"War das mein Leben? Wann ist die rechte Zeit, sich diese Frage zu stellen? Mit 20, mit 30, mit 40, in der Lebensmitte, später? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass es zu spät sein kann. Ein Abendessen mit Freunden, anschließend fahren wir nach Hause, ein Unfall, und das kann es dann gewesen sein. Gibt es das wirklich nur im Kino? Bei manchen Menschen hört einfach das Herz zu schlagen auf und das große Rennen ist auf einmal für sie vorbei. Meist schieben wir die Frage auf, weil wir Wichtigeres zu tun haben, zumindest Dringenderes. Die Versuchung, die Frage zu verdrängen, bis es zu spät ist, ist sehr groß. Es ist wie in einer Beziehung, wo wir die vielen kleinen Signale unseres Partners erst überhaupt nicht wahrnehmen und sie selbst dann, wenn sie unübersehbar geworden sind, ignorieren. Bis der Partner uns mitteilt, dass es aus ist. Dann überkommt uns Panik, wir sind bereit, alles zu tun, nur ist es dafür zu spät. Eine Chance ist vergeben. In der Partnerschaft bekommen wir vielleicht eine neue Möglichkeit. Unser Leben haben wir jedoch nur einmal. Es gibt keinen Plan B. Ist unsere Zeit abgelaufen, gibt es keine Chance mehr, es das nächste Mal besser zu machen, rechtzeitig hinzuhören...."

Aus dem Buch "Meine letzte Stunde" von Andreas Salcher

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Vermutlich wurde dieses Thema hier schon mehrfach diskutiert. Zumindest mir geht es aber so, dass ich zwar bestimmte Erkenntnisse und Einsichten gewonnen habe die auch von großer Bedeutung für mein Leben sind, die ich aber im Alltag mit seinen vielen Aufgaben immer wieder aus dem Blick verliere. Dazu gehört, dass das Leben endlich ist und man das, was einem wichtig ist, nicht unbegrenzt auf "später" verschieben kann. Und dass es für Vieles zu spät sein kann, das merkt man nicht erst am Ende des eigenen Lebens, das wird einem schon klar, wenn z.B. die alten Eltern sterben oder überhaupt Menschen, für die man sich zu wenig Zeit nimmt, weil andere Dinge immer wichtiger erscheinen. Für mich war dieses Buch jedenfalls ein Anlass, wieder einmal meine Prioritäten zu überdenken und neu zu ordnen. Ich hoffe, es gelingt mir nun wieder für einige Zeit, dies auch so zu leben.

Marcella.
Na ja.....ich hab den Text gelesen und darüber nachgedacht in Bezug auf mich selbst.

Solche Gedanken habe ich mir nie gemacht. Ich habe einfach gelebt, immer situationsbedingt reagiert nach den Vorgaben meiner lebensklugen Großmutter, die mir Respekt vor allem Lebendigen vorgelebt hat, Gradlinigkeit, aber auch Lebenslust. Ich bereue nichts in meinem Leben - vielleicht deshalb.
Nur das die Zeit einen lehrt, dass man dies und jenes jetzt nicht mehr machen kann, das habe ich schon sehr früh begriffen. Deshalb habe ich verpassten Gelegenheiten nie nachgeweint, sondern mich immer nach vorn orientiert.
Man hat nur dieses eine, für jeden von uns einzigartige Leben. Aber es ist begrenzt und bei allen guten Vorsätzen - es passt nicht alles hinein, was die Welt so zu bieten hat.
Ich gebe zu, ich kann uneingeschränkt mich den Ängsten hingeben, die meine Frage letztendlich doch nicht beantworten können, "Wie werde ich (ver)enden?"
Das kommt vielleicht automatisch mit dem Alter, wenn man schon so viele sterben sah oder nahe Angehörige verloren hat. Angehörige, die sehr alt geworden sind - und dennoch!
Irgend wann verschwindet die Genration vor mir und es wird einem schmerzlich bewusst, dass man sich zumindest mit dem Gedanken befreunden sollte...
Nur all zu oft daran denken macht die Sache nicht leichter. Also tief Luft holen und es geht weiter, nicht wahr.
Allen drei Damen,
meinen höchsten Respekt für diese beispiellosen Einträge!

