Ausflüge sind das reinste Kinoprogramm: beste Unterhaltung. Sich das Leben schön machen im Hier und Jetzt.
Danke
Felix
Du erzählst locker und amüsant!
Gefällt mir!
hier noch etwas aus Berlin:

35 Grad im Schatten

Frau Flöter – Frühaufsteherin – befand sich für fünf Tage in Berlin. Dort hatte sie Verwandtschaft und Verpflichtungen. Ihren Hausfreund hatte sie zuhause gelassen, weil der sich dann bei der ihm nicht bekannten Verwandtschaft gelangweilt hätte, und weil bei solchen Anlässen doch immer von früher gesprochen wird, hätte er auch nicht mitreden können.
Also blieb er lieber zuhause.
Herr Kundwitz – auch Frühaufsteher legte aber Wert darauf, dass sie morgens in aller Frühe telefonierten. Und so sagte Frau Flöter dann, heute sei sie bei ihrer Cousine, aber erst um 11 Uhr, eher sei es dieser nicht recht. Wahrscheinlich sagte sie das auch mit Bedauern in der Stimme, denn Herr Kundwitz antwortete gleich, dann könntest Du ja das Grab von Mitwisser besuchen, der liegt auf dem Heerfriedhof. Frau Flöter guckte auf die Uhr, es war erst zwanzig nach sieben und sagte, ja, das mache ich, gute Idee.

Nun war es der Sommer 2010 und in Berlin herrschten schon am Morgen 33 Grad. Frau Flöter, die sich in Berlin gut auskannte, also allgemein, nicht unbedingt jeden Friedhof betreffend, machte sich auf den Weg zur Heerstraße, fest davon ausgehend, dass der Heerfriedhof dort liegen müsse.
Sie stieg aus der U-Bahn aus und sprach andere Berliner an. Der Berliner als solcher ist sehr hilfsbereit und gesprächig. Aber den Heerfriedhof kannte keiner. Natürlich waren zu dieser Tageszeit – es war jetzt kurz nach 8 noch keine Rentner unterwegs, die sicher besser Bescheid gewusst hätten. Also Frau Flöter bekam keine Auskunft und ging auf einen Bus zu, der Fahrer sagte, steigen sie ein, ich nehme sie mit und sage ihnen wo sie aussteigen müssen, da finden sie dann den Heerfriedhof. Erleichtert betrachtete Frau Flöter ihren Fahrschein, der noch galt und setzte sich so, dass der Busfahrer sie sehen konnte. Dann stieg sie auf Anraten des Busfahrers aus, der sie mit den Worten, sie müssen dann noch mal jemanden fragen, aus dem Bus entließ.
Man muss wissen, dass die Heerstraße sehr lang ist und Frau Flöter befand sich jetzt in einer fast unbewohnten Gegend, was ja für das Dasein eines Friedhofes sprach. Aber wen sollte sie hier fragen.
In der Ferne sah sie eine Tankstelle, also nichts wie hin, schließlich musste sie um 11 bei ihrer Cousine sein. Der Mann an der Tankstelle rief seine Frau und die sagte dann, da sind sie viel zu weit – da müssen sie mit der U-Bahn wieder zwei Haltestellen zurück. Olympia-Stadion da müssen sie raus und dann noch mal fragen. Frau Flöter kaufte noch eine Flasche Wasser und bedankte sich. Die erste Flasche Wasser war schon ausgetrunken.
Endlich Olympia-Stadion – eine zu diesem Zeitpunkt völlig verwaiste Station, an der außer ihr nur noch eine Dame mit Badetasche ausstieg. Beide betraten die breite Brücke – alles menschenleer. Frau Flöter fragte, kennen sie den Heerfriedhof? –„ fragen sie mich was Leichteres „sagte die Unbekannte lächelnd, ich fahre hier nur zum Baden hin.
Am Ende der Brücke parkte ein offener Wagen, also ein Cabriolet mit einem auf dem Kopf gegelten Fahrer am Steuer, der ziemlich laut die Musik spielen ließ. „Den werde ich fragen“, sagte Frau Flöter, „na der wird det ooch nich wissen“, sprach die Dame, die nur baden wollte.

