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Können Singles glücklich sein?

Können Singles glücklich sein?

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Wir haben bei unserem Beziehungsexperten, Psychotherapeut Dr. med. Stefan Woinoff, nachgefragt. Das große Interview in 5 Teilen.

Hier stellen wir jede Woche neue Fragen an Dr. Woinoff rund um die Themen Partnersuche, Liebe und Beziehungen und teilen seine Antworten und wertvolle Tipps für alle auf der Suche nach einem neuen Partner.

 

 

50plus-Treff: Dr. Woinoff, können Singles glücklich sein?

 

Als erstes muss man definieren, wer überhaupt ein Single ist. Für mich sind das Menschen, die keinen festen Partner bzw. keine feste Partnerin haben. Sie können allein, aber auch z.B. in Wohngemeinschaften oder Mehrfamilienhaushalten wohnen. Und nicht alle Alleinlebenden sind Singles. Es gibt immer mehr Menschen, die zwar allein leben, aber eine feste Partnerschaft führen („living alone, beeing together“). Sie sind keine Singles im emotionalen Sinn, obwohl die steigende Zahl der Einpersonenhaushalte gerne als statistischer Beweis für die zunehmende Anzahl der Singles genommen wird.

 

Singles können sicherlich ein mehr oder weniger zufriedenes Leben führen und dabei glückliche Momente erleben, so wie Menschen in festen Beziehungen. Die Übergänge zwischen diesen beiden soziologischen Definitionen sind sowieso fließend. Die allermeisten Singles, die ich kenne und mir in meiner Praxis begegnen, fühlen sich nur als Single auf Zeit. Entweder suchen sie schon nach einem Partner/einer Partnerin, oder sie brauchen oder gönnen sich eine Auszeit zwischen zwei Partnerschaften. Sie genießen dann die Vorteile des Single-Lebens, können tun und lassen, was ihnen beliebt, sind niemandem Rechenschaft schuldig, brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, sich z.B. kurzfristig auf ein Liebesabenteuer einzulassen, und können neue Seiten an sich ausprobieren, die sie in der vorangegangenen Partnerschaft nicht ausprobieren bzw. ausleben konnten.

 

Wenn sie zufrieden und auch glücklich sind, dann auch deswegen, weil sie in der letzten festen Beziehung nicht mehr zufrieden und glücklich waren. Ihre aktuellen Gefühle als Single sind also nur im Vergleich zu ihren Gefühlen am Ende der letzten Partnerschaft so gut.

 

Wie sehr ein Mensch dieses Interims-Single-Dasein genießen kann, hängt einerseits von seiner letzten Partnerschaft ab und wie sie zu Ende gegangen ist, andererseits aber auch von seinem Grundcharakter. Wer verlassen wurde, ist eher ein unglücklicher, weil nicht selbstgewählter Single, wer verlassen hat, ist meist froh, eine Zeit lang nicht in einer Partnerschaft zu leben.

 

Manche Menschen haben allgemein die Fähigkeit, gut allein sein zu können und befinden sich mit sich selbst in guter Gesellschaft, andere dagegen leiden schnell unter dem Alleinsein und fühlen sich dann schnell einsam. In der Einsamkeits-forschung werden Menschen mit hoher oder niedriger Resilienz gegen Einsamkeit unterschieden. Der Grad der Einsamkeits-Resilienz ist vermutlich zum Teil angeboren, zum Teil entwickelt er sich auch im Laufe des Lebens aufgrund prägender Ereignisse. Insgesamt halten Männer Einsamkeit besser und länger aus als Frauen.

 

Menschen, die Single sind und definitiv Single bleiben wollen, gibt es nach meiner Erfahrung eher selten. Entweder waren vorangegangene Beziehungen so dramatisch, verletzend und traumatisierend, dass die Angst, dass so etwas wieder passieren könnte, jede Motivation zu einer neuen Beziehung erdrückt. Oder eine übergriffige, dominierende, traumatisierende und evtl. auch missbrauchende Behandlung durch einen oder beide Elternteile in ihrer Kindheit und Jugend hat jedes Vertrauen in eine gutgehende enge Beziehung zerstört.