buscador Bild
Ich musste mich mit dieser Frage auseinander setzen und wurde auch gefragt am Ende eines Lebens, welchen Sinn das denn jetzt gehabt habe und was bleibt.
Es war sehr schwer für mich, diese Fragen zu beantworten, ohne respektlos in Allgemeinplätze zu verfallen.
Eigentlich ist es unmöglich, diese Frage jemand anders zu beantworten, man kann höchstens Anstöße geben und zuhören.

Ich denke oft darüber nach, und habe auch gewisse Schlüsse für mich daraus gezogen, z.B.
Aufschieben....NEIN Danke
Liebe leben.....JA bitte

Aber schon vorher war ich der Meinung, in der ich vielleicht noch bestärkt worden bin:
Ich habe mein Thema gefunden, glaube zu wissen, weshalb ich hier bin oder was ich zu tun habe.
Und zwar nicht in großangelegten Aktionen sondern klein und täglich.
Und könnte jetzt noch stundenlang darüber philosophieren.

Am Ende soll es heißen: Es war gut so.
lottesprotte hat geschrieben:
Ich habe mein Thema gefunden, glaube zu wissen, weshalb ich hier bin oder was ich zu tun habe.
Und zwar nicht in großangelegten Aktionen sondern klein und täglich.

Ja! Das spricht mir richtig aus der Seele!
Gutes Thema !
Meine letzte Stunde sollte bitte in weiter Zukunft liegen und ohne Schmerzen verlaufen.
Vielleicht einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen...das wäre perfekt....wenn es denn schon sein muß. Bis dahin gesund bleiben -auch im Kopf- nicht verblöden und jeden Tag geniessen als wenn es der Letzte ist.
Nur aus der qualvollen Angst sterben zu müssen können wir den Augenblick des Lebens geniessen. Ein ewiges Leben wäre langweilig weil nicht mehr intensiv empfunden.
Freud hat dies in eine Waage gesetzt, nur in der Ausgewogenheit (Tod-Leben) wissen wir um den Wert des Daseins.
Wenn man über 50 ist, ist der Rest des Lebens überschaubar.
Die Pläne für die Zukunft sind entsprechend.
Zum Schluss möchte ich meiner Nachwelt( Familie) nichts hinterlassen, was ich besser vorher geregelt hätte.
Der Grund für die persönliche Existenz ist die Geburt.
Wohin die Entwicklung des Menschen und der menschliche Gesellschaft in z.B. 1000 oder 10000 Jahren führen wird, kann man nicht abschätzen.
Da ist es unmöglich, einen übergeordneten Sinn zu finden.
Man kann sich damit trösten, dass die Sinnfrage nur beim Menschen und erst seit ca. 50000 Jahren besteht und die Evolution seit Anbeginn ohne Sinn ausgekommen ist.
institoris hat geschrieben:
Da ist es unmöglich, einen übergeordneten Sinn zu finden.

Hallo institoris - mir geht es bei diesem Thema gar nicht um die Sinnfrage, wobei die natürlich auch immer mitschwingt, wenn man an das Lebensende denkt. Lottesprotte hat so schön geschrieben, dass sie ihr "Thema" gefunden hat und zu wissen glaubt, was sie zu tun hat. So geht es mir gerade auch, und es tut mir gut, dass ich diese konkrete(n) Aufgabe(n) für mich sehe, von daher suche ich nicht mehr (wie früher) nach einem übergeordneten, abstrakten Sinn.

Mich beschäftigen aber eher die Versäumnisse, die dadurch entstehen, dass man etwas so lange aufschiebt, bis Dieses und Jenes erledigt ist. Und plötzlich ist das Aufgeschobene nicht mehr möglich. Ich habe das so im Hinblick auf meine Mutter erlebt: Sie war schwer krank, ihr Tod war abzusehen, aber dass sie dann so plötzlich sterben würde, damit hatte niemand gerechnet. Und ich war zu dieser Zeit so beschäftigt mit meiner beruflichen Neuorientierung, zusätzlich zu meiner Familie. Diese Aktivitäten waren zeitlich abzusehen, und ich dachte mir, dann habe ich genügend Zeit für sie. Ich hatte sie nicht mehr, und das hängt mir heute noch nach.