Aber der war höflich, machte sofort sein Radio ganz leise und hörte Frau Flöter zu. Ja, sagte er, ganz kenne ich mich hier nicht aus, aber dahinten, da, wo sie schon eine Tanne sehen, da liegt ein Friedhof, das könnte er sein. Ich weiß allerdings nicht wie der heißt.

Inzwischen war das Thermometer auf 35 Grad gestiegen, die Erde brannte still vor sich hin und Frau Flöter ging diesen langen Weg mitten in der Sonne bis zum Eingang des Friedhofes. Dann saß sie im Friedhofsbüro, wo ihr gleich Wasser angeboten wurde und man eine Skizze zeichnete, oder besser gesagt den Weg in einen vorhandenen Vordruck einzeichnete, damit sie das Grab von Mitwisser finden konnte.

„Das zieht sich hin“, sagte die Sekretärin“ da laufen sie noch ne halbe Stunde.“

Und das stimmte – aber es war fast überall schattig und so ließ es sich gut gehen. Kein Besucher auf dem ganzen Friedhof, der wunderbar angelegt ist, mit kleinen Teichen und Plätzen zum Sitzen – ein Park. Angestellte mit Schläuchen, die Gräber wässerten, begegneten ihr, sonst niemand.

Sie fand das Feld, auf dem Mitwisser lag. Aber dieses Feld war dann noch in Buchstaben eingeteilt und die Buchstaben in Zahlen. Komplizierte Sache und dann immer der Blick auf die Uhr, um 11 wartete die Cousine.
Da sah Frau Flöter einen Mann, der mit gesenktem Kopf vor einem Grab stand. Sie wartete ab, bis der Mann sich bewegte, ging hin und sprach ihn an. Zeigte den Zettel und bat um Hilfe. „Aber sicher doch“ sagte der Mann, „den finden wir schon – ich kenne mich hier aus.“

Und der Mann sagte, „rechts -wir müssen rechts gehen, da hinten ist das B“. Auf dem Weg dorthin bot Frau Flöter ihm ihre Wasserflasche an, aus der er in großen Schlucken trank.
Und Frau Flöter erzählte, dass Mitwisser ein ganz Großer gewesen sei, ein Philosoph und Menschenfreund. „Nie was von gehört“, sagte der Mann. Frau Flöter sagte ihm, sie sei zu Besuch hier und käme aus einem Dorf in der Nähe von Hildesheim. „ Ach, sagte der Mann, ich bin aus Algermissen, das kennen sie doch sicher“ und beide mussten lachen, trotz der vielen Gräber ringsherum.

Und dann war man bei B angelangt. Jetzt musste man nur noch die 26 finden. Man schritt die Reihen ab und dann hatte sie der Mann aus Algermissen zuerst – leise rief er-„ ich hab’s – ich hab’s.“ Und dann standen beide mit gefalteten Händen dort, obwohl beide den Hans Mitwisser nicht kannten. Frau Flöter wusste nur, dass ihr Hausfreund ihn verehrte und hatte so wenigstens noch einen Bezug. Doch der Mann aus Algermissen schien ebenfalls sehr andächtig und er sagte dann, „na vor so `nem Großen muss man doch Achtung bezeugen.“

Beide gingen dann dem Ausgang zu, der nicht der Eingang war, das war auch nur möglich, weil der Mann sich auskannte.
Verschwitzt aber zufrieden erreichte Frau Flöter um fünf nach 11 das Haus ihrer Cousine.
Und damit ist die Geschichte zu Ende.
ashoggi,das sind schöne Geschichten in die an eintaucht und sie im inneren Auge sehen kann .
noch eine Sommergeschichte:

Wenn ich ihn wiedersehe, schenk ich’s ihm

Elvira saß im ICE nach Köln, sie hatte vor, sich dort vorzustellen, um in ihre Zukunft zu investieren. Sicherlich ist Elvira statistisch gesehen alt, aber es war ihr klar, dass es immer eine Zukunft gibt, die verbesserungsfähig sein könnte.

