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Demisexuell: Was unsere Eltern einfach wahre Liebe nannten

Demisexuell: Was unsere Eltern einfach wahre Liebe nannten

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Es ist ein bisschen verrückt! Früher suchte man einfach den Menschen fürs Leben. Heute braucht jedes Gefühl ein Label, jede Vorliebe eine Kategorie und am besten noch ein eigenes Flag. Aber manchmal steckt hinter einem sperrigen Begriff eine simple, zeitlose Wahrheit.

Früher war man verliebt oder man war es nicht. Heute braucht jedes Gefühl eine Kategorie, jede Vorliebe ein Etikett und am besten noch ein eigenes Flag. Sapiosexuell, graysexuell, polysexuell, demisexuell – wer heute durch Dating Apps scrollt, benötigt ein aktuelles Glossar. Irgendwo zwischen dem zwölften und dreizehnten Begriff fragt man sich unweigerlich: Haben unsere Grosseltern einfach drauflos geliebt, ohne zu wissen, was sie taten? Ja. Und offenbar hat es trotzdem funktioniert. Trotzdem steckt hinter dem Begriff demisexuell ein Konzept, das viele Menschen ab 50 sofort wiedererkennen werden, nicht weil sie sich ein Etikett umhängen möchten, sondern weil sie genau so schon immer gefühlt haben. Sie nannten es damals nur anders: Anstand, Romantik oder schlicht gesunden Menschenverstand.

 

Was bedeutet demisexuell eigentlich?

Der Begriff bezeichnet Menschen, die sexuelle Anziehung nur dann empfinden, wenn eine tiefe emotionale Bindung zur anderen Person besteht. Kein Herzrasen beim ersten Date, kein Schmetterlinge-im-Bauch beim Anblick eines attraktiven Fremden. Stattdessen: echtes Kennenlernen, Vertrauen aufbauen, Nähe zulassen, und dann, irgendwann, Anziehung spüren. Das Wort setzt sich zusammen aus dem griechischen „demi" (halb) und „sexuell". Es liegt damit zwischen asexuell – also gar keine sexuelle Anziehung empfinden – und dem, was die meisten Menschen als selbstverständlich erleben. Demisexuelle empfinden durchaus Anziehung und Begehren, aber eben nur unter bestimmten emotionalen Bedingungen. Ohne diese Bindung: nichts. Egal wie attraktiv die Person ist.

 

Kenne ich das nicht schon längst?

Viele Menschen ab 50 reagieren auf diesen Begriff mit einem Schmunzeln oder nachdem man die Bedeutung liest mit einem  „Das bin doch ich!" Und tatsächlich: Was heute einen Namen hat, gab es natürlich schon immer. Frühere Generationen haben dieses Gefühl einfach als Zurückhaltung, Romantik oder gesunden Menschenverstand beschrieben. Man verliebte sich in den besten Freund oder die beste Freundin. Man heiratete jemanden, den man seit Jahren kannte. Man brauchte Zeit und das war völlig selbstverständlich. Der Unterschied heute: In einer Welt von Dating-Apps und Swipe-Kultur wird Schnelligkeit erwartet. Wer nach drei Dates noch keine körperliche Anziehung spürt, gilt schnell als desinteressiert oder kompliziert. Für demisexuelle Menschen ist das frustrierend und der Begriff gibt ihnen endlich eine Sprache dafür.

 

Wie fühlt sich das im Alltag an?

Ein erstes Date kann durchaus angenehm sein  aber von körperlicher Anziehung ist oft noch keine Spur. Das führt manchmal zu Missverständnissen: Der andere fühlt sich vielleicht nicht begehrt oder nicht attraktiv genug. Dabei liegt es gar nicht an der Person. Die Anziehung braucht bei demisexuellen Menschen einfach Zeit und emotionale Tiefe zum Entstehen. Dafür entstehen ihre Beziehungen oft aus langen Freundschaften oder intensiven gemeinsamen Erfahrungen. Die Liebe wächst langsam, aber wenn sie da ist, dann mit einer Intensität und Tiefe, die flüchtige Verliebtheit selten erreicht. Viele "demisexuelle" Menschen berichten, dass ihre Beziehungen besonders stabil, vertrauensvoll und dauerhaft sind. Qualität statt Quantität, sozusagen.

 

Demisexuell nach 50 – ein Vorteil?

Mit 50 oder 60 Jahren bringt man einen reichen Erfahrungsschatz mit. Man weiss, was man will und mindestens genauso gut, was man nicht will. Viele Menschen in dieser Lebensphase suchen ohnehin keine flüchtigen Begegnungen mehr, sondern echte Verbindung, Tiefe und Verlässlichkeit. Wer nach einer langen Ehe neu auf Partnersuche ist, stellt oft fest, dass die Gesellschaft Tempo erwartet. Doch gerade hier kann die Erkenntnis, "demisexuell" zu sein, richtig befreiend wirken: Es ist kein Fehler, langsam zu sein. Es ist keine Schwäche, Zeit zu brauchen. Es ist schlicht eine Eigenschaft und für viele eine sehr wertvolle dazu.

 

Was tun mit diesem Wissen?

Man muss sich nicht "demisexuell" nennen. Kein Mensch braucht ein neues Etikett auf der Stirn. Dieser Artikel soll einfach erklären, was hinter all den neuen Trendbegriffen steckt und manchmal stellt man dabei fest: Das kenne ich doch. Das bin doch ich. Das mache ich schon seit 30 Jahren so. Es geht darum, sich selbst besser zu verstehen und möglichen Partnern erklären zu können, wie man funktioniert. 

Im 50plus-Treff sind "demisexuelle" Menschen übrigens in ausgezeichneter Gesellschaft. Denn hier sucht die grosse Mehrheit genau das, was demisexuelle Menschen schon immer gesucht haben: eine echte Freundschaft, die langsam zu einer tiefen, dauerhaften Verbindung wird.

Irgendwie verrückt, oder? Früher suchte man einfach den Menschen fürs Leben. Heute braucht jedes Gefühl ein Label, jede Vorliebe eine Kategorie und am besten noch ein eigenes Flag. Aber manchmal steckt hinter einem sperrigen Begriff eine simple, zeitlose Wahrheit. Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses Artikels.

 

 

Foto:  simona / stock.adobe.com

Redaktion, 18.03.2026