Damals habe ich mir vorgenommen, dass mir das NIE WIEDER passieren soll - dass ich über einen längeren Zeitraum den Kontakt zu mir nahestehenden Menschen vernachlässige, weil sich anderes (z.B. der Beruf) so sehr in den Vordergrund drängt. Ich bin da leider immer wieder gefährdet, von daher ist es gut, wenn ich dann auf so ein Buch stoße oder sonst immer wieder einmal mit diesem Thema konfrontiert werde.

Marcella.
marcella.,
du hast natürlich Recht, Sinnfrage ist hier nicht dasThema, aber lottesprotte hat damit angefangen.
Wenn man beruflich eingespannt ist, ergibt es sich, dass man nicht alle Kontakte und Beziehungen so pflegen kann, wie man möchte.
Da kann es passieren, dass ein nahestehender Mensch unerwartet stirbt und ewas zu klärendes bleibt ungeklärt oder man stellt einfach fest, dass man diesen Menschen seit z.B. 10 Jahren kontaktieren wollte und nicht dazu gekommen ist.
In unserem Alter treffen sich viele eben nur noch auf Beerdigungen.
institoris hat geschrieben:
In unserem Alter treffen sich viele eben nur noch auf Beerdigungen.

Das könnte man ändern - zumindest bei den Menschen, die einem wichtig sind.
Marcella ich finde, du hast damals richtig gehandelt, auch wenn du es anders siehst. Deine Mutter hätte es sicher verstanden. Es hätte doch auch ganz anders kommen können, du hättest das Berufliche vernachlässigt, weil du dich mehr um die Mutter gekümmert hättest. Sie wäre vielleicht nicht so schnell gestorben und dafür wäre das berufliche Vorhaben in die Grütze gegangen.
Du siehst - so viele "hättest, könntest, wolltest". Es ist einfach sinnlos, sich Vorwürfe im nachhinein zu machen.
Man ist im Leben so oft gezwungen, Prioritäten zu setzen. Später stellt man fest, man hat sie falsch positioniert. Aber die Betonung liegt eindeutig auf "später". Hinterher ist man immer schlauer, aber zum Zeitpunkt der Entscheidungen fand man es richtig.
Wenn ich bei meinen Entscheidungen stets alle Wenns und Abers abgeklappert hätte, wäre ich unfähig gewesen, Entscheidungen überhaupt zu treffen und das heißt Stillstand. Aber das Leben ist ständige Bewegung.
Ich würde gerne noch einen Gedanken hier einbringen:
Einer mir nahestehende Psychologin wurde auf einer Fortbildung die Frage gestellt:
"Was wünschen Sie, das auf Ihrem Grabstein steht?"
Sie hat geantwortet:
"Sie ist aufrecht durchs Leben gegangen"
In diesem Fall bedeutet das, daß die Psychologin sich wünscht, aufrecht durchs Leben zu gehen, was ihr nach eigenem Bekunden nicht gelingt.Sie ist aber nicht in der Lage, das zu ändern.

Ich switch jetzt mal um und stelle die Frage:
Was wünscht IHR euch, das auf eurem Grabstein steht?
Und glaubt ihr, es erreicht zu haben?
Ihr könnt mich zerstückeln, aber ich finde, das ist kein Thema für hier.
lottesprotte hat geschrieben:
Was wünscht IHR euch, das auf eurem Grabstein steht?

"Sie hat die Welt ein bisschen freundlicher gemacht"



lottesprotte hat geschrieben:
Und glaubt ihr, es erreicht zu haben?

Ich versuche es jedenfalls. Ob es mir gelingt, dass können nur die beurteilen, mit denen ich zu tun habe.