Vertieft in ein Buch schrak sie auf, weil plötzlich jemand sagte, ist der Platz neben ihnen noch frei –
reine Höflichkeit, denn jeder Mensch sieht ja, dass dort niemand sitzt.
Elvira bejahte und es setzte sich ein Mann in mittleren Jahren, der sogleich fragte, fahren sie auch nach Frankfurt zum Flughafen. Nein, sagte Elvira und sah den Herrn an. Dieser war außerordentlich gesprächsbereit und man unterhielt sich bis Köln auf das Vielseitigste und Beste.
Der Herr flog von Frankfurt aus nach Nanping, weil er in Nanchang als Dozent für englische Sprache an der Hochschule arbeitete.
Die beiden Orte konnte sich Elvira nur deshalb merken, weil eine ihrer Enkeltöchter Nantje heißt.
Also wie gesagt, dieser Herr lebte in China und kam nur während der langen Semesterferien nach Deutschland, wo er in Bielefeld noch halbwegs durch Freunde zuhause war. . Ursprünglich aber kam die Familie aus dem Osten, der Vater aus Königsberg und die Mutter aus Posen. Nach dem Krieg hatten sie in Treuenbriezen gewohnt, er erzählte das so, ohne im Entferntesten zu erwarten , dass Treuenbriezen auch für Elvira eine gewisse Bedeutung erlangt hatte.
Man unterhielt sich wirklich blendend – auch Elvira betonte ihre Abstammung aus dem Osten und eine eigenartige Verbundenheit schwebte auf diesem kleinen Raum, über diesen zwei Sesseln im ICE.
Der Herr sprach von dem Aufschwung in China und wie bald der Flughafen Nanping auch in Europa an Bedeutung zunehmen würde und er machte sich auch um Elvira Sorgen, die ja nun in Europa – genauer gesagt in Deutschland zurückbleiben musste. Er sagte, bei jedem Sommerurlaub würde er wieder erneute Krebsfälle im Bekanntenkreis mitgeteilt bekommen, das gäbe es in dieser Vielzahl in China überhaupt nicht.
Er bat Elvira viel Reis zu essen, auf sich aufzupassen und sich von den Chinesen viel abzusehen, auch was den Lebensstil anbelangt.
Elvira war in Gedanken immer mit Treuenbriezen beschäftigt. Nicht nur deshalb, weil sie es kannte, sondern auch deshalb weil sie meinte einmal einen alten Bierflaschenverschluß ausgegraben zu haben, der aus Treuenbriezen stammte.
Da sie sich nicht sicher war, aber in erster Linie deshalb, weil der Redefluß ihres Reisepartners das nicht zuließ, sagte sie nichts. Man verabschiedete sich auf das Allerherzlichste – Elvira schreibt diese Geschichte, in der Hoffnung diesem Herrn noch einmal zu begegnen – oft sieht man sich ja zweimal im Leben.
Köln nahm Elvira total in Anspruch, es ging Schlag auf Schlag und man war wieder in einer anderen Welt. Auf der Rückfahrt dachte Elvira erneut an Treuenbriezen, damals, als sie mit ihrem Mann in Berlin lebend, ein großes Loch ausschachtete, um dort einen Gartenteich anzulegen, hatte sie alle Funde aufgehoben und sie hatte trotz mehrerer Umzüge die Schublade im Kopf, in denen diese lagen. Tatsächlich fand sie das verrostete Ding, doch der Porzellankopf ist gut erhalten und hat die Aufschrift „B.Gärtner, Treuenbrietzen.“

Mit tz. Vermutlich schrieb man es früher so, oder es ist ein Flüchtigkeitsfehler.
Flüchtigkeitsfehler ist eigentlich ein Wort, was klar zur Rechtschreibung gehört.
Aber hat es nicht auch im Leben Bedeutung ? Was sind denn Flüchtigkeitsfehler, wenn man das Wort mal richtig betrachtet.
Flimmernde Hitze
Pieksende Strohhalme
Frösche in Kuhstapfen,
Störche auf den Koppeln,
Libellen, die sich im Haar verfangen,
eiternde Mückenstiche…..