 

Manchmal erklärt sich ein Dauer-Single-Dasein auch dadurch, dass der/die Wunsch-Partner/in einfach nicht zu bekommen ist. Dann bleibt man lieber allein, als eine/n „falsche/n“ Partner/in an seiner Seite zu haben.

 

Sicherlich hat ein Leben als Single auch einige Vorteile gegenüber einem Leben in fester Partnerschaft, es gibt aber entscheidende Nachteile: Auch wenn ein Single meist viele Freunde und Bekannte für alle möglichen Aktivitäten hat, so fehlt doch der Partner/die Partner für den Austausch von Zärtlichkeiten und für das gemeinsame Erleben von Sinnlichkeit und Sexualität. Auch gibt es niemanden, den man im erotischen Sinn liebt und von dem man sich so geliebt fühlt. Und wenn es den/die doch gibt, dann ist nach meiner Definition dieser Mensch kein Single mehr. Auf diesen wunderbaren Teil des menschlichen Lebens bewusst zu verzichten ist nach meiner Einschätzung ein zu hoher Preis für die möglichen Vorteile eines Singlelebens.

 

Allerdings geht der Trend aktuell eher in die Richtung des selbstverwirklichenden, freien Single-Daseins, an dessen Höhepunkt die „Sologamie“ steht: Ich heirate mich selbst, und zwar mit allem, was zu einer Hochzeit gehört, außer eben der Braut oder dem Bräutigam, die oder den man heiratet.

 

 

50plus-Treff: Warum soll man im Alter noch auf Partnersuche gehen?

 

Man „soll“ nicht auf Partnersuche gehen, sondern man „darf“ es tun. Manchmal verhindern Scham und Angst vor Peinlichkeit eine Partnersuche im Alter, auch wenn das Bedürfnis nach Liebe, Nähe und Zärtlichkeit sehr wohl vorhanden ist. Eine Partnerschaft gerade im Alter ist der beste Schutz gegen Einsamkeit, Zärtlichkeit ist wissenschaftlich erwiesen äußerst gesund und die allermeisten Menschen empfinden geteiltes Glück als doppeltes Glück. Insbesondere die Kinder fühlen sich meist erleichtert, wenn der Vater und/oder die Mutter nicht mehr Single ist und wieder eine Liebe gefunden hat. Dann fühlen sie sich weniger in der Pflicht.

 

Insgesamt bedarf es hier eines gesellschaftlichen Wandels, damit Liebe und Sexualität im Alter wieder als etwas ganz Normales angesehen wird, und die Oma ihrem Enkelkind sagen kann: „Morgen habe ich ein Date mit einem netten älteren Mann, mal sehen, ob der auch gut küsst?!“

 

 

50plus-Treff:  Was soll man machen, wenn sich die erste Online-Bekanntschaft als Enttäuschung herausstellt?

 

Sicherlich kann man versuchen zu „analysieren“, weshalb es zu dieser Enttäuschung gekommen ist. Hatte ich zu hohe Erwartungen? Habe ich mich vielleicht ungeschickt, falsch oder unehrlich verhalten? Oder lag es nicht an mir, vielleicht auch nicht am Gegenüber, sondern haben wir einfach nicht zusammengepasst?

 

Dass eine Online-Bekanntschaft zu einer Enttäuschung führen kann, so wie jede andere Bekanntschaft auch, sollte man von vornherein mit einpreisen. Das kann vorkommen.

 

„Wer suchet, der findet“ und „Erfolg haben ist einmal mehr aufstehen als hinfallen“ sage ich in so einem Fall gerne meinen Patienten bzw. Patientinnen. In jedem Fall sollte man weitersuchen. Meist dauert es eine Weile und doch einige Dates, bis sich der oder die Richtige schließlich findet.

 

 

Foto: (c) Dr. med. Stefan Woinoff Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Marianna, 18.08.2022