Die Luft riecht nach Chlor,
Ammoniak quillt aus dem Pferdestall,
trächtige Hündinnen,
Eier im Gelege,
Streusel auf dem Kuchen,
stibitzen in der Speisekammer….

Der Zug fährt 7.02
Vier Fahrschüler,
geflochtene Handarbeitskörbchen,
Feldblumensträuße für Oma,
Angst vor dem Puter, der angreift,
Pferde, die durchgehen…

Volksempfänger
und verbotene Sender,
Ratten in der Futterkammer,
Dreschflegel, die hämmern,
Schlossgeister,
Spukgeschichten……

Eine Kindheit in Schlesien,
das war meine Heimat,
sie existiert nicht mehr.

Heute fahre ich nach Polen
Viva la vita…
Weihnachten 1950 oder eine neue Heimat.

Mein Vater, der zum Jahresanfang 1950 aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, fand seinerzeit in dem Neubau der Firma Carl Schmidt und Sohn in der Arnekenstraße eine Wohnung.
So kamen meine Mutter, mein Bruder und ich am 1. Mai 1950 aus der Schweiz nach Hildesheim.
Der erste Eindruck war erschreckend. Die Stadt lag noch in Trümmern, sodass meine Mutter, die kaum Orientierungssinn hatte, sich dauernd verlief.

Die Prachtstraße, also der „Boulevard“ befand sich damals an der Zingel, wo in Baracken einige Hildesheimer Geschäfte eröffnet hatten. Erinnern kann ich mich nur an die Firma Günther und Fahrrad-Tacke.

Gegenüber der Jakobikirche befand sich der Peemöllersche Bau mit der Passage. Das war der Grundstein zur heutigen Fußgängerzone – keine Frage. Das Wort gab es damals noch nicht und wie gesagt – die Stadt lag noch in Trümmern.

In der Almsstraße 10 befand sich links von der Passage der Laden der Firma Peemöller, rechts davon hatte die Firma Düwel ein Geschäft eröffnet. In der Passage selbst gab es einen Lederwarenhandel und auch noch anderes, was ich aber nicht mehr erinnere und ganz rechts hinten hatte Ernst Wasshausen einen Spielsalon gegründet.

Ich fing bei der Firma Düwel an und habe diese Zeit in sehr guter Erinnerung. Dort galt ich als zuverlässig und korrekt.

So kam es, dass am 23.12.50 Herr Peemöller im Laden erschien und mich fragte, ob ich nicht am Heiligen Abend alle Lichter ausmachen könne.

Es ging um die Schaufensterbeleuchtung. Heute kann man sich das wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen. Von Zeitschaltuhren, Elektronik usw. hatte man noch keinen Schimmer. Und man kann sich auch nicht vorstellen, dass dort sonst nichts war. Diese Beleuchtung war das High-Light Hildesheims.
Da ich in der Arnekenstraße wohnte, war der Weg dorthin kein Problem und ich sagte zu.
Herr Peemöller zeigte mir dann noch die ganzen Schalter, eine Art Sicherungskasten befand sich gleich hinter der Eingangstür. Unter den Schaltern befanden sich Täfelchen mit den Namen der dazugehörigen Läden, sodass ich keine Sorge hatte, der Sache gewachsen zu sein.

Ich bekam den Schlüssel so einfach blank, also ohne Etui oder Schlüsselanhänger und steckte ihn in die Manteltasche. Dort blieb er – auch weil man nur einen Mantel hatte - bis zum Kirchgang. Wir gingen am Heiligen Abend in die Michaeliskirche.
Ich kann mich an diesen Abend in der Kirche ganz genau erinnern, es war das erste Mal nach elf schweren Jahren, dass wir als komplette Familie zusammen waren. Ohne darüber zu sprechen genossen wir es wohl alle, jeder auf seine Weise.

Es hatte schon vor Weihnachten geschneit. Der Ehrlicher Park lag unter einer Schneedecke und auch die Stadt strahlte weiß, da nur wenige Autos vorhanden waren. Ich nehme an, dass die Burgstraße noch in Schutt und Asche lag, denn der Hagentorwall war der Heimweg für die meisten Kirchgänger. Dort war der Schnee schon runter getreten, und es war ziemlich glatt.
Mein Bruder und ich schlitterten. Mein Vater hatte meine Mutter untergehakt, ein Bild, das für uns neu war.
In der Arnekenstraße angekommen, sagte ich, dass ich noch schnell die Lichter ausmachen muss und dann gleich nach oben komme.
Doch schon in der Passage merkte ich, dass der Schlüssel nicht mehr da war. Meine Taschen waren leer. Ich hoffte auf ein Loch in der Manteltasche und der Möglichkeit, dass der Schlüssel ins Futter gerutscht sei, aber da war nichts. Nirgendwo war etwas. Also ging ich zurück und ließ mir helfen.
Mein Bruder gab mir meine Taschenlampe, er nahm seine und begleitete mich. Taschenlampen hatten wir alle, denn die Straßen hatten noch keine Beleuchtung, zuhause fiel oft der Strom aus und überhaupt ohne Taschenlampe auf dem Nachttisch schlief man nicht ein.

So suchten wir den Heimweg im Schnee ab. Es war bitterkalt und dunkel. Ich heulte und malte mir die Folgen aus.
Leute blieben stehen. Ein gerade 18 Jahre alt gewordenes Mädchen, das am Heiligen Abend laut schluchzte, rührte jeden, und so kam es, dass mindestens 12 Menschen einen kleinen Schlüssel suchten. Mein Bruder war der festen Meinung, dass beim Schlittern, das wir mit Schwung betrieben hatten, der Schlüssel raus gefallen sein musste. Alles war glatt getreten und glitzerte im Frost.
Jetzt aber war es gut, dass noch so viele Menschen unterwegs waren und so kam es, dass zig kleine Taschenlampenscheinwerfer den Boden absuchten.

Und dann plötzlich schimmerte etwas silbern vor mir, ausgerechnet vor mir und ich fasste das letzte Schlüsselstück, also die Spitze des Schlüssels, alles andere war bereits unter dem Schnee verschwunden.
Laut schrie ich - ich hab ihn.
Ein Aufatmen ging durch die ganze Menge. Einträchtig und vor Glück berstend, gingen wir alle miteinander in Richtung Stadt.
Ich bedankte mich, meine Zähne klapperten vor Kälte und Aufregung.
Den eiskalten Schlüssel trug ich fest in meiner ebenso kalten Hand – Handschuhe hatten wir noch nicht.
Mein Bruder wollte den glücklichen Ausgang sofort den Eltern mitteilen und ließ mich allein.

Aber das machte nichts. Ich ging zügig durch die Passage und auf die Peemöllersche Seitentür zu. Der Schlüssel passte, energisch schloss ich auch den Sicherungskasten auf und dann schaltete ich das Licht aus, vorsichtig und nacheinander in jedem Laden.

Stockfinstere Nacht umgab mich – ich genoss es und seitdem weiß ich, dass auch Finsternis sehr schön sein kann.
Der Sylvesterlauf
Hugo Schneider ist in erster Linie Sportler und dann erst Hausmeister und das an der Fachhochschule für Sozialwesen.
Er ist mittelgroß, kräftig und hat blaue Augen. Meistens trägt er eine Mütze. Beim Training ist es eine aus Wolle oder eine mit Schirm; bei der Arbeit und da auf jeden Fall, wenn er im Heizungskeller zu tun hat, einen undefinierbaren Filzhut.
Wer Hugo gut kennt, weiß. dass er eine Glatze hat, hinten von Ohr zu Ohr durch einen grauen Haarkranz gemildert. Hugo ist Läufer, begeisterter Läufer, erfolgreicher Läufer und Läufer unter erschwerten Bedingungen. Er trainiert alle Disziplinen. Den 100-Meter Lauf hat er aus Altersgründen aufgegeben. Er verliert zu viel Zeit beim Start. Ansonsten läuft er alles, die 200m, 400m und auch noch die 5000 m.
Ich kenne ihn schon sehr sehr lange, dennoch habe ich noch nie ein persönliches Wort mit ihm gewechselt, also eins, was über den Sport hinausginge.
Hugo lebt ohne Frau und ohne Hund. Kaum zu erwarten, dass er je verheiratet war. Seine berufliche Funktion füllt ihn ebenfalls ganz aus. Er liebt saubere Fußböden, gutriechende WC’s und lautlos gleitende Fensterflügel.
Der Heizungskeller ist seine Höhle und sein Heiligtum zugleich. Dort hängen seine blaugrauen Kittel und dort steht die Aktentasche mit der Thermosflasche und den Butterbroten. Die Aktentasche gehört ebenso zu ihm, wie die zahlreichen Kopfbedeckungen. Seine Einkäufe werden nie mit Stoffbeuteln, oder gar Plastiktüten getätigt, nein, alles kommt in die Aktentasche.
Hugo kennt sich in Läuferkreisen aus. Er weiß, was Meyer anno 94 bei den Trimmspielen lief und dass Hofmann Meyer anno 98 abhängte. Das ist seine Welt und in der hat er ein fabelhaftes Gedächtnis. Dieses sportgeschichtliche Wissen und sein Ehrgeiz zeichnen ihn aus. Hugo trainiert überwiegend in den Hängen des Ith aber auch an der Innerste kann man ihn laufen sehen. Dort läuft er mit Bleiweste - Tag für Tag hält er sich fit. Fast jede Woche nimmt er an Veranstaltungen teil und fährt dorthin bis zu 250 km. Da läuft er dann ohne Weste und das gibt ihm das Gefühl, leicht wie ein Vogel zu sein.
Wenn der Startschuss fällt, hebt er ab, sein ganzer Körper drückt Glücksgefühle aus.
Lange, sehr lange Zeit war ich fern der Heimat und verlor ihn aus den Augen - wer aber heute wissen will, wer wie und wie schnell läuft, der muss am letzten Tag des Jahres zum Marktplatz gehen. Dort endet der Sylvesterlauf.
Aus dem Lautsprecher tönt: “Und jetzt Applaus für Hugo, der mit 82 Jahren der älteste Teilnehmer ist und ins Ziel einläuft.“
Vier Grad Kälte, Ostwind, Schneetreiben und Glatteis - trotzdem wird mir warm ums
Herz - Hugo läuft noch !!!
damit ist das Leben für mich in Ordnung.
Osterwoche

Wolken zementieren den Himmel
Wie Zuckerwatte am Stück.
Zuckerwatte vom Frühlingsjahrmarkt
Mit Fausthandschuhen gekauft.

Hinter den Wolken wartet der Frühling
Auf seinen Auftritt.
Vögel, Pflanzen und Menschen rufen,
doch keiner rollt den Stein weg.

Blockaden, zäh, klebrig, dehnbar,
doch undurchsichtig wie Pattex
in Minusgraden
lassen sich nicht rollen.

Warten können ist das große Geheimnis
Des Lebens.
Ostern heißt auch davon ausgehen
Dass Wünsche in Erfüllung gehen.
Es hilft der Mensch stets, wenn er kann :wink:

Das habt ihr Leuts ganz falsch verstanden
warum's derzeit in unseren Landen
so selten noch gibt's Klopapier
Ich weiß es und will's gern euch sagen
dann braucht ihr euch nicht mehr zu plagen
mit seltsam ungeklärten Fragen:
Es ist die Rolle, die inwendig
liegt. Und da sie leicht und händig
bevorzugt als Infektschutz dient
Gestreift um einer Türe Klinke
Corona nun in Pappe sinke
gefahrlos man den Griff dann senkt
die Rolle dem Papierkorb schenkt
Hochgerechnet wird nun klar
Klorollen bannen die Gefahr
Drum reißen sich wie wild dieLeute
um die heißbegehrte Beute


Zum Schluss erstaunt nun fragen wir
Was geschieht mit dem Papier?